Berlin-KreuzbergEs sieht alles so normal aus an diesem Samstagvormittag im Bateau Ivre auf der Kreuzberger Oranienstraße: Hinterm Tresen zischt die Kaffeemaschine, der Barmann trocknet Gläser, am Tisch in der Ecke trinkt eine junge Frau Ingwertee und liest ein Buch, daneben sitzt eine Familie und frühstückt, ein Mann blättert in einer Zeitung, ein anderer schaut gebannt auf seinen Laptop. So normal. Aber nach über einem halben Jahr mit Corona ist Normalität fragil geworden, und deshalb möchte man sich diesen Moment einrahmen. Wer weiß, wann wir wieder im Café sitzen werden. Sicher ist nur: Es wird der Moment kommen, wo uns das sehr fehlen wird.

Am Mittwoch hat die Bundesregierung verkündet, dass im November alle Gastronomiebetriebe schließen müssen. Am Donnerstag beschloss der Berliner Senat den Teil-Lockdown für die Stadt. Ab Montag hat also alles zu: Restaurants, Bars, Cafés. Auch das Bateau Ivre, Kreuzberger Institution seit 21 Jahren – morgens gibt es hier Kaffee und Zeitungen, mittags was Warmes und abends Tapas, Wein und Bier.

Atalay Aktas, 39, sitzt an einem Tisch draußen auf dem Bürgersteig und trinkt einen Espresso, der M29er rauscht vorbei, Polizeiwagen mit Sirenen, und ständig bleibt jemand stehen und sagt Hallo. Seit anderthalb Jahren gehört Aktas das Bateau. Er bemüht sich, optimistisch zu klingen. „Für uns ist gerade noch sehr undurchsichtig, wie das mit den Hilfen dieses Mal laufen wird“, sagt er.  „Aber was man so liest, klingt ja ganz gut.“

So wie Aktas ist es wohl den meisten Gastronomen in dieser Stadt gegangen: Sie haben sich mit den Soforthilfen von Senat oder Bund durch den Lockdown gerettet, sind dabei erfinderisch geworden, haben, wie das Bateau, die Fenster zu Essens- und Getränkeausgaben umfunktioniert und ihren Gästen Gerichte nach Hause geliefert. Was gut funktioniert, wenn man Burger, Döner, Pizza verkauft, und eher schlecht, wenn wie im Bateau das große Käsefrühstück das Aushängeschild auf der Karte ist. „Unsere Existenz war vom ersten Tag an bedroht“, sagt Aktas.

Wie im März wird er jetzt also wieder alle Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken – 14 sind es insgesamt, davon zehn fest –, wird auch irgendwie dafür sorgen, dass die drei Aushilfen nicht leer ausgehen. Die Reinigungskraft musste er schon im ersten Lockdown entlassen, seitdem putzt er selbst oder jemand aus seiner Familie. „Alle helfen mit, anders geht es nicht.“

Das Gesellige ist wichtig für die Menschen, man braucht einen Ort, wo man die Seele baumeln lassen kann.

Atalay Aktas, Inhaber vom Bateau Ivre

Und dann wird er wieder selbst im Laden stehen. Fensterverkauf. Natürlich ist das ganz und gar nicht das Gleiche. Denn erstens: Wer bestellt schon Tapas zum Mitnehmen – im November? Und zweitens gibt es Dinge, die kann man nicht liefern, die gibt es auch nicht to go.

„Das Gesellige ist wichtig für die Menschen“, sagt Aktas, „man braucht einen Ort, wo man die Seele baumeln lassen kann, einfach nur da sitzen, quatschen, die Dynamik der Straße beobachten.“ Der Gedanke, dass die Oranienstraße bald wieder so leer ist, „dass nur noch ein Heuballen fehlt, der wie im Western über die Straße weht“, macht ihn traurig. Eine Stadt, das sind nicht nur die Häuser und Asphalt, sondern die Menschen, die darin leben und sich begegnen. Selten geht das so gut wie in Bars und Cafés: Zusammen ist man weniger allein.

