Berlin - Was haben die 40.000 Läufer, die am Sonntag beim 41. Berlin-Marathon starten, mit Resonanzen, Schwingungen und Amplituden zu tun? Eigentlich nicht viel, sollte man vermuten, abgesehen von der steigenden Herzfrequenz beim Start um 8.45 Uhr. Doch weit gefehlt. Denn in diesem Jahr geht es auf der schnellsten Strecke der Welt nicht nur um gute Zeiten und viel Spaß, sondern auch um die Wissenschaft. Die Sportler sind zwar nicht eingeweiht, aber trotzdem Probanden, so etwas wie Testläufer.

Der Grund: Die Brücken in Berlin sind bekanntlich nicht im besten Zustand. Nun soll untersucht werden, ob sie in gefährliche Schwingungen geraten können, wenn Tausende Sportler gleichzeitig über die Bauwerke rennen. Für den Lauf musste der SCC Events als Veranstalter des Marathons vorab in diesem Jahr erstmals nachweisen, dass die Brücken entlang der 42,195 Kilometer langen Strecke die Läufer auch tragen können. „Wir mussten alle 44 Brücken überprüfen und die Statik berechnen, ob sie die Belastung aushalten“, sagt SCC-Geschäftsführer Jürgen Lock. Die Forderung wurde von der Verkehrsbehörde bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung erhoben, sonst hätte sie keine Genehmigung erteilt.

Das hat Lock überrascht, schließlich werden seit Jahren diese Brücken passiert, Probleme hat es nie gegeben. „Nach den hohen Sicherheitsauflagen ist auch das neu für uns“, sagt Lock. Das Ergebnis der Berechnungen: „Wir können ohne Gefahr über die Brücken laufen.“

Die Untersuchung „ist absolutes Neuland“

Doch erledigt ist das Thema damit nicht. Das wenig untersuchte Phänomen nennen die Wissenschaftler Resonanzkatastrophe. „Jede Brücke schwingt immer ein bisschen“, sagt Karsten Geißler, Professor am Institut für Bauingenieurwesen an der TU Berlin. Gehen oder laufen Menschen nun gleichmäßig über eine Brücke, erzeugen sie ebenfalls Schwingungen. Sollten sich die Schrittfrequenzen zufällig angleichen, verstärken sie die Schwingungen.

Das kann dazu führen, dass die Brücke immer mehr in Bewegung gerät und die Menschen versuchen, dies auszugleichen. Sie verfallen dabei annähernd in Gleichschritt, verschärfen die Situation aber nur noch. So ist es bei der Millennium Bridge in London im Jahr 2000 passiert. Dort geriet die Brücke über die Themse am Eröffnungstag sichtbar ins Schwanken und musste gesperrt werden. Schlimmstenfalls kann ein Bauwerk einstürzen. Daher ist in Deutschland nach der Straßenverkehrsordnung das Marschieren im Gleichschritt über Brücken verboten.

Wie Geißler sagt, sind die Brücken entlang der Marathon-Strecke sehr robust gebaut. Wegen ihrer leichteren Konstruktion seien die Kronprinzenbrücke im Regierungsviertel (Kilometer 7) und die Michaelbrücke in Mitte (Kilometer 13) aber etwas „weicher“. Beide Brücken werden von der TU nun näher erforscht. Zum Beispiel, ob sich die Läufer in einem großen Pulk auch in der Schrittfrequenz annähern. „Kann so etwas beim Marathon passieren? International wurde das noch nie untersucht“, sagt Geißler.

An beiden Brücken werden daher jeweils acht bis zehn Messstellen installiert, um Bewegungen zu erfassen und Daten zu sammeln – während des gesamten Laufs. „Das ist absolutes Neuland“, sagt der Wissenschaftler. Es werde darüber auch eine Diplomarbeit geschrieben. Sollten die Daten während des Marathons auf eine Gefahr hinweisen, kann sofort reagiert werden: Die Brücke soll dann eingeengt werden, sodass nur noch in der Mitte der Straße gelaufen werden kann.

Probleme erwartet niemand. „Alles ist ungefährlich“, sagt Petra Rohland, Sprecherin der Stadtentwicklungsbehörde. „Wir wollen aber mehr wissen und forschen.“