Potsdam - Hat er, oder hat er nicht? Das war am Dienstag die große Frage im Untreue-Prozess gegen den einstigen Schatzmeister der Brandenburger Grünen, Christian Goetjes. Hat der 34-Jährige, der rund 274 000 Euro von den Parteikonten abgezweigt haben soll, auch noch einen Escort-Service betrieben? Und damit als Hartz IV-Empfänger an Prostituierten verdient?

Er hat offenbar. Das geht aus den Zeugenaussagen einer 22-jährigen Prostituierten und eines Berliner Kriminalbeamten am Landgericht in Potsdam hervor. Die Bulgarin hatte nach eigenen Angaben zwei Wochen lang für Goetjes’ Escort-Service gearbeitet. Dann habe sie aufgehört, weil sie nicht wie die anderen Frauen mit gewissen Extras aufwarten wollte.

Die Freier mussten demnach 100 Euro pro Stunde bezahlen, wovon Goetjes die Hälfte in die eigene Tasche steckte. Die Zeugin hatte Goetjes Ende Oktober bei der Polizei in Berlin angezeigt, weil sie sich von ihm bedroht und beleidigt fühlte. Noch Mitte November, als der Untreue-Prozess längst lief, soll der angeblich so mittellose Goetjes den Escort-Service betrieben haben.

Neun Frauen involviert

Das geht aus der Aussage eines Berliner Kriminalbeamten hervor, der nach der Anzeige der Prostituierten ermittelt hat. Eine Woche nach Prozessbeginn haben die Beamten beim Escort-Service angerufen und eine Frau zu einem vermeintlichen Freier bestellt. Goetjes sei damals am vereinbarten Treffpunkt mit einer Prostituierten aufgetaucht, sagt der Kriminalist.

Die Polizei konnte neun Frauen ermitteln, die für Goetjes gearbeitet haben. Hinweise darauf, dass sich der Angeklagte der Zuhälterei strafbar gemacht habe, gebe es nicht, erklärt der Zeuge. Die Frauen hätten freiwillig ihren Dienst angeboten, sie seien auch nicht in strafbarer Weise ausgebeutet worden. Der einstige Schatzmeister muss sich vor Gericht verantworten, weil er von Januar 2009 bis Februar 2011 insgesamt 267 Mal in die Kasse der Grünen gegriffen haben soll.

Im Februar 2011 verschwand er, und mit ihm eine Menge Geld. Goetjes hinterließ damals zwei Abschiedsbriefe. Einen an die Staatsanwaltschaft, einen an die Eltern. Darin gab er zu, Geld veruntreut zu haben. Seinen Eltern schrieb er, er habe einen Teil davon Menschen gegeben, die es nicht so gut hatten: Obdachlosen und Drogenabhängigen.

Sein eigener Richter sein

Er wolle nach zehn Jahren Knast als Schul- und Studienabbrecher nicht auf der Straße enden. Der Staatsanwaltschaft teilte er mit, er habe beschlossen, sein eigener Richter zu sein. Ein paar Wochen später wurde Goetjes in Berlin gefasst. Für die Potsdamer Richter ist es egal, ob sich Goetjes der Zuhälterei strafbar gemacht hat oder nicht.

Das wird gegebenenfalls in Berlin verhandelt. Doch sollten sie zu der Erkenntnis kommen, dass der Angeklagte wirklich einen Escort-Service betrieben hat, dann wäre sein Motiv für den Griff in die Parteikasse vom Tisch. Goetjes hatte sich in dem Prozess als Mann präsentiert, der mit dem Geld zwei Prostituierten aus Notlagen helfen wollte. Am 10. Dezember wird sich zeigen, ob die Richter ihm glauben.