Szene vom Samstag: Teilnehmer einer Demonstration in Berlin tragen Mundschutz, die Polizei nicht. Man müsse davon ausgehen, dass viele der Kollegen das Virus schon unbemerkt in sich tragen, sagt die Gewerkschaft.
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BerlinPlötzlich werden sie gefeiert und abends an offenen Fenstern beklatscht: die „systemrelevanten Berufsgruppen“. Zu ihnen zählen Ärzte, Pfleger, Schwestern, Polizisten, Feuerwehrleute, Lehrer, Erzieher, aber auch Supermarkt-Verkäufer, Regalauffüller, Lkw-Fahrer und Reinigungspersonal. Während sich alle anderen im Homeoffice isolieren sollen, verrichten sie ihren Dienst, riskieren dabei täglich ihre Gesundheit – um in der Krise ein System am Laufen zu halten, das gerade sie oft besonders schlecht behandelt. 

Corona wirft so drängend wie selten die Frage auf: Warum arbeiten ausgerechnet jene, die als Helden gefeiert werden, so oft mit mickriger Bezahlung unter schlechten Bedingungen? Und werden Politik und Gesellschaft jetzt zum Umsteuern bereit sein?

Nach 27 Dienstjahren als Polizist 2956 Euro Gehalt brutto

Nicht alle systemrelevanten Berufe sind gleichermaßen schlecht bezahlt. Die Spannbreite ist groß, die Tariflandschaft komplex. Von Gehältern wie in der Industrie oder in den Verwaltungen können viele der Systemrelevanten aber nur träumen. Oft gehen sie mit weniger als 2000 Euro netto im Monat nach Hause.

So erhält zum Beispiel ein Brandmeister bei der Berliner Feuerwehr nach abgeschlossener Ausbildung 2336 Euro pro Monat – brutto. Auch Berliner Polizisten steigen nach der Ausbildung im mittleren Dienst mit 2336 Euro ein. Nach 27 Dienstjahren erhalten sie als Endstufe 2956 Euro. Pflegekräfte in Altenheimen und Krankenschwestern bekommen ohne Zusatzqualifikationen nach 16 Jahren im Beruf 3311 Euro – gesetzt den Fall, dass sie überhaupt nach Tarif bezahlt werden.

„Wer Gewinne erhöhen will, muss Löhne drücken“

Das nämlich ist eines der größten Probleme vieler Systemrelevanter: Ihre Arbeitgeber fliehen seit Jahrzehnten aus der Tarifbindung und drücken sich so vor allgemeinverbindlichen Gehältern. Das gilt auch für das Land Berlin und die Kirchen.

Der renommierte Sozialwissenschaftler und Arbeitsmarktexperte Stefan Sell erklärt den Grund für den Systemfehler im Vergleich zur Industrie: In einer Autofabrik machten die Personalkosten weniger als 20 Prozent aus, in Branchen mit „personenbezogenen Dienstleistungen“, wie etwa Altenheimen, liegen sie bei bis zu 80 Prozent. „Wer in solchen Branchen seine Gewinne erhöhen will, der muss Löhne drücken“, so Sell.

Die Arbeitgeber waren dabei lange kreativ. Die Charité zum Beispiel hat alle nicht patientennahen Dienstleistungen in die „Charité Facility Management GmbH“ ausgegliedert. Mehr als 3000 Beschäftigte, die Reinigungen, Hol- und Bringdienste erledigen, Essen liefern oder in der IT arbeiten, werden so nicht nach Tarif bezahlt. „Man hat gezielt eigene Unternehmen aufgesplittert – mit dem Ziel, Tarifflucht zu begehen“, sagt Meike Jäger von Verdi.

Infektionsrisiko und Arbeitsbelastung hoch: Angestellte im Supermarkt
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Noch schlimmer sieht es im Einzelhandel aus, wo laut Verdi nur ein Drittel des meist weiblichen Personals durch Tarifbindungen abgesichert ist. Nur die Einführung des Mindestlohns im Jahr 2015 habe verhindert, dass die Stundenlöhne zum Teil bis auf drei Euro fielen.

Vor Altersarmut wird aber auch der Mindestlohn viele Kassiererinnen nicht schützen: Ein Großteil von ihnen muss Teilzeit mit sehr wenigen Stunden arbeiten, obwohl sie gerne mehr Stunden machen würden. Die Arbeitgeber arbeiteten lieber mit vielen kleinen Verträgen und flexibel einsetzbarem Personal, erklärt die Gewerkschaft - mit dramatischen Konsequenzen für die Renten. 

