Unterkünfte für Flüchtlinge: Vereine wollen bei Belegung von Turnhallen mitreden

Wer sein Kind morgens in die Kita bringt, muss immer mit kuriosen Situationen rechnen. Was Jörg Zwirn aber im Januar dieses Jahres erlebte, verschlug ihm fast die Sprache. Er war um 9 Uhr in Pankow unterwegs, als sein Handy klingelte, am Apparat das Landesamt für Gesundheit und Soziales, kurz Lageso.

Zwirn ist einer der Geschäftsführer beim Sportverein Pfefferwerk und erfuhr nun von der Behörde, dass er eine Sporthalle zu räumen habe, die MariannenArena in Kreuzberg. „Es hieß, die Halle sei am Vorabend um 23 Uhr beschlagnahmt worden und müsse um 10 Uhr frei sein.“ Flüchtlinge sollten einziehen, was sie dann auch taten.

40 Turnhallen sind zurzeit requiriert

Geschichten wie die vom Sportverein Pfefferwerk und der MariannenArena sind Alltag in Berlin. Rund 40 Turnhallen hat das Lageso zur Zeit requiriert. Das erscheint nicht viel für eine Millionenstadt. An der Geschichte der Pfefferwerker lässt sich aber gut erkennen, welche Folgen die Beschlagnahme von Sportstätten haben kann, weil sie direkt ins Leben von Berlinern eingreift.

Seine Leute von Pfeffersport können die MariannenArena inzwischen zwar wieder benutzen, doch sind seit November die Hallen an der Malmöer Straße und der Winsstraße in Prenzlauer Berg mit Flüchtlingen belegt. Wie sehr das den Klub in seiner Existenz bedroht, haben sie jetzt ausgerechnet.

Finanzieller Schaden für die Vereine

Ein Drittel der Mitglieder ist von der Beschlagnahme betroffen, konkret: 1399. Der wirtschaftliche Schaden beträgt 48.475 Euro binnen eines halben Jahres. In der Halle an der Malmöer Straße zum Beispiel waren 38 Trainingsgruppen aktiv. Da sie dort nicht mehr Sport treiben können, in andere Hallen umziehen oder ganz aufs Training verzichten müssen, traten bereits etliche Mitglieder aus dem Verein aus. Der Schaden dadurch: 11.100 Euro.

Besonders hart trifft es die 90 Behindertensportler. „Wir benötigen für sie gesonderte Räumlichkeiten, in denen wir die Sportrollstühle lagern können.“ In den Ausweichhallen sind diese nicht vorhanden. „Wir müssen die Rollstühle in Containern unterbringen oder durch die Stadt kutschieren.“ Das ist umständlich und kostet ebenfalls Geld, das der Verein erst einmal auslegen muss.

Der fordert nun eine schriftlich Zusage für Ausgleichszahlungen vom Senat für den Schaden. „Wir brauchen außerdem die Erlaubnis, alternativ Sporträume anmieten zu können, um weitere Mitgliederaustritte zu verhindern und die Arbeitsplätze unserer Mitarbeiter sichern zu können“, sagt Zwirn.

Die Situation ist für die Pfeffersportler umso schwerwiegender, da Inklusion einen Schwerpunkt ihrer Arbeit ausmacht, „was nach unserem Verständnis nicht nur Menschen mit Handicap einschließt, sondern auch Menschen mit Zuwanderungsgeschichte“, wie Zwirn sagt. Seit 2013 bereits arbeitet sein Klub eng mit den Flüchtlingsunterkünften an der Mühlenstraße und der Storkower Straße zusammen.

Klubs diskutieren am Montag

„Wir halten an unserer Willkommenskultur fest“, sagt Zwirn. Ihre Weihnachtskampagne „Bunt wie wir“ für ihre Flüchtlingsprojekte findet trotz finanzieller Mehrbelastung statt. Was sie stört, ist die Art, in der das Lageso die Hallen requiriert.

„Das hat etwas von Geheimdienst“, sagt Zwirn. „Die laufen offenbar durch den Bezirk und sagen: ,Die Halle nehmen wir und die und die’.“ Mehr Verständnis für die Klubs fordern die Pfeffersportler. „Vor allem die Hallen, die von Behindertensportlern genutzt werden, müssen verschont bleiben“, sagt Zwirn.

In diesem Punkt verstößt das Lageso gegen einen Katalog von Kriterien, den die Staatssekretäre Dirk Gerstle (Soziales), Mark Rackles (Bildung), Andreas Statzkowski (Sport) und Dieter Glietsch (Flüchtlinge) erarbeiteten. „Möglichst keine Hallen, die hohe Nutzungsbedeutung für Behindertensport haben (nur wenige Schwerpunkthallen für Behindertensport vorhanden)“, heißt es in dem Papier.

Diskussion am Montagabend

Ein weiteres Kriterium ist die Hallengröße. „Keine Halle mit weniger als 1000 Quadratmetern“, schreiben die Staatssekretäre kategorisch. „Trotzdem gilt unsere größte Sorge der MariannenArena“, sagt Zwirn. Die ist nur 250 Quadratmeter groß und als inklusives Förderzentrum anerkannt. „Aber unser Vertrauen in die handelnden Behörden ist doch sehr begrenzt.“ Der Bezirk Pankow hat Alternativen vorgeschlagen. Das Seniorenwohnheim in Buch oder das Internat an der Kniprodestraße, beide Häuser stehen leer.

Der Landessportbund lädt derweil am Montag betroffene Klubs und Vereine mit mehr als 1000 Mitgliedern zur Diskussion ins Haus des Sports an der Jesse-Owens-Allee 2 ein (18.30 Uhr). Und die Pfeffersportler bieten sich an, „in alle erdenklichen Richtungen mitzudenken und mitzuarbeiten“. Sie wollen Kommunikation statt Kommando. Und keine spontanen Anrufe morgens um neun.