Wie ein Gemälde von Edward Hopper: Das Bateau Ivre wird ab Montag leer sein.
Foto: Sabine Gudath

Als das Bateau nach dem ersten Lockdown am 15. Mai wieder öffnete, war ja auch schon alles anders. Die neue Normalität. Die mit Hygienekonzept. Die Kellner hier tragen Masken und passen auf, dass auch kein Gast ohne Maske durch den Laden spaziert; sie desinfizieren die Tische und die Kugelschreiber, mit denen die Gäste die Kontaktlisten ausfüllen. Aber bei den Plexiglasscheiben, wie sie viele Restaurants zwischen ihre Tische gestellt haben, war für Aktas Schluss. „Das macht doch alles kaputt“, sagt er, „dich wie im Knast zu fühlen, dafür dass zwei Gäste mehr reindürfen, das wollten wir nicht, da wäre der ganze Charme weggewesen.“ Also baute er lieber ein Drittel der Tische und Stühle ab. Seinen Gästen sei das kaum aufgefallen. Sieht ja aus wie immer bei euch, sagten sie. Seine Mitarbeiter achten darauf, dass niemand zu dicht beieinandersitzt. Wobei man von erwachsenen Menschen auch verlangen könne, dass sie das selbst hinbekommen, findet Aktas.

Plötzlich war er als Inhaber ständig verantwortlich. Er engagierte einen DJ, immer freitags, damit seine Gäste, die so ausgehungert nach Vergnügen waren nach dem ersten Lockdown, etwas Schönes zu hören bekamen. Keine Tanzfläche, klar. Auf dem regennassen Bürgersteig sind noch Reste von dem grünen Klebeband zu sehen, das er als Abstandsmarkierung auf den Boden klebte. Wegen der Musik blieben dann aber immer mehr Leute auf der Straße stehen, gar nicht seine Gäste, einfach so, mit dem Bier vom Späti in der Hand, es war Sommer und die Pandemie manchmal, nur kurz, vergessen. Dann kam die Polizei. Und Aktas musste seinen Laden räumen. Und Strafe zahlen.

„Das Bateau ist halt der Nabel dieser Straße“, sagt er. „Uns haben sie hier immer besonders im Auge.“ Auch das ist jetzt normal: Wer Spaß haben will, ist verdächtig. Egoistisch sowieso. Hedonist wurde zum Schimpfwort.

Wie viele Corona-Ausbrüche dank Polizeieinsatz im Sommer verhindert wurden, ist nicht bekannt. Fakt ist: Die Verluste vom Lockdown wieder reinzuholen, das gelang wohl kaum einem Gastronomen unter diesen Bedingungen.

Warum sollte ich plötzlich Pizza verkaufen?

Atalay Aktas

Es ist auch nicht so, dass Not immer nur erfinderisch macht. Aus einem Laden wie dem Bateau wird nie ein Lieferheld. „Wir machen das weiter, was wir können“, sagt Aktas. „Warum sollte ich plötzlich Pizza verkaufen?“ Da schickt er die Leute lieber ins Oregano nach nebenan. Gute Nachbarschaft sei ihm wichtig, sagt er. 

Für Aktas ist Corona auch eine Probe: Wie gut können wir als Gesellschaft zusammenhalten? Helfen wir uns gegenseitig? Oder sind wir wie zwei Ertrinkende – klammern uns an den anderen, um uns selbst zu retten, auch wenn der andere dann untergeht? Er hat sich genau gemerkt, wer ihm im ersten Lockdown schnell eine Rechnung schickte, auch wenn es um kleine Beträge ging, sein Geld einforderte, aus Angst, Aktas könne bald pleite sein und dann nicht mehr zahlen. „Mit denen habe ich die Zusammenarbeit beendet.“

Aber da waren auch die Stammgäste: Die kauften sich einen Kaffee zum Mitnehmen, legten einen 50-Euro-Schein auf den Tresen und sagten: Stimmt so. Oder ließen sich für 100 Euro einen Gutschein ausstellen. Als sie nach dem Lockdown wieder zum Frühstücken kamen, winkten sie ab: Lass mal gut sein, du kannst es gebrauchen. Als hätten sie es schon geahnt: Nach dem Lockdown ist vor dem Lockdown.

Ein großgewachsener Mann schiebt sein Fahrrad an Atalay Aktas vorbei, es ist Laurent, der alte Besitzer vom Bateau Ivre. „Kommst du heute noch mal?“ ruft Aktas ihm hinterher. Laurent nickt. Abschied nehmen.