Geschenkpapier, Styroporkisten, Pappschachteln, Plastikhüllen und Luftkissenfolie: In vielen Wohnzimmern türmen sich nach den Weihnachtsfeiertagen die Reste vom Fest – in Form von Müll. Gerade belegte eine Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft, dass jeder Deutsche im Jahr 37,4 Kilogramm Plastikmüll produziert, das sind sechs Kilo mehr als im EU-Durchschnitt. Obwohl Deutschland auch bei der Recyclingquote im vorderen Feld liegt, sind die Mengen alarmierend.

Einer, der den Plastikbergen den Kampf angesagt hat, ist der Wahlberliner Christoph Schulz (28). Er ist Blogger und Gründer, er vertreibt plastikfreie Produkte, schreibt über Nachhaltigkeitsthemen und organisiert auf der ganze Welt Putzaktionen, um Strände von Plastikmüll zu befreien. Auf seinen Handgelenken steht in Schreibschrift ein Satz von Gandhi tätowiert: „Be the change, that you wish to see in the world“, sei selbst die Veränderung, die du in der Welt sehen willst.

Herr Schulz, leben Sie wirklich komplett ohne Plastik?

Nein, nicht ausschließlich. Ich bin ja auch Unternehmer, und ab einem bestimmten Moment ist plastikfreies Haushalten nicht mehr effektiv. An stressigen Tagen würde ich zu viel Zeit verlieren, wenn ich von meiner Wohnung in Wedding zum Einkaufen in den Unverpackt-Laden nach Kreuzberg fahren müsste. Dann kaufe ich schon auch mal im Supermarkt.

Was tun Sie, um möglichst wenig Kunststoff zu benutzen?

Ich habe meine Grundausrüstung immer dabei: Eine Trinkflasche, mit der ich mir in Cafés Leitungswasser auffüllen kann. Eine Lunchbox aus Edelstahl, in die ich mir an der Käsetheke Stücke abpacken lasse. Ein Gemüsenetz, um eben nicht die Pilze in der Plastikschale zu kaufen. Den meisten Müll, den man beim Einkaufen macht, kann man vermeiden. Viele Sachen stelle ich auch selber her: Zahnpasta aus Natron, Birkenzucker und Kokosöl, Spülmittel aus Efeu, den man bloß in Wasser aufweichen muss, damit er schäumt. Es gibt ganze Facebook-Gruppen voll mit solchen Rezepten.

Was macht Plastik so gefährlich?

Plastik enthält Rohbenzin, das ist toxisch. Wenn es in einer festen Form ist, ist das in Ordnung, aber es zersetzt sich mit der Zeit. Jedes Jahr gelangen 32 Millionen Tonnen in die Umwelt, davon etwa 10 Millionen ins Meer. Das entspricht einer Laster-Ladung pro Minute, die bildlich gesprochen irgendwo auf der Welt ins Meer kippt. Laut BUND sterben jährlich über eine Million Vögel und 100.000 Meeressäuger, die sich in Müll verfangen oder ihn schlucken. Außerdem: Die Fische essen diese kleinen Teile, und wir essen die Fische, die nun Kunststoff in ihren Zellen haben. Was das mit uns macht, wissen wir noch gar nicht.

Gibt es auch gutes Plastik?

Ich sage nicht, dass Plastik grundsätzlich schlecht ist. Wir können damit Energien einfangen, unsere Produkte verpacken und sie länger haltbar machen. Aber wir müssen es am Ende in den Wertstoffkreislauf zurückgeben.

Warum funktioniert das noch nicht so gut, wie es könnte?

Unser Recycling-System in Deutschland läuft schon ziemlich gut. Das Problem sind die Unternehmen. Sie müssen dazu gebracht werden, weniger Plastik zu benutzen. Das geht nur, wenn ihnen höhere Kosten entstünden, sobald sie Kunststoff verwenden. Ich glaube leider, dass Gesetze und Gebühren der einzige Weg sind, Firmen zum Umdenken zu bewegen.

