Der Aufsichtsrat der Olympiastadion GmbH ist ein überschaubares Gremium. Sportsenator Frank Henkel (CDU) leitet ihn, außerdem sitzt sein Amtsvorgänger Klaus Böger (SPD) als Präsident des Landessportbunds am Tisch, sowie eine Vertreterin der Finanzverwaltung. Allzu kontrovers sind die Tagesordnungen normalerweise nicht. An diesem Mittwoch aber müssen sich die drei Aufseher mit einem Bericht befassen, der unangenehm ist für den vierten Teilnehmer der Sitzung: Geschäftsführer Joachim E. Thomas.

Henkel hat Thomas’ Abrechnungen von Wirtschaftsprüfern kontrollieren lassen. Dabei sollen Unregelmäßigkeiten aufgedeckt worden sein. Unter anderem soll Thomas bei Dienstreisen in einigen Fällen in der Business- statt in der Economy-Klasse geflogen sein, bei Hotelübernachtungen soll er den Kostenrahmen von 80 Euro pro Nacht mehrfach überschritten haben, außerdem soll er auf Dienstreisen erworbene Bonuspunkte außerdienstlich genutzt haben. Sollten die Vorwürfe zutreffen, so hätte Thomas gegen entsprechende interne Richtlinien verstoßen.

Weitere Vorwürfe: Thomas soll dem Marketingchef von Hertha BSC und der SPD-Abgeordneten Iris Spranger kostenlos Räume überlassen haben, obwohl sie hätten zahlen müssen. Und er nutzt einen Dienstwagen, der teurer ist, als die Richtlinien vorsehen.

Für den Dienstwagen, einen VW Touareg, zahlt freilich nicht die Olympiastadion GmbH, sondern die Volkswagen AG. Das Unternehmen hat mit dem Olympiastadion einen Sponsoringvertrag im Rahmen des DFB-Pokals geschlossen, wie ein Sprecher der Berliner Zeitung bestätigte. VW erhält bestimmte Werbeflächen, im Gegenzug überlässt das Unternehmen der Stadiongesellschaft vier Autos: einen Bus, einen Passat, einen Kleinwagen und den Touareg.
Ob die Nutzung dieses Fahrzeugs zu beanstanden ist, ist unklar. „Er sollte es mit dem Aufsichtsrat abstimmen“, sagte der Grünen-Abgeordnete Jochen Esser der Berliner Zeitung. Ein unmittelbarer Schaden ist dem Land bei dem Vorgang zumindest offenbar nicht entstanden.
Möglicherweise geht es denn auch nur vordergründig um den dicken Wagen und zweifelhafte Belege. Der selbstbewusst auftretende Thomas und Henkel haben dem Vernehmen nach unterschiedliche Ansichten in verschiedenen Detailfragen. So kann dem Stadionmanager nicht gefallen haben, dass Henkel die Zuschüsse für das Leichtathletik-Festival Istaf, eine der beliebtesten Veranstaltungen, deutlich gekürzt hat.

Unabhängiger von Hertha

Thomas’ Bilanz jedenfalls kann sich sehen lassen. Im Juli 2010 trat er als Geschäftsführer an, den Aufsichtsratsvorsitz hatte seinerzeit noch der damalige Sportstaatssekretär Thomas Härtel (SPD) inne. Joachim E. Thomas bemühte sich, das Olympiastadion aus der Verlustzone zu holen und es unabhängiger vom Hauptkunden Hertha BSC zu machen – nach dem Abstieg in die Zweite Liga war die finanzielle Situation des Vereins im Jahr 2010 so prekär, dass der Senat ihm die Miete erlassen musste.
Beide Ziele hat Thomas erreicht, wie aus dem Beteiligungsbericht des Senats hervorgeht. Das Stadion schrieb zuletzt keine Miesen mehr, und die Zahl der Veranstaltungen stieg deutlich an, von 43 im Jahr 2011 auf 93 im Jahr 2012. Das ist beachtlich, da das Stadion wegen seiner Größe und der häufigen, relativ kurzfristigen Belegung durch Hertha schwer zu vermarkten ist. Schon möglich, dass man Thomas auch in Zukunft braucht.