Berlin - Razvan-Florin C. sitzt mit strenggescheitelten Haaren und gebügeltem Hemd auf der Anklagebank. Mit zusammengepressten Lippen verfolgt er das Geschehen. Der 29-Jährige muss sich wegen Mordes aus niedrigen Beweggründen vor Gericht verantworten. Keine drei Meter entfernt von ihm sitzen die Eltern des getöteten Karl M.

Dessen Schicksal ging durch die Medien, ein Mord an einem jungen, 19-jährigen Unionfan, der gerade von einem Fußballspiel kam. Doch diese Geschichte stimmt nicht. Karl M. hatte die Stunden vor der Tat nicht auf der Stadiontribüne, sondern mit Freunden in einem Park verbracht. Seine Eltern tragen schwarz. Der Vater schaut Razvan-Florin C. immer wieder aufmerksam an. Der Angeklagte findet an diesem ersten Verhandlungstag kein Wort der Entschuldigung für Mutter und Vater.

Razvan-Florin C. soll am 9. Februar dieses Jahres gegen 17 Uhr auf einem Supermarktparkplatz in Prenzlauer Berg dem 19-jährigen Karl M. einen „wuchtigen Messerstich in den linksseitigen Brustkorb“ versetzt haben, um ihn zu töten. So heißt es in der Anklage. Dem Angeklagten sei es dabei nur darum gegangen, „aufgestaute Aggressionen an dem ihm völlig unbekannten Opfer abzureagieren“. Der Messerstich verletzte den linken Lungenunterlappen und öffnete den Herzbeutel. Einen Tag später starb Karl M. in einem Krankenhaus.

Der Angeklagte Razvan-Florin C. sagt nichts zu den Vorwürfen

Der Angeklagte sagt an diesem Tag nichts zu den Vorwürfen, er verweist auf seine Aussage bei der Polizei. Demnach hatte er drei Tage vor der Bluttat angefangen, Alkohol zu trinken und Drogen zu nehmen. Laut seiner Aussage aß und schlief er tagelang nicht, sprühte Farbe auf Leinwände, pokerte im Internet. Ab und zu ging er mit seinem Husky-Mischling Liro spazieren. So auch am Tattag. Er besorgte sich mehrere Flachmänner Pfefferminzlikör und Bier, traf sich mit einer Bekannten, zog durch Läden, um sich weiter mit Alkohol einzudecken. Die nächste Station sollte der Supermarkt nahe der Schönhauser-Allee-Arkaden sein. Auf dem Parkplatz seien zwei ihm völlig fremde Jugendliche an ihnen vorbeigelaufen, erklärte der Angeklagte bei der Polizei. Sie hätten ihn beleidigt. An die genauen Worte könne er sich nicht mehr erinnern. Es gab eine Schlägerei. Karl M. und dessen Begleiter wollten angeblich Geld und Handy. Razvan-Florin C. will in der linken Hand von Karl M. schließlich ein Messer gesehen haben. Er habe Karl M. nur in den Arm stechen wollen, so der Angeklagte. Daran, dass er die jungen Männer beleidigt hat, wie es Zeugen sagen, kann er sich nicht erinnern. Auch nicht an seine Drohung: „Ich stech’ dich ab!“ Nach dem tödlichen Stich folgte er seiner Bekannten zum Supermarkt. Er trank weiter Bier, als wäre nichts geschehen. Bei seiner Aussage habe der Angeklagte keinerlei Emotionen gezeigt, sagt der Vernehmungsbeamte.

Lukas S. ist erst 16 Jahre alt. Er war zur Tatzeit mit Karl M. unterwegs. Sie hatten sich gerade von Freunden getrennt, ihr Ziel war ein Fast-Food-Restaurant in den Arkaden. Auf dem Zeugenstuhl sitzt ein schmächtiger Junge. Er erzählt, dass Karl an jenem Tag fröhlich und nett gewesen sei. Er kann sich noch an den Mann mit Hund erinnern, der ihnen entgegenkam. Der Hund sei „voll süß gewesen“, sagt Lukas S. Der Mann aber habe einen Blick gehabt, als hätte er was genommen. „Voll auf Koks.“

Der Angeklagte Razvan-Florin C. ist mehrfach vorbestraft

Und dann ging es los. Razvan-Florin C. habe sie als Schwuchteln beschimpft, dann als Hurensöhne. „Ich habe Karl gesagt, wir ignorieren das“, erinnert sich der Zeuge. Doch da sei der Angeklagte ihnen schon hinterhergerannt, er habe Karl mit der Faust zweimal ins Gesicht geschlagen. „Das war eine Situation wie aus dem Nichts. Ich habe bis heute dafür keinen Grund gefunden“, sagt Lukas S. „Lass mich doch in Ruhe und verpiss dich“, soll Karl M. zu dem Angreifer gesagt haben. Da habe der Mann auf den 19-jährigen Altenpfleger eingestochen.

Lukas S. spricht von seiner Angst, dem Schock. Er bestreitet, Razvan-Florin C. beleidigt zu haben. Auch hätten sie weder Geld noch Handy gefordert. Er gibt aber zu, dass Karl M. ein Klappmesser dabeihatte. Bei der Polizei hatte er nach dem Tod seines Freundes erklärt, dass Karl das Messer nach den Faustschlägen „zur Abschreckung“ aus seinem Rucksack genommen, es aber nicht aufgeklappt habe.
„Die Tat hat etwas mit Alkohol und Drogen zu tun und auch mit der Tatsache, dass C. seinem Leben nie einen Sinn gegeben hat“, sagt Rechtsanwalt Gregor Gysi, der die Mutter von Karl M. vertritt, in einer Verhandlungspause. Der Angeklagte habe keine Ausbildung und keine Arbeit, er sei mehrfach vorbestraft. Zeugen hätten den Angeklagten als lieb und nett bezeichnet, aber auch als jemand, der schnell ausraste. Razvan-Florin C. soll öfter seinen Hund getreten und geschlagen haben. Die Aussage des Angeklagten, die jungen Männer hätten ihn ausrauben wollen, hält Gysi für „absoluten Blödsinn“.