Berlin - Die Lietzenburger Straße in Berlin-Charlottenburg ist nicht so elegant und vornehm wie der ein paar hundert Meter weiter nördlich verlaufende Kurfürstendamm. Noch nicht. Aber an den vielen frisch renovierten Fassaden sieht man, wie sich die Gentrifizierung vom Olivaer Platz aus Grundstück für Grundstück, Haus für Haus entlang der vierspurigen Verkehrsachse voran frisst.

Schon 2007 musste das Freiluftlokal „Loretta im Garten“ an der Lietzenburger Straße 89 nach mehr als 30 Jahren einem Neubau mit Hotel weichen. Ein paar Hausnummern weiter bietet der Neubaukomplex „Charlottenhöfe“ in „vom Art déco inspirierter Architektur“ 75 Wohnungen mit gehobener Ausstattung zum Kauf an.

Und nun ist das Filetstück dran: das Kudamm-Karree. Bis 2020 will die Münchener Investmentfirma „Cells Bauwelt“ den 19.000 Quadratmeter-Komplex zwischen Kurfürstendamm, Uhlandstraße und Lietzenburger Straße weitgehend neu gestalten.

Pläne für das Kudamm-Karree

Intaktes Wohnhaus soll abgerissen werden

Betroffen von den großen Plänen ist auch das Haus mit der Adresse Lietzenburger Straße 78. Der sechsstöckige kastenförmige Siebzigerjahre-Bau liegt eingequetscht zwischen dem Hinterausgang der Kudamm-Karree-Passage und einem Gründerzeithaus. Pro Etage reihen sich fünf dreiflügelige Fenster aneinander, darunter rechteckige, rötliche Verblendungen, keine Balkone. Die Fassade ist etwas verblasst, aber ohne Schäden, die Fenster wirken solide und modern.

"Alles, was ich noch habe"

Hinter einem davon wohnt Christian. Es ist das einzige Fenster der kleinen Wohnung des 53-Jährigen, der seinen Nachnamen lieber nicht nennen möchte. Sie besteht aus einem rund 20 Quadratmeter großen Zimmer mit einer winzigen Kochzeile, einer Schranknische am Eingang und einem Mini-Bad mit Toilette und Dusche. Im Zimmer stehen eine alte Couch, ein Sessel, ein Tisch, eine Werkzeugwand mit Kabeln und Lötkolben, in der Ecke ein Fernseher.

Der Rest ist bis unter die Decke vollgestopft mit CDs, Zeitschriften und allerlei Kram. "Ja, das ist alles, was ich noch habe", sagt er. "Und Ashanti." Auf dem einzigen freien Platz auf dem Teppich liegt dösend ein Sibirian Husky. Manchmal schläft auch noch ein Kumpel hier, der keine Wohnung hat, "der wär sonst auf der Straße". Dort, wo Christian auch wieder landen könnte.

Geplant ist: ein Hotel

Denn das Haus mit den 48 Kleinwohnungen wird abgerissen. Der Wohnort für rund 45 sozial schwache Menschen steht den Plänen der Münchener Firma im Weg, die das Karree 2014 gekauft hat und an der Lietzenburger Straße ein Hotel errichten will.

Auch an der Kudammseite sollen Gebäude weichen, darunter zwei bekannte Boulevardtheater. Deren Betreiber haben den Verein "Rettet die Ku'dammbühnen e.V." gegründet, sie mobilisieren Protest und werden von Berliner Kulturpolitikern und Theaterliebhabern unterstützt.

Das Schicksal der Menschen, die sang- und klanglos aus dem Haus an der Lietzenburger Straße ausziehen müssen, kümmert dagegen kaum jemanden. Der Abriss des völlig intakten Wohnhauses wird in den Medienberichten über die Neubaupläne nicht einmal erwähnt.

Die Miete zahlt das Amt

Die Bewohner selbst haben kaum Möglichkeiten, sich zu wehren. Einige der Bewohner sind Hartz-IV-Aufstocker, andere leben von Sozialhilfe. Fast alle können sich die Wohnungen nur leisten, weil sie eine sogenannte Kostenübernahme vorgelegt haben. Die bekommen Alleinstehende, die wohnungslos oder von Wohnungslosigkeit bedroht sind, krank oder pflegebedürftig.

