Berlin - Vor dem Untergeschoss der Berliner Stadtmission in der Lehrter Straße in  Moabit hat sich eine lange Schlange gebildet. Männer mit dicken Jacken und dichten Bärten stehen dort an. Es ist kurz vor neun am Abend, gleich öffnen die Türen. 121 Schlafplätze bietet die Notunterkunft des kirchlichen Trägers, alle sind belegt, jede Nacht.

Drinnen im Haus  kochen freiwillige Helfer, vor allem junge Leute, Eintopf und schmieren Brötchen. Yannick Büchle sammelt in den weiter hinten gelegenen Räumen Decken, Handschuhe und Hygieneartikel aus Regalen zusammen, dann klemmt er sich noch einen Schlafsack unter den Arm.  Er  ist 20 Jahre alt und Teamleiter vom Kältebus der Stadtmission, der nachts zwischen 21 und 3 Uhr durch die Stadt fährt, um Obdachlosen Hilfe anzubieten. Sie können mitfahren in die Stadtmission oder bekommen ein warmes Getränk. „Ich wurde gläubig erzogen, mir ist Nächstenliebe wichtig“, sagt Büchle bevor es losgeht.

Der Kältebus ist auf die Mithilfe der Bevölkerung angewiesen, jeder kann unter der Notrufnummer Hinweise geben. 49 waren es in der Vornacht. An diesem Abend ist Kamil  Janus  der Beifahrer, er nimmt die Anrufe entgegen, notiert die Adressen.

Der Leopoldplatz im Wedding ist die erste Station. Dort  übernachtet eine Frau, die seit Jahren obdachlos ist.  Yannick Büchle kennt sie, er fährt die Station  immer wieder mal an: Braucht sie etwas, möchte sie sich mit Tee aufwärmen?

Auf dem Weg klingelt das Handy. „Hier ist der Kältebus der Stadtmission“, meldet sich Kamil Janus. Ab jetzt geht es im Minutentakt: ein Mann am Thielplatz, ein anderer am Senefelder Platz, zwei SMS sind eingegangen. Kamil Janus hat die erste noch nicht zu Ende vorgelesen, als das Telefon schon wieder klingelt. Manteuffelstraße in Kreuzberg. „Kenn' ich, der will keine Hilfe“, sagt Büchle.

Anrufe im Minutentakt

Die Entscheidung, wohin sie fahren, ist eine ständige Abwägung der Prioritäten. Deshalb   fragt Janus die Anrufer ab: Ist die Person bewusstlos, ansprechbar, wie ist sie bekleidet, hat sie einen Schlafsack?

Die Frau am Leopoldplatz liegt vor einer geschlossenen Apotheke, Yannick geht in die Hocke, gibt ihr die Hand. Sie liegt auf einer Isomatte und ist in drei Schlafsäcke gewickelt. „Sie will nichts“, sagt Yannick Büchle. Besorgt wirkt er nicht. Die Frau ist gut ausgestattet,  und beim Handschlag hat er ihre Körperwärme gefühlt. Kamil Janus ist im Bus sitzen geblieben, pausenlos klingelt jetzt das Handy. Der 38-Jährige hilft ehrenamtlich, Urlaub nimmt er dafür nicht, trotz Nachteinsatz. „Wenn jeder ein bisschen was leistet, hätten wir nicht eine so geteilte Gesellschaft“, sagt er.

Die Liste füllt sich rasant. Kaiser's an der Warschauer Straße soll das nächste Ziel sein, der Anruf eines Polizeiwagens kommt dazwischen: In Weißensee rennt ein Mann vor fahrende Autos.  Als der Kältebus eintrifft, sitzt er im Polizeiauto. Er trägt keine Jacke, keinen Schal, er hat nichts dabei, nicht mal eine Plastiktüte mit dem nötigsten Besitz. Er spricht tschechisch.  Kamil Janus spricht polnisch und kann sich oberflächlich mit ihm verständigen. Der Mann ist nicht alkoholisiert. Er setzt sich auf die hinterste Bank im Bus, verhält sich ruhig, beobachtet aber interessiert alles, was passiert.

Yannick Büchle checkt die Wetterprognose. Die Nacht bleibt trocken, aber es sind bereits vier Grad unter Null. „Was ist erst los, wenn es 10 Grad kälter wird?“, fragt Kamil Janus. Es gibt einen zweiten Kältebus ohne eigene Notrufnummer, an ihn wird delegiert, was allein nicht zu schaffen ist. Kamil schickt ihn gerade nach Friedrichshagen. Außerdem fährt das Rote Kreuz mit dem Wärmebus durch die Stadt. Ist Berlin mit drei solcher Busse ausreichend ausgestattet?

