Berlin - Sie sind leise, spurtstark – und sie werden immer mehr. Die Zahl der Elektrofahrzeuge in Berlin ist stark gestiegen. Das geht aus einer Statistik des Kraftfahrt-Bundesamtes hervor, die am Mittwoch veröffentlicht wurde. Danach waren am 1. Januar dieses Jahres 10.558 batterieelektrische Fahrzeuge in Berlin zugelassen. Im Vergleich zum Beginn des vergangenen Jahres, als es noch 5871 dieser Vehikel gab, ein Zuwachs um 80 Prozent. Noch stärker nahm in Berlin die Zahl der Plug-in-Hybride zu. Sie wuchs von 3539 auf 9120, was einem Anstieg um 158 Prozent entspricht. Beide Arten von Elektrofahrzeugen zusammengerechnet, hat sich die Zahl mehr als verdoppelt – auf 19.678. Im Vergleich zur gesamten Berliner Kraftfahrzeugflotte, die um fast 22.000 auf 1,47 Millionen gewachsen ist, sind E-Autos allerdings weiterhin eine kleine Minderheit.

Für Gernot Lobenberg, Leiter der Berliner Agentur für Elektromobilität (eMO), ist der positive Trend entscheidend – und der dauere an, sagt er. „Es ist ein gutes Zeichen für den Klimaschutz, dass im Februar die Gesamtzahl von 20.000 elektrischen Fahrzeugen in Berlin überschritten wurde.“ Unterm Strich ist die Zahl noch höher. Denn eigentlich  müsste man die Carsharing-Autos von WeShare, Sixt und anderen Anbietern addieren, die ausschließlich in Berlin unterwegs sind, aber in Weimar, München und anderswo zugelassen wurden. „Das sind dann noch mal um die 2500 Elektrofahrzeuge“, sagt Andreas Knie, Mobilitätsforscher am Wissenschaftszentrum Berlin (WZB).

Im Februar waren erneut knapp 25 Prozent aller neu zugelassenen Pkw in Berlin elektrisch, teilt Lobenberg weiter mit. „Das zeigt, dass der Durchbruch für die Elektromobilität erreicht und unumkehrbar ist.“ Da 60 Prozent der Neuzulassungen gewerblich sind, passe die Förderung der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe gut dazu. Dort bekommen kleine und mittlere Unternehmen Zuschüsse, auch für elektrische Nutzfahrzeuge und leichte elektrische Fahrzeuge unterhalb des Pkw. Die Zahl der in Berlin zugelassenen Elektro-Lkw stieg im vergangenen Jahr von 503 auf 712, die der Berliner Elektrobusse von 35 auf 139. Deutscher Rekordhalter ist Berlin nicht: In Nordrhein-Westfalen gab es Anfang dieses Jahres 140 Busse mit Batterieantrieb.

„Für Nutzer von E-Autos muss es Vorteile geben“

In der Tat sind elektrische Fahrzeuge vor allem für Firmen im Einsatz. Anfang Februar hatten lediglich 3782 batterieelektrische Pkw in Berlin private Halter, geht aus der Statistik hervor. Die meisten Fahrzeuge dieser Art, insgesamt 5295, werden gewerblich genutzt – zum Beispiel als Dienstwagen. Hier liegt auch der Grund, warum die Zahl der E-Autos insgesamt so stark gestiegen ist. Dies hat nicht mit den üblichen Umwelt- und Klimaargumenten zu tun. Sondern mit Steuervorteilen, wie Andreas Knie erklärt.

„Die Dienstwagenbesteuerung trägt entscheidend zu dem Zuwachs bei“, sagt er. Wer einen Firmenwagen mit Verbrennungsmotor privat nutzt, muss monatlich ein Prozent des Bruttolistenpreises als geldwerten Vorteil versteuern. Handelt es sich dagegen um ein batterieelektrisches Auto, das nicht mehr als 60.000 Euro gekostet hat, fällt dieser Satz auf 0,25 Prozent. Bei Plug-In-Hybriden sind es 0,5 Prozent.

Auf dem privaten Fahrzeugmarkt spielen E-Autos weiterhin fast keine Rolle. Ein psychologischer Faktor komme hier zum Tragen, erklärt Andreas Knie. Die Zahl der Ladesäulen werde oft als zu niedrig empfunden. Befürchtet werde, dass das Elektrofahrzeug ohne Strom liegen bleibt – auch wenn dies in der Praxis so gut wie nie vorkomme. „Die Zahlen zeigen, dass die Ladeinfrastruktur, vor allem zu Hause und am Arbeitsplatz, weiter ausgebaut werden muss“, folgert Gernot Lobenberg. 

Dass Batterie-Vehikel eine Randerscheinung geblieben sind, habe aber auch mit landespolitischen Rahmenbedingungen zu tun, mahnt Andreas Knie. „Für Nutzer von E-Autos muss es Vorteile geben“ – zum Beispiel, indem die Umweltzone möglichst bald für Benziner und Diesel gesperrt wird. 

Immer mehr Autos und Lkw auf den Straßen von Berlin

Doch hier vermisst der Berliner Mobilitätsforscher einen „klaren Gestaltungswillen“. Zwar hat sich die rot-rot-grüne Koalition darauf verständigt, dass dieser Teil der Innenstadt zur Zero-Emission-Zone wird, die für Fahrzeuge mit fossilem Antrieb tabu ist. Doch wie berichtet setzten SPD und Linke durch, dass es dafür keine konkrete Zeitvorgabe mehr gibt. War in der Vorlage von Klimaschutzsenatorin Regine Günther (Grüne) von 2030 die Rede, soll die Null-Emissions-Zone nun „mittelfristig“ eingeführt werden. Knie: „Berlin hat die Verkehrswende aufgegeben. Es gibt keine Dynamik.“   

Appelle aus der Politik, auf das private Kraftfahrzeug zu verzichten, scheinen ungehört zu verhallen. Die amtliche Statistik erklärt, warum es auf den Straßen immer noch voll ist. Danach stieg die Zahl der in Berlin zugelassenen Benziner-Pkw um 3127 auf 890.077. Die Zahl der Diesel sank – aber nur leicht um 7886 auf 280.762. Alle Antriebsarten addiert, ist die Zahl der Pkw mit dem Städtekürzel „B“ im Kennzeichen von 1.221.433 auf 1.234.645 gestiegen. Auch die Zahl der in Berlin zugelassenen Diesel-Lkw hat im Jahr 2020 erneut zugenommen - diesmal um 4501 auf 103.556. Die Ära des Kraftfahrzeugs und des Verbrennungsmotors ist auch in der Hauptstadt noch lange nicht vorbei.