Berlin - Die künftige Berliner Koalition hat beschlossen: Unter den Linden soll die Strecke zwischen Brandenburger Tor und Humboldt Forum (Schloss) ab 2019 nur noch für Busse und Taxis befahrbar sein. Das sei nötig, so erklärte Andreas Geisel (SPD), Senator für Stadtentwicklung und Umwelt, weil man damit rechne, dass nach der Eröffnung des Humboldtforums mit doppelt so vielen Besuchern auf dem Boulevard Unter den Linden wie heute zu rechnen sei.

Man kann das glauben oder nicht. Schleierhaft aber ist mir, wie irgendjemand im Senat glauben kann, derzeit zwängten sich am Tage wirklich gerade mal 8000 Fahrzeuge durch die Baustellen Unter den Linden. Ich werde mal nachzählen.

Die privaten Pkw müssten, so die Argumentation, von Unter den Linden vertrieben werden, um den reibungslosen Verkehr der Tourismusströme gewährleisten zu können. Gleichzeitig erklärte Geisel, über die möglichen Alternativen für die privaten Pkw habe man noch keine Einigung erzielt.

Dabei gibt es nur eine Alternative: die Leipziger Straße. Die aber ist bereits jetzt Tag für Tag immer wieder so verstopft, dass man schneller zu Fuß als mit dem Auto vorankommt. Unter den Linden schon einmal dicht zu machen, ohne zu erklären, wie der Nicht-Tourist sich in seiner Stadt bewegen soll, zeigt, wie wenig das Wahlvolk nach der Wahl zählt.

Der Senat sagt uns auch, Unter den Linden solle ab 2019 eine Art Flaniermeile sein, ein Boulevard, den man von Autos weitgehend unbedrängt entlang spazieren könne.

Das widerspricht der anderen Begründung. Eine Flaniermeile ist eine Strecke, auf der Fußgänger unbehelligt von anderen Verkehrsteilnehmern gehen können. Unter den Linden soll aber ja gerade nicht autofrei werden. Für den Fußgänger ist es gleichgültig, ob er sich vor Bussen und Taxen oder vor Bussen, Taxen und privaten Pkw in Acht nehmen muss. Es wird, das ist sicher, niemals so gemütlich aussehen wie auf alten Stichen. Damals ging man am Sonntag Unter den Linden und betrachtete voller Stolz, wie weit Preußen es doch gebracht hatte. Das ist vorbei. So patriotisch ist heute niemand mehr unterwegs.

Herr Geisel wies hin auf den Erfolg des verkehrsberuhigten New Yorker Times Square. Einen Platz mit einer Straße zu vergleichen ist schon eine besondere Leistung. Aber bei diesem Vergleich noch zu vergessen – um nicht „unterschlagen“ zu sagen –, dass der Times Square eine Einkaufszone ist! Ich habe dort kurz vor Mitternacht meine Lieblingssportschuhe gekauft.

Wo, bitte schön, soll dergleichen Unter den Linden passieren? Selbst wenn weit und breit kein Auto führe, wenn alle Querstraßen gesperrt wären, so wäre Unter den Linden doch keine Flaniermeile. Es wäre auch ohne Privat-Pkw das, was die Straße heute ist: die Strecke zwischen Brandenburger Tor und Museum. Eine Strecke, die man möglichst schnell hinter sich bringt.

Herr Geisel sollte sich die Leopoldstraße in München anschauen

Das Café, das einmal neben der Staatsoper zum Verweilen und zum Leute gucken einlud, ist lange geschlossen. Es gibt kaum Geschäfte Unter den Linden. Es gibt Fassaden, hinter denen sich Hauptstadtniederlassungen verstecken. Auch die Oper, wenn sie denn wieder einmal bezogen werden sollte, ist kein Ort, an dem Passanten sich hinsetzen werden, um sehen und gesehen zu werden. Herr Geisel sollte sich die Leopoldstraße in München ansehen. Kein Mensch geht sie entlang. Einfach weil hier über eine lange Strecke – später kommen sie zu Hauf – keine Cafés, keine Geschäfte sind. Auch hier nichts als Hausfassaden. Die interessieren außer ein paar Architekturstudenten niemanden.

In Berlin kommt noch hinzu: Unter den Linden steht kaum noch ein Haus, das den Bombenangriff vom Sonnabend, dem 3. Februar 1945 – zweitausendzweihundertvierundsechzig Tonnen Spreng- und Brandbomben in zwei Stunden –, „überlebt“ hat: Alle anderen sind mehr oder weniger komische Rekonstruktionen. Der Wiederaufbau des Schlosses setzt da eine Tradition der DDR fort.

Der Koalitionsvorschlag mag dem Bustourismus die Arbeit erleichtern. Für die Fußgänger ist damit nichts getan. Die Lebensqualität von Unter den Linden wird nicht gesteigert. Dazu wären eine Reihe ganz anderer Maßnahmen nötig. Über die wurde in dem Vorschlag aber kein Wort verloren. Den Berlinern wird keine Flaniermeile geschenkt, aber dafür eine Straße genommen.