Upcycling statt Recycling: Vorhang wird Tasche

Berlin - Vom Glanz der Modewelt ist im Keller der Stadtmission an der Lehrter Straße nichts zu spüren. Alte Schuhe lagern hier, gebrauchte Hemden und Hosen stapeln sich in den Regalen, getragene Winterjacken hängen auf Bügeln. Doch auch wenn es hier nicht schick aussieht: Die kirchliche Einrichtung, die vor allem Obdachlosen hilft, geht unter die Modemacher. Mit einem eigenen Label und einem eigenen Shop in Mitte will sie alte Sachen neu designed verkaufen. Upcycling statt Recycling – aufwerten statt nur wiederverwerten –, heißt die Devise.

Denn vieles, was Unterstützer bei der Stadtmission abgeben, kann nur schwer verwertet werden. Ein bis zwei Tonnen Kleiderspenden kommen im Sommer wöchentlich zusammen, sagt Jost Berchner, der für die Sachspenden zuständig ist. Im Winter seien es oft doppelt so viele. Die Kleidung wird verteilt, auf die Notunterkunft für Obdachlose und die Bahnhofsmission, auf Wohnprojekte und die klassischen Secondhandläden der Stadtmission. Aber was macht man mit vier Kartons Oberhemden, die keiner will? Oder mit einem Stapel ausrangierter Turnmatten? Wegwerfen sei keine Option, sagt Berchner. Als kirchliche Einrichtung wolle man mit Spenden sorgsam umgehen.

„Grüne Mode“ hat ihren Preis

Deshalb hat die Stadtmission ihr eigenes Modelabel „Water to Wine“ gegründet. Die Idee: Aus sonst nicht brauchbaren Spenden soll neue, hochwertige Kleidung werden. Dafür arbeitet sie mit verschiedenen Designern, etwa vom Upcycling Fashion Store in Mitte, zusammen.

Am 18. Oktober soll dann der „Water to Wine“-Shop in der Auguststraße 82 in Mitte eröffnen. Die Einnahmen kommen der Stadtmission zugute. Das neue Label habe schon erste Entwürfe erarbeitet, so Berchner, unter anderem einen Schal und eine Tasche. Und auch andere Labels, die auf Upcycling setzen, werden hier ihre Waren verkaufen. Wobei es sich nicht um Billig-Kleidung handelt. Die „grüne Mode“ hat ihren Preis.

Das ist auch bei Globe Hope so, einem finnischen Öko-Label, das seine Kollektion ebenfalls im „Water to Wine“-Laden verkaufen wird. Eine Handtasche mittlerer Größe, verziert mit alten Spitzendeckchen, kostet fast 90 Euro. Jedes Stück sei ein Unikat, und die Fertigung aus alten Stoffen erfolge in Handarbeit, sagt Taru Aalto, Managerin von Globe Hope, dazu.

Die Umwelt bewahren

Das Unternehmen ist seit 2003 mit Upcycling-Mode auf dem Markt. Es sei gewinnorientiert, wolle aber ein Zeichen gegen die Wegwerfmentalität der Branche setzen und fair bezahlte Jobs vor Ort anbieten, sagt Taru Aalto. Die bisherigen Kollektionen zeigen, was alles geht: aus alten Armee-Wäschesäcken werden Mäntel, aus verschiedenen Cordhosen schicke Röcke. Aus Omas Vorhängen lässt Globe Hope Taschen nähen, und demnächst wird es Berliner Spitzendeckchen und Gardinen verarbeiten. Denn die Stadtmission hat fünf große Plastiksäcke voll für Globe Hope gesammelt. Mit der Aktion wollte sie mit der Firma für Nachhaltigkeit in der Mode werben.

„Es geht doch darum, die Umwelt zu bewahren“, sagt Jost Berchner von der Stadtmission über Upcycling. Deshalb habe er die Sammlung durchgeführt. Zugleich erhofft er sich eine weitere Zusammenarbeit mit Globe Hope. Am Mittwoch führte er Taru Aalto und Firmen-Gründerin Seija Lukkala durch die Kellerräume der Stadtmission und zeigte ihnen die alten Turnmatten und Herrenhemden. Die Reaktionen der Besucherinnen waren vielversprechend. Aus den Matten könnte man Taschen fertigen, und zu den Hemden falle ihnen auch noch was ein, so die Modemacherinnen. Vieles sei möglich. Nur Wegwerfen kommt nicht in Frage.