Für Heinz Fiddike und Olaf Bernhardt ist mal wieder grüne Woche. An diesem sonnigen Vormittag sind die beiden in Hohenschönhausen unterwegs, nördlich der Landsberger Allee. Grüne Woche – das heißt für die Müllwagen-Besatzung, dass nur die Container und Tonnen mit grünem Deckel geleert werden müssen. Sie enthalten Grün- und Braunglas. Viele Tonnen sind nicht einmal halbvoll. „In dieser Gegend gibt es wenig Grünglas“, sagt Fiddike. „Hier trinkt ja keiner Wein.“

Der 59-jährige Mitarbeiter der BSR-Tochter Berlin Recycling lenkt sein orangefarbenes Müllfahrzeug auf die Oderbruchstraße. Sie bildet die Grenze zwischen den Bezirken Pankow und Lichtenberg – und damit zwischen dem Teil Berlins, in dem es die Altglastonnen auf den Höfen noch gibt und dem Gebiet, in dem sie bereits abgeschafft worden sind. „Hier ist alles weggeräumt“, sagt Fiddike und zeigt auf die Lichtenberger Seite. In einem 300-Meter-Radius um die öffentlichen Sammelbehälter, Iglus genannt, ist die Altglastonne Geschichte. Er könne gut verstehen, dass sich die Anwohner ärgern, sagt Fiddike.

Der Müllentsorger Duales System Deutschland (DSD) hat in Absprache mit dem Senat die Altglastonnen in den drei Ost-Bezirken Marzahn-Hellersdorf, Treptow-Köpenick und Lichtenberg zu Beginn des Jahres größtenteils entfernen lassen. Die anderen Berliner Bezirke sollen folgen. Von 2016 an soll Altglas nur noch im sogenannten Bringsystem gesammelt werden, an öffentlichen Plätzen in Iglus – wie in anderen Bundesländern auch.

Als Grund geben DSD und Vertreter der Glasindustrie an, dass das Berliner Altglas zunehmend an Qualität verliere. Es habe eine zu hohe Bruch- und Vermüllungsquote, um es wirtschaftlich recyclen zu können. Zudem werde das Glas in den Iglus auch nach Grün und Braun getrennt. Kritiker sagen, es ginge um die Kosten. Das DSD werde rund eine halbe Million Euro jährlich in den drei Bezirken sparen.

Vasen und Töpfe im Container

Heinz Fiddike und Olaf Bernhardt sind die ersten, die sehen, was alles in den Glastonnen landet. An der Altenhofer Straße stoppt Fiddike vor Containern, die auf öffentlichem Grund stehen. Solche Behälter seien stärker von Vermüllung betroffen, weil jeder Zugang habe, sagt er. Bei der Kontrolle findet er jede Menge Plastiktüten und ein großes Aquarium. „Die Leute denken: Alles, was Glas ist, darf hier rein“, sagt Fiddike.

An den nächsten Stationen: Porzellanvasen im Weißglas, Kochtöpfe im Grünglas. Sie verursachen Probleme bei der Glasaufbereitung. Was die beiden entdecken, sortieren sie aus. Manches sehen sie aber erst, wenn es im Laster liegt. Und dann ist es zu spät. Besonders schlimme Fälle dokumentiert Fiddike mit der Handykamera. Er zeigt Fotos von Glascontainern, aus denen der Plastik- und Restmüll nur so quillt. Und von einer Tonne, die bis zum Rand mit Ampullen gefüllt ist, an denen Katheter-Gummischläuche hängen. Auch in Kliniken nimmt man es mit der Mülltrennung offenbar nicht so genau. „Solche Tonnen laden wir nicht“, sagt der 59-Jährige.

Aber die schlimmen Fälle kommen selten aus Hohenschönhausen. „Die Leute haben hier auch in den Hoftonnen gut sortiert“, sagt er. Problematisch sei die Lage etwa in Neukölln. Da könne nicht jeder die Aufschriften der Behälter lesen. Warum die Altglastonnen gerade dort entfernt wurden, wo es kaum Probleme gab, versteht er nicht.

Früher kam viel Glas nach Velten nördlich von Berlin in eine Aufbereitungsanlage. Doch der Betreiber Alba legte sie 2012 still. Sie habe sich nicht gerechnet, weil zu wenig Glas geliefert worden sei. Der Altglasmarkt schrumpft, vor allem wegen der Konkurrenz der Leichtverpackungen. Hinzu kommt, dass nach dem Ende des DSD-Monopols zehn Unternehmen miteinander konkurrieren. Sie haben nach komplizierten Quoten Zugriff auf das Altglas.

Heute laden Fiddike und seine Kollegen im Westhafen ab. Dort wird das Glas allerdings nur zwischengelagert. Die nächste Aufbereitungsanlage, in der es von Fremdstoffen getrennt und zerkleinert wird, befindet sich im südbrandenburgischen Großräschen. Andere sind noch weiter entfernt: in Sachsen-Anhalt, Niedersachsen, Bayern.

Das Altglas wird größtenteils über die Autobahn dorthin befördert. Einige Scherben kommen wieder zurück, zum Beispiel in die Neuenhagener Glashütte östlich von Berlin. Dort werden sie zu neuen Flaschen und Gläsern gegossen.

„Velten fehlt uns in Berlin“, sagt Arno Schmidt. Er ist Geschäftsführer der Karl Meyer Rohstoffverwertung und in der Hauptstadt zuständig für die Leerung der Iglus. Die Transportwege seien nun länger, die Umschläge zahlreicher. Das erhöhe die Bruchquote. Auch Schmidt hält die Glasqualität aus dem Holsystem für schlechter. Allerdings sei das schon vor 20 Jahren so gewesen.

Heinz Fiddike und Olaf Bernhardt haben jetzt längere Lücken zwischen ihren Stopps. Lücken, in denen es keine Hoftonnen mehr gibt. Glas, prophezeien sie, werde dort nun öfter im Restmüll landen.