Nur wenige sind in Gewerkschaften organisiert

Der Organisationsgrad in Gewerkschaften ist im Einzelhandel, ebenso wie in der Pflege, niedrig.  Andere Systemrelevante können gar nicht protestieren: Polizei und Feuerwehr dürfen ihre Arbeit nicht niederlegen– im sozialen Bereich verweigern außerdem die Kirchen und konfessionsgebundenen Verbände ihren Beschäftigten das Streikrecht. 

Dabei sind sie in der Corona-Krise hohen gesundheitlichen Gefahren ausgesetzt. Verkäufer, Polizisten oder Erzieherinnen können engen Kontakt mit Menschen gar nicht vermeiden, tragen in Berlin aber meist keine Schutzmasken. „Ein Polizist erfüllt seinen Dienst auch unter Aufopferung der eigenen Gesundheit oder im schlimmsten Fall des eigenen Lebens“, teilt die Pressestelle der Polizei mit.

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Gewerkschaften kritisieren das enorm hohe Infektionsrisiko und die große Verunsicherung in der Belegschaft, drängen aber dennoch nicht vehement darauf, alle mit Schutzkleidung auszustatten oder Gefahrenzulagen zu zahlen. Bei Polizei wie Erzieherinnen, die zurzeit die Notbetreuung in Kitas und Schulen übernehmen, gleichen sich die Argumente: Man könne die vor Ansteckung schützende Maskenart gar nicht den ganzen Tag tragen, weil man damit zu schlecht Luft bekomme. Die Gewerkschafter befürchten außerdem, dass die Schutzmasken Bürger und vor allem Kinder verschrecken und Abwehrreaktionen hervorrufen könnten.

„Wir müssen davon ausgehen", teilt die Gewerkschaft der Polizei Berlin dieser Zeitung mit, „dass viele Kollegen das Virus schon unbemerkt in sich tragen." 

Dienstpflicht geht über die eigene Gesundheit

Die „intrinsische Motivation und Identifikation mit dem Arbeitgeber“ sei in den systemrelevanten Berufen überdurchschnittlich stark, sagt Sell. „Sie wollen ihre Patienten und Kunden nicht im Stich lassen.“

In den schlecht bezahlten systemrelevanten Berufsgruppen ist der Anteil von Frauen und Menschen mit Migrationshintergrund besonders hoch. Im Einzelhandel etwa liegt der Frauenanteil bei 70 Prozent. Sell weist außerdem auf die in der aktuellen Diskussion „unsichtbaren systemrelevanten Berufe“ hin, die gar keine Lobby haben: Osteuropäer, die auch zurzeit Lkws deutscher Unternehmer durch Europa steuern. Oder osteuropäische Pflegekräfte, die in Deutschland „faktisch illegal 24-Stunden-Dienste in geschätzt 300.000 deutschen Privathaushalten machen".

Kann die Corona-Krise Verbesserungen bringen? 

Kann das in der Corona-Krise gestiegene Bewusstsein für die Relevanz der Berufe die Wende bringen? New Yorker Krankenhäuser zahlen Krankenschwestern seit ein paar Tagen bis zu 100 Euro Stundenlohn - auch um das nötige Personal aus dem gesamten Land an die Ostküste zu locken. In Frankreich zahlt der Einzelhandel seinen Angestellten bis zu 1000 Euro extra. 

In Deutschland haben Rewe, Kaufland und Co. Einmalzahlungen von 100 bis 250 Euro vor Ostern angekündigt. Lidl stellt seinen Mitarbeitern Gutscheine vom eigenen Haus aus. Einen wirklichen Systemwandel aber, da sind sich die Experten einig, wird nur die Rückkehr zu flächendeckenden Tarifverträgen bewirken.

Die Politik bekundet zurzeit volle Unterstützung: Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) forderte am Mittwoch als Reaktion auf die Corona-Krise einheitliche Tarifverträge in der Pflege sowie im Einzelhandel. Heil sagte im ARD-„Morgenmagazin“, Deutschland müsse als Solidargemeinschaft Konsequenzen ziehen. „Langfristig“ müsse auch der Mindestlohn weiter steigen.  Aber: Gewerkschaften und Arbeitgeber seien gefragt, Tarifverträge zu vereinbaren.

