Nicht mehr als 350 Euro im Monat wollte Johanna Tews für das Wohnen ausgeben. Das ist die Hälfte ihres Bafögs. Sie suchte im Internet nach freien Zimmern oder Wohnungen, um selbst eine WG zu gründen. Auf Dutzende Bewerbungen erhielt sie kaum Antworten.

Ein Mann schrieb auf Englisch, sie solle Geld auf ein Konto überweisen. Ein anderer bot sich als Sklave an. Mittlerweile hat die 18-Jährige ihr Budget auf 450 Euro erhöht. Und sucht sie immer noch.

Die Wohnungsnot unter Studienanfängern in Berlin ist groß. Mittlerweile so groß, dass die Berliner Landes-Asten-Konferenz den Senat nun sogar auffordert, Notunterkünfte für Studierende einzurichten. Die Organisation ruft betroffene Studenten dazu auf, ihnen persönliche Erfahrungsberichte über die aussichtslose Wohnungssuche zu senden.

Verzweifelte Studenten

Johanna Tews steht im Foyer des Hauptgebäudes der Humboldt-Uni, wo sich in diesen Tagen Erstsemster an Infoständen treffen. Manche Kommilitonen wohnen seit Wochen in Hostels, erzählt sie. Unter den Studenten kursiert die Geschichte, dass Kommilitonen im letzten Semester in Zelten lebten, weil sie keine Bleibe fanden.

Auch Monique Momberg trifft jeden Tag verzweifelte Studenten. Sie ist Beraterin beim Studierendenwerk und kümmert sich im Service-Center um die Wünsche der Studenten. „Viele wissen nicht, wo sie nächste Woche bleiben sollen“, sagt die 29-Jährige.

Die Preise für durchschnittliche Studentenwohnungen stiegen in Berlin in den vergangenen Jahren um 70 Prozent. Im Schnitt zahlen Studierende bereits 410 Euro für ein WG-Zimmer. Private Anbieter deklarieren aber auch möblierte Mikro-Apartments als „Studenten-Wohnungen“ und verlangen dann 500 bis 700 Euro im Monat. Preiswerter Wohnraum ist rar – und wird eine bezahlbare Wohnung frei, vermieten Eigentümer lieber an Familien oder Paare als an Wohngemeinschaften.

Nur fünf Prozent aller Studierenden steht öffentlich geförderter Wohnplatz zur Verfügung

Gleichzeitig wächst die Konkurrenz. Etwa 180 000 Studenten waren 2016 an Berliner Universitäten eingeschrieben, rund 35.000 von ihnen im ersten Semester. In diesem Jahr dürften es noch ein paar Tausend mehr werden. Die Tendenz ist seit Jahren steigend.

Wie viele Erstsemester aktuell noch auf Wohnungssuche sind, lässt sich nur schwer schätzen. Auf der Warteliste des Studierendenwerks für einen Platz im Wohnheim stehen über 5.000 Namen. Insgesamt gibt es in den 33 Wohnanlagen des Werks 9.380 Plätze. „Damit steht nur für fünf Prozent aller Studierenden ein öffentlich geförderter Wohnplatz zur Verfügung. Das ist die schlechteste Quote bundesweit“, sagt Beraterin Momberg. Sie bemängelt, dass Berlin zu langsam neue Studentenwohnungen baut.

Im Jahr 2015 beschloss der Senat, 5.000 zusätzliche Wohnplätze zu schaffen. Etwa die Hälfte davon realisieren die landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften, die andere Hälfte die Berlinovo, die landeseigenen Immobilien-Agentur. Die eröffnete im Sommer ein Studentenwohnhaus in der Storkower Straße mit 141 Plätzen. Bis 2020 sollen es 2.500 Wohnungen.

„Ich hätte nach Fürstenwalde ziehen können“

Bis dahin, so hoffen Henri Fruneau und Beniamin Kobos, haben sie ihr Studium beendet. Auch die beiden sind Erstsemester. „Ich habe bei WG-Castings verschwiegen, dass ich nur ein halbes Jahr bleibe“, sagt der 25-jährige Franzose Fruneau. Weil internationale Studierende oft keine langfristigen Mietverträge suchen und Papiere wie von der Schufa erst besorgen müssen, ist die Suche für sie besonders schwer. Fruneau fand über Freunde ein Zimmer in Friedrichshain.

Mit seiner Bleibe in einem der Szenebezirke ist der Franzose im Foyer der HU eine Ausnahme. Viele, die man hier fragt, wohnen jetzt in Marzahn, Reinickendorf, Schöneweide oder Lichtenberg. Beniamin Kobos erzählt auch von Wohnungsangeboten aus Brandenburg. „Ich hätte nach Fürstenwalde ziehen können“, sagt der 22-jährige Pole. „Aber dann hätte ich auch gleich hinter die polnische Grenze ziehen können.“ Das habe er tatsächlich überlegt. In Slubice etwa lebten Studenten für 90 Euro Miete im Monat. Doch Kobos kam erstmal bei Verwandten unter.

Auch Johanna Tews wohnt nun erstmal bei einer Tante in Karow. Doch am Stadtrand will sie nicht bleiben. „Das Schöne am Studentenleben ist doch, dass man sich unter Gleichgesinnten bewegt.“ In Karow gebe es aber keine Studenten. Johanna Tews will nun mehr arbeiten, um sich eine teurere Wohnung leisten zu können. Denn es ist gut möglich, dass sie ihr Limit von derzeit 450 Euro weiter in die Höhe setzen muss.