Er versteht sich als Lobby der Fußgänger. Das heißt aber nicht, dass er Fußgängerzonen überall für sinnvoll und richtig hält. Der Fachverband Fußverkehr Deutschland, kurz FUSS genannt, sieht Ideen für eine autofreie Straße Unter den Linden mit Skepsis. Natürlich müsse sie wieder eine Flaniermeile werden, auf der Fußgänger gern unterwegs sind, heißt es dort. Doch eine Fußgängerzone wäre dort ein „überholtes Konzept“, sagt der Ingenieur Bernd Herzog-Schlagk, der bei dem Verband in Berlin für das Projektmanagement zuständig ist. Es sei nicht erforderlich, die Straße für private Autos zu sperren.

Studentinnen und Studenten der Beuth Hochschule für Technik sehen das genauso. Sie haben Pläne erarbeitet, wie die Straße Unter den Linden fußgängerfreundlicher werden könnte – ohne privaten Autoverkehr zu verbieten.

Damit erhält die Diskussion über die Zukunft des Boulevards, die von der neuen Koalition losgetreten worden ist, eine neue Wendung: Ein Verband, der sich für umweltfreundlichen Verkehr einsetzt, hat nichts gegen Autos Unter den Linden. Die Koalition zeigt sich strikter.

In der Vereinbarung, die von SPD, Linken und Grünen unterzeichnet wurde, heißt es: „Das Umfeld des Humboldt-Forums wird verkehrsberuhigt und der Straßenraum bis zum Brandenburger Tor fußgängerfreundlich umgestaltet. Dabei wird der motorisierte Individualverkehr unterbunden zugunsten des Umweltverbundes“ – Fahrrad-, Fußgänger- und Nahverkehr. 2019 sollten der Bereich vor dem wiederaufgebauten Schloss und die Straße Unter den Linden weitgehend autofrei sein, so die Koalition.

25 Fußballfelder groß

Doch Herzog-Schlagk hält das für problematisch. Abends gebe es Unter den Linden so gut wie keine Anziehungspunkte für Fußgänger. Restaurants, Kinos – Fehlanzeige. „Abends ist die Straße stinklangweilig“, sagt der Bauingenieur, der sich seit 1974 mit den Themen Mobilität und Umwelt befasst. Als Fußgängerzone wäre sie „eine Öde“, warnt er. Mit belebten Fußgängerbereichen wie den Ramblas in Barcelona wären die Linden nicht zu vergleichen.

Auch tagsüber würde es schwierig, diesen Raum zu füllen. Die Straße ist inklusive Gehwegen und Mittelstreifen 61 Meter breit, rechnet Herzog-Schlagk vor. Sie umfasst eine Fläche von 25 Fußballfeldern.

„So viel Raum zu überplanen und attraktiv zu machen – das wäre eine gewaltige Aufgabe“, sagt Bernd Wilde, ein Verkehrsplaner, der ebenfalls in dem Verband aktiv ist. Ein weiteres Problem: Wohin mit den Radfahrern? Um Konflikte zu vermeiden, bräuchten sie auf der Ost-West-Route weiterhin Fahrbahnen.

Wilde hat den Kontakt zur Berliner Beuth Hochschule hergestellt. Dort machten sich 48 Studentinnen und Studenten Gedanken, wie die Straße Unter den Linden fußgängerfreundlicher und attraktiver werden könnte. Was selten vorkommt: Architekten und Ingenieure, die normalweise lieber getrennt planen, arbeiteten zusammen. Petra Kahlfeldt (Fachbereich Architektur und Gebäudetechnik) sowie Achim Taubmann (Bauingenieur- und Geoinformationswesen) leiteten das Projekt gemeinsam. Die Ergebnisse wurden von den FUSS-Leuten ins Internet gestellt.

Nur eine der zwölf Arbeitsgruppen schlug vor, Unter den Linden eine Fußgängerzone einzurichten – und das auch nur für ein Teilstück, die nördliche Fahrbahn zwischen der Wilhelm- und der Neustädtischen Kirchstraße. Zählungen hatten ergeben, dass auf der Nordseite mehr Fußgänger unterwegs sind als auf der Südseite – vielleicht, weil es dort Cafés gibt, vielleicht auch, weil es sich um die Sonnenseite handelt.

Der Verkehr zum Brandenburger Tor sollte hier über die andere Fahrbahn geleitet werden. Aber selbst dieses Konzept sieht nur eine „Fußgängerzone light“ vor. Parkplätze sollte es auch weiterhin geben.

Weniger Platz für Autos

In einem grundsätzlichen Punkt sind sich die Studentinnen und Studenten mit dem Fachverband einig: Autos sollen nicht verbannt werden – allerdings müssen sie in Zukunft spürbar weniger Platz bekommen. Auch wenn motorisierter Individualverkehr erlaubt bliebe: Autofreundlich sind die Konzepte nicht.

„Die Fahrbahnen, die heute bis zu vier Fahrstreifen pro Richtung umfassen, sind viel zu breit“, sagt Bernd Wilde. Alle Konzepte sehen vor, sie zu verschmälern, meist auf nur noch zwei Fahrspuren pro Richtung. Der gewonnene Platz soll den Fußgängern zugeschlagen werden, zum Teil auch den Radfahrern. Klar sei für den FUSS und die jungen Planer auch, dass das Tempo reduziert werden müsse, so Wilde. Mehr als 30 Kilometer pro Stunde sollten Unter den Linden nicht mehr erlaubt sein.

Damit nicht genug: Wo Straßen die Mittelpromenade queren, müsse eine besondere Pflasterung Fahrer darauf aufmerksam machen, dass sie durch einen Fußgängerbereich fahren. Auch vor der Humboldt-Universität und dem Schloss müssten Fußgänger in Zukunft Vorrang haben. In der Fachsprache heißen solche Bereiche „Begegnungszonen“. Autos dürften dort höchstens mit Tempo 20 unterwegs sein.

Folge wäre, dass sich der Straßenzug für den Durchgangsverkehr nicht mehr eignen würden. Die meisten Autofahrer würden andere Routen wählen. Der Verkehr würde beruhigt – automatisch und ohne Zwangsmaßnahmen, die Streit mit der Autofahrerlobby ADAC heraufbeschwören würden. Wichtig sei, dass ein „urbaner Raum“ entsteht, der nicht nur dem Verkehr dient, fordert Wilde. Die Diskussion hat begonnen. „Wir wollen uns daran beteiligen“, sagt Herzog-Schlagk.