So prächtig die vielbesungenen „Linden“ stellenweise auch sind, zum Flanieren lädt der Boulevard Unter den Linden nicht sonderlich ein. Irgendwo ist er immer aufgerissen, irgendeines seiner Vorzeige-Gebäude ist immer hinter einem Bauzaun versteckt. Ein weiterer Bauzaun kommt im nächsten Jahr hinzu. Dann soll nach vielfachen Ankündigungen tatsächlich auf dem Grundstück Unter den Linden 70-72 der Neubau der polnischen Botschaft beginnen. Dort war in der DDR der Botschaftssitz der Volksrepublik Polen in Ost-Berlin, seit Jahren steht das alte Gebäude leer.

„Zu Beginn des nächsten Jahres werden wir die Baugenehmigung beantragen, in der zweiten Jahreshälfte beginnt der Abriss des alten Gebäudes und Anfang 2015 beginnt der Neuaufbau“, sagte Polens Botschafter Jerzy Marganski der Berliner Zeitung. Die Gesamtkosten werden bei rund 40 Millionen Euro liegen. Entstehen werde ein Gebäude „mit einer schönen, harmonischen Fassade. Sie ist eine moderne Anspielung auf die neoklassizistische Bebauung des Boulevards“, sagt der Diplomat.

Kulissenwände, Pfeilerreihen, Rastereinfalt

Weniger gnädig zeigten sich Architekturkritiker, als der Entwurf des polnischen Architektenbüros Jems als Sieger eines Wettbewerbs Ende letzten Jahres in Warschau vorgestellt wurde. Selbstverständlich gelte das Berliner „Lindenstatut“ auch für ausländische Bauherren, räumte der Architekturkritiker Wolfgang Kil damals ein. Dann aber „bleiben nach dem heute gängigen Formenrepertoire offenbar nicht mehr viele Möglichkeiten: Kulissenwände, Pfeilerreihen, Rastereinfalt“. Die Vorgaben seien sehr streng, bestätigt Marganski: gerade durchlaufende Fassadenfront, 18 Meter Traufhöhe, keine quadratischen Fenster, festgelegte Proportionen zwischen Steinfassade und Fensterflächen.

Hinter der 66 Meter langen Straßenfront entstehen 10 000 Quadratmeter Bürofläche. Im Erdgeschoss soll es Ausstellungen und Konzerte geben. Ursprünglich war geplant, dass auch das Polnische Kulturinstitut in das Gebäude einzieht. „Aber das ist genau an der richtigen Stelle platziert, gleich neben der Museumsinsel“, heißt es.

Kein Platz für die Lindenblätter

Seit nun schon dreizehn Jahren residiert die polnische Botschaft im Grunewald. Ihrem Auszug aus Mitte war ein heftiger Streit über städtebauliche und denkmalpflegerische Bedeutung des Bauwerks mit der blassgrünen Fassade im Zentrum vorausgegangen. Für die Einen war es ein gesichtsloser Zweckbau. Die Experten bestanden darauf, dass es sich um eine bedeutende Leistung der 60er-Jahre-Moderne in der DDR handle. Tatsächlich war die Schmucklosigkeit damals als bewusster Kontrapunkt zum stalinistisch-protzigen Erscheinungsbild der gegenüberliegenden sowjetischen Botschaft gesetzt worden. Für die von Fritz Kühn gestaltete Wand mit den stilisierten Lindenblättern, das vielleicht einzige erhaltenswerte Detail der alten Botschaft, wird es keinen Platz mehr geben.

Mit dem Neubau habe es viel zu lange gedauert, räumt der Botschafter ein. „Eine der besten Adressen Berlins, eine der interessantesten in Europa – jeder Staat würde sich wünschen, sich an einem solchen Ort zu präsentieren.“