Berlin - Es ist Samstagabend, 23 Uhr, die Tour beginnt am Roten Rathaus. Denny Cornelius und Sascha Hübner haben noch schnell etwas beim Chinesen gegessen und sich ihre Dienstwaffen umgeschnallt, die sie unter der Wetterjacke tragen. Sie fahren in dieser Nacht in einem VW-Transporter Streife in den Ortsteilen Wedding, Tiergarten und Mitte. Während sie durch die Straßen rollen, halten die Polizisten Ausschau nach Gruppen von Jugendlichen.

23.15 Uhr: „Alex Oase“, schnarrt es über Funk. „Ein alkoholisierter Mann macht Stress und hat den Türsteher angegriffen.“ Doch da fahren Cornelius und Hübner schon auf der Leipziger Straße in Richtung Potsdamer Platz. Kollegen werden sich um die Oase kümmern. Viele Beamte sind jetzt nachts auf dem Alexanderplatz. Denn nach dem gewaltsamen Tod des 20-Jährigen Johnny K. vor etwa einem Jahr verkündete Innensenator Frank Henkel (CDU) das Einsatzkonzept „Sichere Mitte“ und ließ die Polizeipräsenz erhöhen. Deshalb stehen in dieser Nacht auch Beamte der 22. Einsatzhundertschaft auf dem Alex.

Ein eingespieltes Team

Denny Cornelius und Sascha Hübner sind ein eingespieltes Team. Der 36-jährige Polizeioberkommissar und der 40-jährige Polizeikommissar gehören zur Operativen Gruppe Jugendgewalt der Polizeidirektion 3 und brauchen kein Navigationsgerät. So gut wie sie kennt sich kaum jemand aus auf den nächtlichen Straßen Berlins. Seit acht Jahren ist Hübner bei der Einheit, Cornelius wechselte vor einem Jahr vom Streifenwagen hierher.

„Unsere Klientel soll wissen, dass wir da sind und sie gesehen haben“, sagt Sascha Hübner. Die Polizisten kennen ihre Jungs meist beim Namen. „Wir kennen uns aus Gesprächen und Ermittlungsverfahren, von Festnahmen oder Wohnungsdurchsuchungen“, sagt Hübner. Unter den Leuten, mit denen sie es zu tun haben, sind Schläger, Dealer und Diebe. „Dank unserer ständigen Präsenzstreifen kennen sie auch uns. In einer Gruppe ist meist immer einer dabei, bei dem wir schon zu Hause waren“, sagt Hübner. Genau in diesem Moment werden die Polizisten in der Müllerstraße von sechs Jungs, wahrscheinlich arabischer Herkunft, provozierend angestarrt. Die wissen, dass der VW ein Bullenauto ist.

23.30 Uhr: In der Nazarethkirchstraße rempeln sich vier Jungs an. Denny Cornelius geht vom Gas, beide Polizisten schauen in den Rückspiegel. Es war harmlos. Weiter geht’s. Langsam fahren sie an einer Bar vorbei und schauen durch die Fenster. Hier treffen sich immer wieder bekannte Gewalttäter. Die Bar ist fast leer.

0.05 Uhr, Badstraße: Ein weißes Auto wendet scharf und stellt sich vor einen BVG-Bus an einer Haltestelle. Der Bus kann nicht losfahren. „Ein Mietwagen“, murmelt Denny Cornelius und bleibt neben dem Auto stehen. Hübner hebt kurz die Anhaltekelle hoch, doch das ist nicht nötig. „Die wissen, dass wir Polizisten sind“, sagt er. Die drei jungen Männer in dem weißen Auto gehören zu jenen Leuten, die sich samstags einen Wagen mieten und aus Spaß durch die Stadt rasen. Sascha Hübner lässt die Scheibe runter. „Wenn du dein Auto weiter fahren willst, gewöhnst du dir ganz schnell einen anderen Fahrstil an!“ Der Fahrer hat plötzlich einen Hundeblick und nickt. „Wir haben ein Auge drauf!“, droht Hübner, bevor er die Scheibe wieder hochfährt.