Von Weißensee aus geht es nun zur Warschauer. Eine Gruppe junger Leute sitzt vor dem Supermarkt. Sie tragen Kapuzensweater, millimeterdünne Pappe als Unterlage soll sie vor dem kalten Steinboden schützen. Sie haben selbst angerufen, Cindy* ist betrunken, sie hat genug, meinen ihre Freunde.

„Wir pennen um die Ecke im Keller“, erzählt einer der Jungs, ein Anwohner würde ihnen den sonst abends aufschließen, jetzt sei er aber zugesperrt. In eine Notunterkunft wollen sie nicht, „da werden wir getrennt“, sagt er mit Blick auf seine Freundin. Nach etwas Überzeugungsarbeit klettert Cindy in den  Kältebus.

"Im Bus ist keiner aggressiv"

Sofort fängt sie an, ihren Kram aus mehreren Gürteltaschen zu sortieren, sie packt alles aus und wieder ein, zeigt ihr Ausweisfoto: „Siehst du, wie hübsch ich eigentlich bin?“ Anders als auf dem Foto hat  sie jetzt eine Wunde über der rechten Augenbraue und eine Abschürfung auf der Stirn. Ihr Freund sitze im Knast, erzählt sie, seitdem laufe es halt nicht so gut.

Um die Ecke in der Grünberger Straße liegt ein Mann vor einem Geldautomaten, der ein paar Stufen erhöht in das Haus eingelassen ist und wenigstens ein Minimum an Schutz vor dem beißenden Wind bietet. Yannick Büchle streift Einweghandschuhe über, der Mann ist schwer betrunken, seine Hose durchnässt, er trägt nur einen Schuh. „Kommen Sie mit, ich glaube, das ist  besser, hier ist es doch arschkalt“, sagt Büchle. Der Mann versteht ihn nicht, dem sanften Druck folgt er dennoch. Büchle   findet noch den anderen Schuh, kniet sich vor den Mann und streift ihn über dessen Fuß. Im Bus brabbelt er noch etwas vor sich hin, kurz darauf ertönt ein sonores Schnarchen. „Das erleben wir immer“, sagt Yannick Büchle. „Im Bus ist keiner aggressiv, das hat schon fast etwas Seliges.“

Angekommen in der  Unterkunft in Moabit müssen Büchle und Janus  den Mann vom Geldautomaten stützen, er kann nicht mehr selbstständig gehen. Der Tscheche läuft nebenher.

Cindy muss in eine Unterkunft für Frauen. Yannick Büchle hat ihr während des Zwischenhalts ein paar trockene Sachen  aus der Kleiderkammer mitgebracht, Cindy vermisst Kosmetik. „Sachen, die eine Frau halt braucht.“ Unter ihren Fingernägeln sitzt der Dreck, aber eigentlich sei sie eine Tussi, sagt sie. Sie holt ihr Deo raus und versprüht es im Bus.

Seit zehn Jahren sei sie „auf Platte“, also auf der Straße, erzählt Cindy. Stress mit der Mutter, „das ging nicht mehr gut“. Sie ist 23. „Was soll denn mal aus mir werden?“, fragt sie. In der Unterkunft in Kreuzberg nehmen sie zwei Helferinnen   in Empfang. Zum Abschied umarmt sie Yannick Büchle und bedankt sich für die schöne Fahrt.

Wenn einer nicht will

Es ist Mitternacht, der Takt der Anrufe hat nachgelassen. Die Menschen, die den Kältebus alarmieren könnten,  sind inzwischen Zuhause, man trifft nicht mehr so häufig auf die Not. So bleibt Zeit für einen Abstecher in die Manteuffelstraße, zu dem Mann, der immer jede Hilfe ablehnt. Er liegt in einem Schlafsack vor einer Hausfassade: keine besonders geschützte Nische, kein Windfang.

Die beiden Kältebusfahrer sprechen ihn an, fragen, ob er einen warmen Tee trinken möchte. Sie haben ihn geweckt. „Verpisst euch“, reagiert er barsch. „Das ist manchmal schwer zu akzeptieren“, sagt Yannick Büchle. Nichts tun zu können im Wissen, dass ein Mensch in Gefahr ist. Büchle und Janus  gehen zurück zum Bus und holen eine Decke aus dem Kofferraum. Der Mann ist wieder eingeschlafen, sie legen ihm die Decke eng um den Körper. Dann fahren sie weiter durch die Nacht.

*Name von der Redaktion geändert.