Je nach Zuständigkeit bezahlen das Sozialamt oder das Jobcenter einen Miet-Tagessatz von etwas über 20 Euro pro Person. Für die kleine Wohnung von Christian bekommt der Vermieter also über 600 Euro im Monat. Weil bei Einzug ein paar Möbelstücke drinstanden, gilt sie als teilmöbliert. 

Bei voller Belegung dürften für das Haus also monatliche Mieteinnahmen von rund 30.000 Euro zusammen kommen. Die Miete für die beiden Läden im Erdgeschoss  - ein italienisches Restaurant und eine Bar- noch gar nicht eingerechnet. Dafür ist das Haus auch einigermaßen in Ordnung. Der Fahrstuhl funktioniert, das Treppenhaus und die Flure sind sauber, zwar etwas verwohnt aber nicht heruntergekommen. Ein Hausmeister kümmert sich um kleinere Reparaturen.

"Leicht wird das nicht"

„690 Euro kostet meine Wohnung im Monat“, sagt Markus, der seit fünf Jahren im dritten Stock wohnt. Auch seine Miete wird per Kostenübernahme bezahlt, die „K.Ü.“ wie die Bewohner des Hauses sagen. Wo der 38-Jährige nächstes Jahr hin will, weiß er noch nicht. „Ich habe Freunde, die mir helfen wollen. Aber leicht wird es trotzdem nicht“, sagt er und schlingt dabei schützend seine wild tätowierten Arme um sich.

Das Haus, Anfang der 1970er Jahre erbaut, fungierte unter dem Namen „Pension Atlas“ schon bald als Unterkunft für Menschen, die von Wohnungslosigkeit bedroht waren und von den jeweiligen Bezirksämtern vermittelt wurden.

Ab Mitte der 1980er Jahre wurden die Wohnungen des Wohnheims einzeln verkauft, an ihrer Nutzung änderte sich nichts. Ab 1999 begann die Immobilien-Verwaltungsgesellschaft Igea 2001 nach und nach die Wohnungen zu erwerben - um das Haus nach dem vollständigen Erwerb als Hotel zu nutzen.

Viel Geld, nur damit das Haus abgerissen wird

Als 2012 alle Appartments aufgekauft waren, liefen bereits die Planungen zur Neugestaltung des Kudamm-Karees. Damals gehörte das Grundstück zwischen Kurfürstendamm und Lietzenburger Straße mit dem markanten Hochhaus noch dem irischen Investor Ballymore, der es 2008 das erworben hatte.

Auch dessen Pläne bezogen das rot-weiße Haus an der Lietzenburger Straße mit ein. „Ballymore hat schon mit uns über einen Kauf verhandelt“, sagt die zuständige Verwalterin für das Haus. „Aber das Angebot war nicht ausreichend.“ Für welche Summe Igea 2001 das Haus dann im Oktober 2015 an die neuen Karree-Besitzer aus München verkaufte, will sie nicht sagen.

Sechs Millionen Euro soll die Immobiliengesellschaft dafür bekommen haben, das erzählt man sich zumindest im Haus. Den Bewohnern wurde der geplante Abriss im vergangenen Februar in einem kurzen Schreiben mitgeteilt: "Das heißt leider für Sie als Bewohner, dass am 31.12.2016 das Haus geschlossen wird und sämtliche Versorger gekündigt werden“, steht darin. Auch das Restaurant und die Bar haben Kündigungen erhalten.

Wo sollen wir hin?

"Wo sollen wir dann hin?", sagt Serdar. Er ist 41 Jahre alt und wohnt seit über sechs Jahren in der Lietzenburger Straße, auch mit "K.Ü." Er hilft ehrenamtlich in der Bahnhofsmission am Zoo aus, er geht in der Nachbarschaft einkaufen, er kennt und mag seinen Kiez und will nicht an den Stadtrand abgeschoben werden. "Sie haben mir ein Zimmer in einem Wohnheim in Falkenhagen angeboten. Aber wo ist das überhaupt?"

Selbst eine neue Wohnung zu finden,hält er für aussichtslos. "Welche Chancen haben denn Menschen wie wir bei Vermietern? Die meisten hier sind doch ziemlich runtergerockt“, sagt er und fügt leise hinzu „Das ist doch so.“ Seine Wünsche für die Zukunft sind bescheiden. "Wieder ein Zimmer mit eigener Toilette und Dusche, das wär Luxus."