Berlin - Ilka Triesethau (38) brachte das Anliegen von über 240.000 Demonstranten auf ihrem Bauch auf den Punkt: „Wir brauchen Liebe“ prangte auf der prachtvollen Babymurmel der Handelsvertreterin, die sich der Riesen-Demo „#unteilbar“ angeschlossen hatte. Es ging darum, dass die Gesellschaft einig ist, sich spalterischer und fremdenfeindlicher Hetze entgegenstellt.

Die Bremerin Ilka, zu Besuch in Berlin, schloss sich der Demo an, um „Farbe zu bekennen“. Es ginge nicht an, Ausländer auszugrenzen und zu verprügeln. Das Problem sei zwar komplex, aber auch wenn der eine oder andere Flüchtling Sozialleistungen missbrauche: „Wir müssen den Bedürftigen helfen, das Vertrauen an das Gute und die Nächstenliebe nicht vergessen.“

„Liebe zeigen“ wollte auch die seit drei Jahren in Berlin lebende japanische Erzieherin Maana Sasaki (29). Sie kam mit einem Plakat, auf dem ein aus lauter bunten Fischen gebildeter Fisch einen braunen Fisch im Maul hat. Offenen Rassismus hat sie noch nicht erlebt, „aber ich habe oft das Gefühl, so angesehen zu werden, als ob ich anders sei.“

Eine Unzahl von Vereinen, Verbänden, Gewerkschaften und Parteien hatte zu der Demo aufgerufen – gegen rechte Hetze, Diskriminierung von Ausländern, das massenhafte Ertrinken im Mittelmeer und Einschnitte ins Sozialsystem.

Nur die Berliner CDU griff daneben: Sie beteiligte sich nicht, weil der Anmelder zur „Roten Hilfe“ gehört, die linksextreme Straftäter in Haft unterstützt. 

Das war den allermeisten Teilnehmern nicht bewusst und offenkundig auch gleichgültig. Sie führten viele selbst gemalte Plakate wie „Herz statt Hetze“ mit, die häufig aber die rechte Seite des politischen Spektrums angriffen: „Ekelhafd“ oder „Seebrücke statt Seehofer“ war zu lesen, „Rassismus ist keine Alternative“ oder „Die Welt ist bunt, nur Sch... ist braun.“

Die Demonstranten, die bei strahlendem Sonnenschein und gut gelaunt vom Alex zum Großen Stern wanderten, waren eine bunte Mischung: Alt und Jung, Familien, Blocks linker türkischer Vereine, Flüchtlingsunterstützer. Zu ihnen zählt die Projektmanagerin Katharina Brandt (31), die mit Mitstreitern Bewohnern einer Flüchtlingsunterkunft in der Straßburger Straße hilft. „Keine Ankerzentren, ich will Nachbarn“ forderte sie auf einem Plakat: „Es ist wichtig, laut zu sein, weil es viele rassistische Demos gibt.

Die stille Mitte muss sich gegen den Ausschluss von Menschen stellen.“ Der Marketingleiter Oliver Kling (31) kam mit einem Plakat „Bunt statt Grauland“ wollte Gesicht zeigen und sich dafür einsetzen, die richtigen Themen in der Gesellschaft zu diskutieren. Weniger laut über „Krise“, „Diesel“, „Flüchtlinge“, weniger leise über gemeinsame Zukunft, gemeinsame Bildung, Pflege, Altersvorsorge.

„Wir spüren den Gegenwind des Hasses.“

Extra zur Demo angereist waren Rolf Sänger-Diestelmeier (69) und seine Frau Johanna (66). Der Leiter des Vereins „Zuflucht“, der sich um Flüchtlinge kümmert: „Wir spüren den Gegenwind des Hasses, Diskussionsverweigerung und die Wiederkehr von Parolen wie ,Die nehmen uns die Arbeit weg’, was mit der Realität nichts zu tun hat.“
Arbeit sei sehr wichtig für Flüchtlinge, sagte der Berliner IG-Metall-Chef Klaus Abel, der an der Spitze der Demo mitging: „In den Betrieben funktioniert das Zusammenleben. Wir hoffen, dass dieses Erleben in die Gesellschaft ausstrahlt und gegen rechte Parolen hilft.“ 

Deshalb sei es notwendig, dass Flüchtlinge leichter Arbeit finden und nach einer Ausbildung nicht abgeschoben werden. 

Am Nachmittag versammelten sich die Demonstranten, die den 900 Polizisten nichts zu tun gaben, allmählich am Fuß der Siegessäule. Dort gab es mehrere Ansprachen, aber vor allem klang die Demo so aus, wie sie verlaufen war: als ein Fest der Gemeinsamkeit. Dazu waren eine Reihe von Künstlern angekündigt – darunter Herbert Grönemeyer, The Bunkers oder Dirk von Lowtzow (Tocotronic).

Die Straßensperrungen, die zu dichtem Verkehr und Staus im Umfeld der Demo geführt hatten, werden bis zum heutigen Sonntag, gegen 9 Uhr, wieder aufgehoben sein.