Wenn Christian Bormann nach dem Aufstehen in den Spiegel schaut, fragt er sich, ob er noch er selbst ist oder vielleicht schon jemand ganz anderes. Zum Beispiel Indiana Jones. Denn so wird der 37-Jährige aus Pankow jetzt von dem US-amerikanischen Privatsender HBO genannt.

Der TV-Konzern mit Sitz in New York hatte Wind von Bormanns großer Entdeckung im Wald bei Schönholz bekommen – dem letzten existierenden Stück der Berliner Ur-Mauer von 1961. Seit die Berliner Zeitung am 23. Januar zuerst über den Fund berichtet hatte, steht Bormanns Telefon nicht mehr still. Nun wollten auch die Amis von HBO nach Berlin kommen, um den „deutschen Indiana Jones“ in Aktion zu filmen.

Indiana Jones, das ist der legendäre, von Harrison Ford gespielte Filmheld mit Hut und Lederjacke, der als archäologischer Schatzjäger durch die Welt zieht. Der Vergleich schmeichelt dem Berliner Heimatforscher schon, aber so langsam wird ihm der Rummel etwas unheimlich. „Wir haben fürs Fernsehen sechs Stunden lang im Wald bei Pankow gedreht“, sagt Bormann, der übrigens weder Hut noch Lederjacke trägt. Einfach alles habe das Reporterteam über ihn wissen wollen. Und verdattert seien die Amis auch gewesen.

Eine Woche nach Bekanntgabe des Funds von 80 Metern Ur-Mauer haben die Behörden noch immer keine Schutzmaßnahmen ergriffen. Jeder hat freien Zugang zum Gelände.

Die Mauergeschichte geht um den Erdball

„Die Reporter sagten mir, dass ihr Beitrag auf mehreren Kanälen und in mehreren Sendungen des HBO-Konzerns ausgestrahlt werden soll“, erzählt Bormann. Vor allem wurde er für das Nachrichtenformat „Vice News Tonight“ gedreht, das sich sonst mit russischen Hackern, tätowierten Knastbrüdern und den Extremen der Klimakatastrophe befasst. Und nun bringen sie also auch den Mann aus diesem seltsamen Germany, wie er den Bau der Ur-Mauer erklärt und die Reporter in einen alten Bunker führt. Bormann ist schon gespannt, was davon am Ende übrig bleiben wird, wenn das Filmmaterial geschnitten ist.

Nach dem Besuch des Kamera-Teams setzte sich Bormann müde an seinen Computer. Er schaut jetzt jeden Tag im Internet nach, wie weit es seine Mauergeschichte schon um den Erdball geschafft hat: Britische und spanische Zeitungen berichteten, am Dienstag auch chinesische Internetseiten. Zwischen all den asiatischen Schriftzeichen, die er nicht entschlüsseln kann, stehen die Schlagworte in lateinischen Buchstaben: Bormann, Pankow, Schönholz und wieder Bormann.

Von so viel Aufmerksamkeit beflügelt hat der Entdecker nun an Bundeskanzlerin Angela Merkel geschrieben. „Das soll nicht unbescheiden wirken, es geht mir dabei nicht um mich“, sagt Bormann. In seiner E-Mail fordert er die Kanzlerin auf, für den Schutz der Mauerreste zu sorgen. Jeden Tag besuchen mehrere Dutzend Neugierige die Fundstelle. Manche haben Hammer und Meißel dabei.