Christiane Große: Mit ein bisschen Kreativivtät kann jedes Kleidungsstück wieder chic gemacht werden. 
Foto: Berliner Zeitung/Wächter 

BerlinAus Alt mach Neu – darin ist Christiane Groß im Repaircafé des Museums Europäischer Kulturen in Dahlem Meisterin. Jede davongelaufene Masche fängt  die Ärztin und Psychologin mit ihrer Waffe, der Häkelnadel, geschickt wieder ein.

Auch zerlöcherte Jeans und abgetragene olle T-Shirts betrachtet sie mit liebevollem Blick, erahnt für sie noch eine erneut strahlend-schöne modische Zukunft. Sie und Ruth Fiedler vom Fachverband Textil sitzen zwischen Nähmaschinen, Nadeln, bunten Garnrollen und getragenen Kleidungsstücken, verbreiten tröstliche Zuversicht.

Christiane Groß: „Man kann jedes Kleidungsstück mit guten Ideen und unkomplizierten Techniken wieder tragbar, originell und chic stylen.“ Optimismus ist vonnöten, denn aus der Ausstellung „Fast Fashion“ kommt man geschockt.

Ausbeutung ermöglicht große Verdienstspannen 

Sie zeigt, wie hässlich die Anfertigung hübscher Kleider ist. Danach mag man nie mehr lustvoll in vollgepackten Kleiderständern wühlen und will sich nur noch in Sack und Asche hüllen. Euphorisierender Kaufrausch wird zum tragischen Trauma.

Christiane Groß: „Vor allem in der Dritten Welt, aber auch in China, gibt es haarsträubende Arbeitsbedingungen. Man kann es nicht mit seinem Gewissen vereinbaren, dass andere Menschen für irgendein Kleidungsstück so etwas ertragen müssen.“ Umweltbelastungen durch Pestizide wie auf indischen Baumwollfeldern sollen jährlich bis zu fünf Millionen Menschen weltweit vergiften und töten, schätzen internationale Arbeitsorganisationen.

Bei der Verarbeitung von Baumwolle zu Garn und Stoff kommen weitere schädliche Chemikalien zum Einsatz: Chloride als Bleichmittel und Weichmacher sowie Farben verunreinigen Gewässer. Sandstrahlen veredelt Hosen und Blusen mit coolem Vintage-Look, verursacht aber Lungenkrebs bei Textilarbeitern. Ausbeutung ermöglicht große Verdienstspannen bei Mode.

Christine Groß: Ein Loch ist kein Drama 

Eine Jeans aus Bangladesch kostet einen Euro, die Näherin verdient etwa 35 Euro im Monat – das macht neue Mode schnell möglich. Wo früher zweimal im Jahr eine Kollektion genügte, verlangen heute die Kunden  alle paar Wochen nach Neuem. Deshalb hat Christiane Groß beschlossen: „So wie es heute zugeht, kann es nicht bleiben. Kleidungsstücke dürfen nicht mehr weggeworfen werden, sie haben zum Schutz unserer Umwelt ein Recht aufs Reparieren.“ Lohnt sich nicht, gibt es nicht.

Es gibt für jedes Loch den passend farbigen Faden zum Zusammenziehen.
Foto:  Berliner Zeitung/Wächter 

Zerschlissene Unterkanten von Hosen bekommen bei ihr Borten- oder Spitzenränder, ein von Motten genagtes Loch bedeckt sie mit einem Filzstück, stickt darum prächtige Blumenblätter. Für Christiane Groß ist ein Loch kein Drama, sondern modische Herausforderung, Gelegenheit, kreativ zu werden. Sie ermutigt, statt online Neues zu bestellen, selbst mit Nadel und Faden das Abenteuer der Kreativität zu erfahren.

Wie sie, als die Unterarme ihres dunkelblauen Pullis durchgescheuert waren. Schnipp, schnapp trennte sie sie ab, nähte dafür selbst gestrickte braun-orange-hellblau-melierte Wollärmel dran. „Alte T-Shirts zerlege ich in dünne Stoffstreifen, stricke daraus Tücher oder Westen.“ Welch ungewöhnliche charmante Veränderungen! Upcycling ist aber keine neue Erfindung, sondern seit Jahrhunderten angewandte Kulturtechnik auf der ganzen Welt.

Feinmotorik und Nervenzellen 

„In Japan heißt das Verzieren mit Stickerei aus weißem oder blauem Faden ‚Sashiko‘. Bei ‚Boro‘ werden restliche Stoffstücke zu Decken und Jacken zusammengenäht. In den USA heißt das ‚Quilten‘.“ Überall veredeln solche Techniken Reste zu Kostbarkeiten. Die noch zudem schlauer machen. Die Ärztin Christiane Groß weiß aus ihrer jahrzehntelangen Arbeit mit Menschen, was es für uns tut, etwas mit den Händen zu tun.

„Handarbeit ist eng mit der Hirnentwicklung verbunden. Dinge müssen begriffen werden, um sie zu verstehen.“ Durch Feinmotorik verknüpfen sich Nervenzellen, erst danach können sie aktiv werden. „Das ermöglicht auf einmal Zugang zu anderen Sichtweisen wie räumliches Denken. So entsteht Kreativität.“

Repaircafé in der Ausstellung „Fast Fashion“ im Museum Europäischer Kulturen, Dahlem: bis August 2020 jeden 1. Sonntag im Monat, jeweils 15 bis 18 Uhr