Heinrich Strößenreuther stellt Autofahrer zur Rede, klopft gegen Beifahrertüren und stellt Strafanzeige. Hier erzählt der Alltagsradler, wie er sich gegen die täglichen Gefährdungen und Zumutungen im Berliner Straßenverkehr wehrt.

Autojustiz: So nenne ich Staatsanwälte und Richter, die zu mild mit Menschen umgehen, die andere überfahren und getötet haben. Immer noch gibt es viele Juristen, die solche Straftaten verniedlichen und bagatellisieren. Jüngst wurde ein Lkw-Fahrer, der in Lichtenberg eine Radfahrerin überrollt hatte, zu 2800 Euro Geldstrafe verurteilt. Wie viele andere solcher Täter muss er nicht ins Gefängnis, wie viele andere muss er nicht einmal seinen Führerschein eine Zeit lang abgeben. Auch Raser bleiben oft vor dem Knast verschont. Menschen sterben, aber Folgen hat das kaum. Stattdessen sind unsere Gefängnisse voll mit Schwarzfahrern. Das passt nicht zusammen! Fehler passieren. Aber viele Strafurteile sind einfach empörend und lösen kein anderes Verhalten aus.

Beinahe gestorben: Vor zwei Wochen habe ich Strafanzeige gestellt – gegen einen Lastwagenfahrer, der mich auf der Tiergartenstraße beinahe umgebracht hätte. Er stand mit seinem Lkw vor der Ampel so weit rechts auf dem Radfahrstreifen, dass ich nur mit Mühe vorbeikam. Weil ich mich darüber ärgerte, klopfte ich gegen  die Beifahrertür. Dann sprang die Ampel auf grün, und wir fuhren weiter. Kurz darauf schaute ich zufällig nach links. Das hat mir das Leben gerettet, weil ich sonst nicht erkannt hätte, dass mir der Lkw-Fahrer den Weg abschneiden wollte. Ich war völlig fertig. Direkt vom Sattel aus öffnete ich die Tür, um dem Fahrer zu sagen, wie ich sein Verhalten finde. Er fing an, mich zu beschimpfen. Als ich wieder losfuhr, kam von links ein anderer Lkw. Hätte ich wegen dem nicht gebremst, hätte mich der erste Fahrer ein zweites Mal überfahren. Ich bin dem Tod zweimal von der Schippe gesprungen, obwohl der Lkw-Fahrer wusste, dass ich neben ihm bin. So knapp war es noch nie.

Gegenwehr: Dass ich als Radfahrer abgedrängt und beschimpft werde, kommt immer wieder vor. Das ist Alltag in Berlin. Ein typisches Beispiel: Vor einer Ampel überholt mich ein Auto und stellt sich so weit rechts hin, dass ich nicht vorbeikomme. Meist fahre ich dann zur Fahrertür, öffne sie und fange ein Gespräch an: „Sie haben mich gerade geschnitten und gefährdet.“ Zwar haben solche Gespräche meist kein gutes Ergebnis, weil die Fahrer meinen, dass sie ein alleiniges Recht auf die Straße haben. Aber ich kann ihnen auf diese Weise zumindest mitteilen, was sie falsch gemacht haben. Wenn ich mich heftig ärgere, öffne ich die Beifahrertür hinten rechts und lasse sie offenstehen. Dann muss der Fahrer aussteigen, um sie wieder zu schließen.

Bedrohung: In Stadtteilen wie Neukölln, Wedding oder Moabit verzichte ich meist auf Gespräche mit Autofahrern, weil es sein könnte, dass sich die Situation unangenehm hochschaukelt. Auch mir wurden schon Prügel angedroht. Ich bog gerade links ab, als  mich plötzlich ein Smart links überholte, den Weg abschnitt und zum Bremsen zwang. Als Reaktion habe ich auf seinen Kofferraum geklopft. Da kam das Auto plötzlich hinter mir her, blockierte den Radfahrstreifen. Der Fahrer baute sich vor mir auf – mit fünf Zentimetern Abstand. An solche Vorfälle erinnere ich mich, wenn ich die Plakate der Senatskampagne für mehr Rücksicht sehe – eine vorsätzliche Verniedlichung des Straßenkriegs, der draußen tobt.

Wer ist schuld? Was auf unseren Straßen passiert, zeigt, dass das Verkehrssystem völlig außer Rand und Band geraten ist. Es gibt viele Schuldige. Da ist der Bund, der selbst für schwere Verkehrsdelikte viel zu niedrige Bußgelder festgelegt hat. An jeden Betrag eine Null anhängen – erst dann wäre der Bußgeldkatalog sinnvoll! Der Bund sollte auch bestimmen, dass jeder Autofahrer, jeder Radfahrer bis ins hohe Alter alle fünf Jahre eine Prüfung ablegen sollte, damit er weiter am Verkehr teilnehmen darf. Dann ist da die Strafjustiz, die meist nicht den Drang hat, Straftaten im Verkehr abschreckend zu bestrafen. Nicht zu vergessen die Bezirks- und Senatsbehörden, deren Planungen schuld daran sind, dass Radfahrer vielerorts immer noch an den Rand gedrängt und gefährdet werden. Innere Sicherheit fängt auf der Straße an.

Dichtestress: Wenn ich in einen Käfig mit Ratten immer mehr Steine lege, fangen die Ratten irgendwann an, sich gegenseitig zu zerfleischen. Daran fühle ich mich erinnert, wenn ich durch Berlin fahre. Es gibt immer mehr Autos und Lkws, mehr Radfahrer, es wird enger. Es wird gebaut, es wird immer voller. Die Zahl der Einwohner steigt, aber beim Verkehr wird nicht neu  sortiert. Dabei ist das die Aufgabe der Politik: dafür zu sorgen, dass kein Dichtestress entsteht. Sie muss Platz schaffen, Regeln vorgeben und deren Einhaltung kontrollieren. Und sie muss eine separate Radverkehrsinfrastruktur schaffen: Radfahrstreifen, die baulich von den Autospuren getrennt werden. Das geht nicht gegen die Autofahrer, im Gegenteil: Sie können entspannter fahren.

Die coolste Fortbewegungsart: Ich habe den Eindruck, dass im privaten Bereich viel häufiger über Verkehr gesprochen wird als früher. Viele sind genervt und sagen, dass sich einiges endlich ändern muss. Trotzdem fahre ich gerne Fahrrad, auch im Winter. Es ist gesund, ich komme an die frische Luft, und immer wenn ich mal ein Auto miete, stelle ich später fest, dass ich mit dem Rad genauso schnell ans Ziel gekommen wäre. Radfahren ist und bleibt die beste, coolste, pfiffigste und billigste Art der Fortbewegung in der Stadt.

Wo Radfahren Spaß macht:  Natürlich gibt es auch in Berlin schöne Orte zum Radfahren. Parallel zur Straße des 17. Juni führt ein Radschnellweg durch den Tiergarten. Über die früheren Tempelhofer Landebahnen zu fahren ist ein wunderbares großartiges Gefühl. Oder mit anderen bei einer Critical-Mass-Demo durch die Stadt. Wie ruhig es plötzlich auf der Straße sein kann, wenn nur noch Radfahrer unterwegs sind!

Notiert von Peter Neumann.