Nur denken die Arbeitgeber in der Krise nicht daran. Im Gegenteil: Der Handelsverband teilte am Mittwoch mit, dass man die 2019 vereinbarte Tariferhöhung bis zum Ende des Jahres aufschieben wolle, um in Not geratenen Arbeitgebern zu helfen. Große Teile der Branche - wie Bekleidungs- und Elektronikläden - müssen seit zwei Wochen geschlossen bleiben. Diese Entscheidung trifft auch die Kassiererinnen in den Supermärkten.

Berliner Koalition uneins über Boni-Programm für „Alltagshelden“

Berlin arbeitet zurzeit an einem Zuschussprogramm für systemrelevante Berufsgruppen: Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) will die geplante Hauptstadtzulage von 150 Euro pro Monat für Landesangestellte umwidmen, so dass Krankenschwestern, Polizisten, Kassiererinnen, Erzieher und „andere Alltagshelden“ davon profitieren. Das kündigte Müller in einer Regierungserklärung vergangene Woche an. Die Senatsfinanzverwaltung teilte der Berliner Zeitung am Mittwoch mit, man arbeite an der Umsetzung. 

Doch die Grünen warnen den Koalitionspartner vor zu großen Versprechungen und halten wenig von Boni-Zahlungen nach dem „Gießkannenprinzip“. Grünen-Fraktionschefin Antje Kapek sagte der Berliner Zeitung am Mittwoch: „Erstmal rechnen, dann verkünden."  Um die Verhältnisse tatsächlich zu verbessern, brauche es einen klugen, plausiblen Weg – nicht den „populistisch einfachsten“. 

Sozialwissenschaftler Sell befürchtet, dass sich  für die systemrelevanten Arbeitnehmer wenig verändert. „Ich würde es mir sehr wünschen“, sagt er. „Doch ich befürchte, dass nach der Krise ein harter Sparkurs eingeschlagen wird, der gerade systemrelevante Berufsgruppen stark treffen kann.“

Hoffnung mache indes, dass viele Berufsgruppen in der Corona-Krise ihren eigenen Wert besser zu schätzen lernten. So würden sie sich in Zukunft hoffentlich besser organisieren und vielleicht auch das schärfste Schwert zu zücken wagen: die Drohung damit, die eigene Arbeit für einen Streik niederzulegen.

Das sind die systemrelevanten Berufe in Berlin

Folgende Berufsgruppen gelten für das Gemeinwesen in Berlin in der Corona-Krise als unverzichtbar (Auszug): Ärzte, Krankenschwestern, Pflegekräfte, Apotheker, Polizisten, Sanitäter, Feuerwehrleute, Mitarbeiter von Katastrophenschutz und Lebensmitteleinzelhandel, Reinigungskräfte in Krankenhäusern, Schulen, Altenheimen und öffentlichen Gebäuden, Mitarbeiter in Produktionseinrichtungen der Grundversorgung und der Logistik-Branche, betriebsnotwendiges Personal der Öffentlichen Verkehrsmittel, Strom- und Wasserversorgung, Behörden und Verwaltungen (darunter Mitarbeiter der Frauenhäuser, Jugend- und Suchthilfe), Erzieherinnen, Lehrer, Hausmeister und Sekretärinnen an Schulen, Journalisten und Zeitungszusteller, Mitarbeiter von Banken, Rechenzentren und Bundeswehr, Seelsorger und Bestatter. 

Die Zuordnung ist zurzeit für viele Arbeitnehmer wichtig, weil systemrelevante Berufsgruppen in der Corona-Krise Anspruch auf Notbetreuung für ihre Kinder haben. Dazu müssen beide Elternteile in systemrelevanten Berufsfeldern tätig sein oder ein Elternteil in einem der vom Berliner Senat definierten Berufsfelder, die unter die Ein-Elternregelung fallen. Hier gibt es eine Übersicht aller systemrelevanten Berufe in Berlin und die Betreuungsregelungen >>

Rund 90 Prozent aller Menschen in den systemrelevanten Berufen verdienen unterdurchschnittlich - nach einer Berechnung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). In diesen Bereichen seien auch überdurchschnittlich viele Frauen tätig. Gutverdiener wie Ärzte oder IT-Spezialisten fielen zahlenmäßig kaum ins Gewicht. Der durchschnittliche Brutto-Stundenlohn liege mit 18 Euro unter dem Schnitt aller Berufe mit 19 Euro. (ann/dpa)