Berlin - Lawandi steht schüchtern in der Tür seines Zwei-Bett-Zimmers. Fotografieren lassen möchte er sich nicht. Das erinnert den 27-jährigen Syrier an die politische Verfolgung in seiner Heimat. Er ist erst am Samstag aus dem Bürgerkriegsland in Deutschland angekommen. Seit drei Tagen gehört der Ingenieur zu den bisher 23 Bewohnern der neuen Notunterkunft für Flüchtlinge in der Soorstraße in Berlin-Charlottenburg. Er hofft auf Arbeit und ein ruhigeres Leben. Wenn der Bürgerkrieg zu Ende ist, möchte er in seine Heimat zurück. Von den Protesten gegen das Flüchtlingsheim in der gutbürgerlichen Wohngegend ahnt Lawandi nichts.

Die Zahl der Flüchtlinge ist in Berlin in diesem Jahr deutlich gestiegen. Im April kamen mit 2078 doppelt so viele wie im Januar (1049) und sechsfach so viele wie im vergangenen April (332). Sozialsenator Mario Czaja (CDU) und das Landesamt für Gesundheit und Soziales (LAGeSo) haben derzeit große Schwierigkeiten, sie angemessen unterzubringen. Widerstand formiert sich an vielen Standorten, sowie sie publik werden. Czaja drohte schon Zwangsrekrutierungen an. Denn einige Bezirke wie Steglitz-Zehlendorf, Neukölln oder Pankow haben ungleich weniger der insgesamt 30 Einrichtungen mit derzeit rund 6000 Flüchtlingen als andere. Lichtenberg hat 1200 Flüchtlinge aufgenommen.

Allein seit April mussten nach Angaben des LAGeSo unter Zeitdruck vier neue Notunterkünfte eingerichtet werden, um des Flüchtlingsstroms Herr zu werden. Dazu gehört das ehemalige Hauptzollamt in der Soorstraße, das am Montag eröffnete. Während Familien aus Afghanistan, Tschetschenien, Syrien und Serbien schon in die ersten mit Betten, Tischen, Stühlen und Schränken ausgerüsteten Zimmer einzogen, wird um sie herum noch heftig gewerkelt.

Anwohner befürchten ungebetenen Besuch

Vor allem sanitäre Einrichtungen und der Brandschutz fehlen noch. Sicherheitsleute halten in der Anfangszeit 24 Stunden Brandwache. Duschen müssen die Asylbewerber vorerst noch in Containern auf dem Hof. Heimleiterin Suada Dolovac nimmt die Flüchtlinge in Empfang, versorgt sie mit dem Nötigsten, berät, organisiert - auch den Umbau. In einigen Monaten sollen hier 250 Asylbewerber wohnen können.

Bisher habe sie vom Widerstand der Anwohner nur gehört, berichtet Dolovac, die aus Serbien stammt. Den Kontakt zu den neuen Nachbarn habe noch keiner gesucht. Seit bekannt wurde, dass in der ruhigen Straße im Berliner Westend mit gepflegten Wohnanlagen Flüchtlinge untergebracht werden sollen, sammeln Anwohner Unterschriften dagegen. Sie befürchten eine Abwertung ihrer Eigenheime und ungebetenen Besuch in ihren offenen Grünanlagen hinter den Häusern, wie Dieter Dammann berichtet. Er wohnt genau gegenüber des wuchtigen Backsteinbaus.

Die Anwohner empöre, dass die Behörden so spät bis gar nicht informiert haben, kritisiert auch eine 74-jährige Anwohnerin. Sie sorgt sich um eine Überfremdung. „Rund 400 Bewohner der Soorstraße und 300 Flüchtlinge, das ist kein gutes Verhältnis, das sind zu viele.“ Als nach Dammanns Worten dann das Gerücht die Runde machte, der Senat wolle die Notunterkunft für obdachlose Roma-Familien im Westend ansiedeln, habe man den Protest organisiert.„Der Standort Sophie-Charlotte-Straße ist am Widerstand der Anwohner gescheitert. Und hier passt das auch nicht in die Gegend.“

Der Protest ebbe auch nicht ab, weil jetzt doch nicht die Roma kämen, so der Anwohner. Man befürchte Belästigungen durch die Flüchtlinge aus vielen anderen Kulturen, die hinter dem Haus kaum Platz zum Aufenthalt im Freien und zum Spielen für die Kinder hätten. Und andere hätten sich auch erfolgreich gewehrt. „Das Flüchtlingsheim in der Rognitzstraße in Charlottenburg wird im Juli geschlossen, weil BMW da um die Ecke am Kaiserdamm seine neue Hauptstadt-Repräsentanz baut“, empört sich Dammann. Die hätten an höchster Stelle mit Baustopp und Arbeitsplatzabbau gedroht.

„Ich bin erschrocken über das Ganze“

Heimleiterin Dolovac hofft dennoch auf gute Nachbarschaft. „Ich bin erschrocken über das Ganze. Die Menschen, die hier ankommen, sind erschöpft, viele traumatisiert und so froh über das Dach über dem Kopf, das wir ihnen bieten“, sagt sie. Die meisten verhielten sich völlig unauffällig. Sie seien mit zahlreichen Behörden- und Arztgängen und der Anmeldung ihrer Kinder in der Schule vollauf beschäftigt, berichtet die 45-Jährige.

Auch LAGeSo-Präsident Franz Allert hält die Ängste der Anwohner für irrational. „Keine unserer Einrichtungen hat sich zu einem Kriminalitätsschwerpunkt entwickelt. Das ist ein intaktes Wohngebiet rund um die Soorstraße. Gerade weil es intakt ist, wird es dort gut laufen.“ Und nicht alle Anwohner denken so wie die Mitglieder der Bürgerinitiative. „Die Flüchtlinge müssen menschenwürdig untergebracht werden. Das Gebäude steht seit mehreren Jahren leer. Also ist hier Platz“, sagt ein 60-Jähriger. (dpa/Kirsten Baukhage)