Auch für Verbraucher sind Produkte aus verpackungsfreien Supermärkten oder aus fairem Handel mitunter schwierig in den Alltag zu integrieren – einfach deshalb, weil sie teurer sind als herkömmliche Waren.

Ich glaube, das ist ein Trugschluss. Wenn man nachhaltig lebt, kauft man auch bewusster ein. Man überlegt vor dem Einkauf, was man wirklich braucht. Das funktioniert aber nur, wenn man diesen Lebensstil auch wirklich annimmt – nicht, wenn man bloß eine Bambuszahnbürste und ein Öko-Shampoo kauft. Weiterer Vorteil ist, dass man die Dinge wiederverwenden kann. Das Holzstück einer Zahnbürste wird zur Deko in einer Pflanze, oder man überlegt sich irgendwas anderes cooles.

An der Supermarktkasse kosten Plastiktüten ja mittlerweile Geld.

Ja, und das hat einen Effekt! Während vorher in Deutschland 5,7 Milliarden Tüten im Jahr ausgegeben wurden, waren es 2016 nur noch rund 3,7 Milliarden. Aber ich verstehe nicht, warum wir die Tüten nicht ganz verbieten können. Hier in Berlin achten schon jetzt viele Leute darauf, einen Jutebeutel mit zum Einkaufen zu nehmen.

Wie weit ist die Bewegung in Berlin?

Sie hat Schub bekommen in den vergangenen Jahren. Veganes Essen, gesunde Ernährung, Recycling, Upcycling, Müllvermeidung – das alles hängt zusammen. Die Community in Berlin wächst immer weiter.

Wie beurteilen Sie die Kaffeebecher-Initiative von Senat, Berliner Stadtreinigung und Umweltverbänden?

Im Prinzip ist sie ein guter Anfang. Wer einen Coffee to go in seinen eigenen Becher füllen lässt, anstatt einen Pappbecher mit Plastikdeckel zu fordern, bekommt in vielen Berliner Cafés 20 oder 30 Cent Rabatt. Aber bisher haben sich die Zahlen der Müllbecher, die über die Theke gehen, noch kaum verändert. Vielleicht wäre ein berlinweites Pfandsystem sinnvoller, wo alle Cafés die gleichen Becher ausgeben.

Plakativ gesagt: Was nützt es der Welt, wenn Berlin Recycling-Hauptstadt ist, während Donald Trump den Klimawandel leugnet und in Asien jeden Abend die Müllfeuer brennen? Alleine können wir die Welt jedenfalls nicht retten...

Ja, manchmal überlegt man das: Ob das eigene Engagement mehr ist als ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber dann denke ich, dass ich wenigstens alles tun will, was in meiner Macht steht.

Die Tätowierung auf Ihren Handgelenken...

Genau! Nach diesem Motto! Und mit jeder Email, die mir ein Fremder von irgendwo auf der Welt schickt, mit jedem Facebook-Kommentar, in dem steht, ein Nutzer findet es gut, was ich mache, merke ich, dass ich eben doch etwas erreiche.

Welche Rolle spielen die Sozialen Netzwerke beim Umweltschutz?

Eine riesengroße! Nehmen wir zum Beispiel das Bild eines vorgeschnittenen Apfels, der für 1,79 Euro in einem Plastikbecher verkauft wurde: Dieser Facebook-Post ging um die Welt, weil er die ganze Absurdität unseres Plastikzeitalters veranschaulichte. In solchen Fällen bauen viele Nutzer gemeinsam Druck auf. Beim Hersteller entsteht ein Shitstorm, und vielleicht denkt er über sein Produkt nach. Auch potenzielle Käufer sehen den Post und begreifen, was das für ein Schwachsinn ist. Soziale Medien können sensibilisieren, aufklären und vernetzten. Im besten Fall entwickelt sich so das Gefühl, dass wir alle zusammen die Welt verändern können – damit es zumindest dieses Produkt bald nicht mehr gibt.