In der Soldiner Straße sitzt ein Mädchen volltrunken auf dem kalten Bürgersteig. Daneben ein muskulöser Mann. „Alles in Ordnung?“ fragt Hübner. „Ja. Meine Frau ist nur betrunken.“

„Du bringst sie aber nach Hause?“

„Na klar doch.“

0.27 Uhr: Der Funk meldet eine Schlägerei auf einer Kreuzung: „20 Südländer in der Barfußstraße.“ Hübner stellt das Blaulicht auf das Dach und schaltet die Sirene ein. Der Wagen rast durch Wedding. „Alles im Griff, keine weiteren Kräfte zur Barfußstraße“, schnarrt es aus dem Lautsprecher. Die Polizisten nehmen das Blaulicht vom Dach. Sie fahren trotzdem am Ort des Geschehenes vorbei. Nur ein paar Leute stehen herum. Angeblich gibt es „keinen Geschädigten“.
0.45 Uhr, nahe U-Bahnhof Wedding: „Können Sie uns mitnehmen?“ fragen zwei Mädchen.

„Ein Taxi sind wir nicht. Da vorn ist der U-Bahnhof.“

1.05 Uhr: Inzwischen kurvt der VW-Bus um den Fernsehturm. Eine Zehnergruppe mit Bierflaschen in den Händen läuft grölend zu den Rathauspassagen. Vor solchen fürchtet man sich, wenn man ihnen allein im Dunkeln begegnet. Meist sind sie nur laut und ungefährlich. Dennoch beeinträchtigen sie das „subjektive Sicherheitsgefühl“, von dem Innensenator Henkel kürzlich im Abgeordnetenhaus sprach, als er für das Konzept „Sichere Mitte“ warb. Einer aus der Gruppe stößt einen herumstehenden Einkaufswagen um.

„Ein bisschen leiser bitte“, sagt Sascha Hübner.

„Ich habe gar nix gemacht“, sagt einer der Jugendlichen mit sächsischem Dialekt.

„Aber einer deiner Kumpels war es. Sag ihm, dass das nicht geht! Ihr seid nicht die Einzigen. Passt auf Euch auf!“

Am Bahnhof Alexanderplatz stehen jetzt auch vier Transporter der Bundespolizei. Hertha-Fans sind auf der Rückreise aus Hoffenheim, wo ihre Mannschaft gewonnen hat.

Jeden Tag wird der Alexanderplatz von rund 300 000 Menschen frequentiert. Setzt man diese Zahl in Relation zu den Straftaten, dann erscheint der Platz sicher. Laut Polizei wurden von Januar bis September auf diesem Platz 192 Straftaten weniger angezeigt als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Das ist ein Rückgang um fünf Prozent. Körperverletzungen, Raub und Bedrohung haben um 66 Fälle abgenommen – das sind elf Prozent weniger.

1.15 Uhr: Weil am Alex fast mehr Polizisten als Passanten sind, kurven die Polizisten inzwischen durch die verlassenen Straßen hinter dem Werderschen Markt, wo die Menschen in teuren Townhouses wohnen. Im Funk wird eine Lärmbelästigung in der Prinz-Eugen-Straße durch laute Musik gemeldet. Zu weit weg für Hübner und Cornelius. Es folgt eine weitere Anzeige wegen Lärmbelästigung – und noch eine. Viele Menschen fühlen sich in dieser Stadt gestört und hoffen, dass ihnen die Polizei den Schlaf bringt.

1.30 Uhr: Pause. Die Polizisten halten kurz vor dem Abschnitt 33 an der Perleberger Straße. Auf die Toilette, dann eine Cola holen. Sie essen nichts.

