Teilnehmer der Demonstration des Bündnisses „Unteilbar“ in Berlin. 
Foto:  dpa/Kay Nietfeld

BerlinDie Vorgaben waren streng und klar: Abstand und Maske. So lauteten die coronabedingten Spielregeln für die „Unteilbar“-Demonstration am Sonntagnachmittag in Berlin und in zehn anderen deutschen Städten. Schon kurz nach 14 Uhr war es so weit: Die neun Kilometer lange Menschenkette zwischen Brandenburger Tor und Hermannplatz war geschlossen, das „Band der Solidarität“ stand. Tausende Menschen demonstrierten damit unter dem Motto #SogehtSolidarisch gegen soziale Ungerechtigkeit sowie Menschenfeindlichkeit und Rassismus.

Der Aufwand für die coronagerechte Meinungsbekundung war beträchtlich. Die vielen Bündnisorganisationen von „Unteilbar“ – insgesamt gibt es 130 - hatten jeweils Straßenabschnitte übernommen, an denen sie „verantwortungsbewusst und mit Abstand“ auf Einhaltung der Regeln achten sollten. So wurden vielerorts entlang der Strecke bereits eine Stunde vor Beginn akkurat Abstände vermessen, mit Kreide Aufstellpunkte auf die Straße markiert und bunte Bänder auf die entsprechende Länge zugeschnitten. Klimaktivistin Luisa Neubauer freute sich in einem Post: „Solidarisch, mit Maske und Abstand. So schön.“ 

„Omas gegen Rechts“ waren ebenso dabei wie der Kinderzirkus Cabuwazi, Amnesty International, die Flüchtlingsretter von Seebrücke oder ein Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung. Zwischen Alexa und Jannowitzbrücke in Mitte baute sich die SPD auf – und das mit geballter Prominenz. Rechts und links neben Bundesfamilienministerin Franziska Giffey reihten sich Juso-Chef und Bundesvize Kevin Kühnert sowie der Berliner Fraktionsvorsitzende Raed Saleh ein, mit dem zusammen Giffey bekanntlich ab Oktober die hauptstädtische SPD führen will.

Alle drei hielten betont Abstand, die obligatorische Maske vor Mund und Nase. Tatsächlich hatten Giffey, Kühnert und Saleh einen Ruf zu verlieren. Schließlich hatte erst tags zuvor ihr Parteifreund, der Gesundheitsexperte Karl Lauterbach, im Tagesspiegel vor einer massenhaften Ansteckung mit dem Coronavirus durch die „Unteilbar“-Demonstrationen gewarnt. Einmal in Schwung, hatte Lauterbach gemutmaßt, würden dort im Zweifel die Abstände eben nicht eingehalten, „da wird gerufen und skandiert auf engem Raum – das sind ideale Bedingungen für eine Verbreitung des Virus durch Superspreader“, so Lauterbach. Jedenfalls riskiere Berlin, „die erste Stadt in Deutschland mit großen Corona-Hotspots“ zu werden. Auch der Regierende Bürgermeister Michael und Müller und Innensenator Andreas Geisel (beide SPD) hatten zur unbedingten Einhaltung der Hygieneregeln aufgerufen.

Die Skepsis wurde durch zwei Demonstrationen an den vergangenen beiden Wochenenden in Berlin genährt. Vor zwei Wochen war eine Bootsparty auf dem Landwehrkanal, bei der ein Bündnis von Clubbetreibern auf die Misere der Branche aufmerksam machen wollte, im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Ruder gelaufen. Tausende feierten in Schlauchbooten, unzählige saßen und standen am Ufer und bestaunten das Treiben. Auf Abstand oder Mundschutz achteten dabei nur wenige. Vorige Woche versammelten sich mehr als zehntausend Menschen auf dem Alexanderplatz, um unter dem Motto „Black Lives Matter“ gegen Rassismus zu demonstrieren. Wieder hielten sich zu wenige an die Corona-Regeln.

Wen immer der vorauseilende Lauterbach mit seinem Szenario des Schreckens gemeint haben könnte, seine Berliner Parteifreunde wollten es an diesem Sonntag keinesfalls sein. Keiner rief, keiner skandierte, keiner schrie. Diszipliniert standen die Sozialdemokraten in einer lockeren Reihe, verbunden durch bunte Bänder. Und auch nur die Promis unter ihnen durften per Mikrofon ein lautes Wort an die Mitstreiter richten. „Es ist wichtig, sich zu zeigen, gegen soziale Ungerechtigkeit und Menschenfeindlichkeit zu demonstrieren“, sagte Franziska Giffey, „und es ist genau so wichtig, dass wir dies auf eine der Corona-Krise angemessene Art tun.“ Der Berliner Zeitung sagte sie am Rande: „Mehr als hier kann man für die Sicherheit nicht machen.“

Kevin Kühnert sprach von einem „gelebten Kompromiss“. Er berichtete, dass er vor einer Woche bei einer Black-Lives-Matter-Demonstration in Frankfurt am Main gewesen sei, „aber nur am Rande, weil es doch schon ziemlich voll war“. Jedenfalls hätten viele nach dem Wochenende „Magengrummeln“ gehabt, so Kühnert, ein „komisches Gefühl“, waren sich doch eigentlich alle sicher, dass das Zeichen gegen Rassismus notwendig und stark gewesen sei. Wahrscheinlich sei dann doch eine Menschenkette mit Abstand „das Mittel der Wahl“ in dieser Zeit.