1.40 Uhr: Die Zentrale meldet: An der Kurfürstenstraße halten zwei russische Männer zwei russische Frauen im Schwitzkasten. Kollegen eines anderen Wagens kümmern sich darum. Ein Funkwagen wird zur Jannowitzbrücke gerufen. Eine hilflose Person. 14 Jahre alt. Wahrscheinlich Alkohol. Der Funk meldet, dass es an der Kurfürstenstraße keine Geschädigten gab. Man habe sich angeblich wieder vertragen.

2.05 Uhr: Vier Obdachlose schlafen unter der S-Bahnbrücke an der Karl-Liebknecht-Straße. Es sind sechs Grad Celsius. Der Bus der Kältehilfe, der in der Nähe stand, ist längst abgefahren.

2.06 Uhr: Die 22. Einsatzhundertschaft hat ihren Transporter mitten auf dem Alexanderplatz geparkt. Die „Alex Oase“ ist violett angestrahlt, drinnen tanzen Frauen. Der VW-Bus rollt durch die Rathausstraße. Nahe dem Lokal Cancún stehen zehn Jungs, die laut und fröhlich plaudern – genau an der Stelle, wo Johnny K. erschlagen wurde. Die Blumen und Kerzen zu seinem Gedenken sind längst weggeräumt.

2.15 Uhr: Über Funk wird berichtet, dass ein betrunkener Radfahrer in der Auguststraße einen Unfall verursachte. Und in einem Geschäftshaus hat noch jemand bis zum Morgen im Büro gearbeitet und nicht gemerkt, dass der Wachdienst die Alarmanlage einschaltete – weshalb sie losging, als er eine Tür öffnete.

2.35 Uhr: An der Kurfürstenstraße stehen Prostituierte in der Kälte, in einem Stehcafé ist noch immer Hochbetrieb. Ein Clubbesitzer in der Dorotheenstraße ist wegen des Gästeansturms überfordert. Er hat Angst, dass sein Laden zu Bruch geht.
„Schönen Abend noch“

Über den Alex wankt eine leichtbekleidete Frau mit einem Mann, der Sascha Hübner und Denny Cornelius heranwinkt. Er hat die Frau gerade in der „Alex Oase“ kennengelernt. Leider sind ihr die Freundinnen abhanden gekommen. Die nahmen ihren Mantel mit und ihre Tasche, in der Wohnungsschlüssel und Handy sind. Die angetrunkene Frau ist dennoch gut gelaunt und zündet sich eine Zigarette an. „Rufen Sie doch mit dem Handy Ihres Freundes Ihre Freundinnen an“, schlägt Sascha Hübner vor.“

„Die Telefonnummer meiner Freundin weiß ich aber nicht.“

„Dann rufen Sie Ihre eigenes Telefon an“, schlägt Cornelius vor.

„Diese Nummer weiß ich ja auch nicht.“

Der Mann, der eine dicke Jacke trägt und sie noch immer nicht seiner neuen Freundin angeboten hat, sagt: „Ich hab Sie ja als Polizei erkannt und dachte, ich kann Sie ja mal fragen, Sie sind doch Freund und Helfer.“ Er will die Polizei einspannen, um ein privates Problem zu lösen. „Der junge Mann wird Ihnen bestimmt helfen“, sagt Hübner zu der Frau. „Schönen Abend noch.“

In der Rathausstraße sitzt eine junge Frau auf dem Boden. Sie schläft. Drei Freunde versuchen sie hochzuziehen. „Kommt ihr klar?“ fragt Denny Cornelius. „Bringt ihr sie nach Hause?“

Gegen 5 Uhr ist die Schicht vorüber. Denny Cornelius und Sascha Hübner entschuldigen sich beim Reporter, dass in dieser Nacht so wenig los war. Es gibt Nächte, in denen sie Schläger festnehmen und sich ihrer Haut erwehren müssen. Sie fahren nach Hause, um zu schlafen – wenigstens ein paar Stunden. Denny Cornelius wird der Hund wach machen und Sascha Hübner wird von seinen Kindern geweckt.