Urbana, Illinois oder: Mehr Bildung für eine bessere Welt

Wie in einer kleinen Stadt im mittleren Westen der USA engagierte Bürger Orte der Herzlichkeit und der Vernunft schaffen.

Die Theatertruppe Bread and Puppet aus Vermont bei ihrem Auftritt in Urbana
Die Theatertruppe Bread and Puppet aus Vermont bei ihrem Auftritt in UrbanaMandy Tröger

Einer meiner Lieblingsorte auf der Welt ist Urbana, Illinois. Der Name sagt vielen nichts; andere schütteln verständnislos den Kopf. Eine Kleinstadt, irgendwo im mittleren Westen der USA. Was kann hier schon besonders sein? Fünf Jahre lang lebte und studierte ich in Urbana. Seitdem komme ich immer wieder. Es ist ein Ort voll von Musik, Kunst und Menschen, die Gemeinschaft schaffen. Jeden Tag kämpfen sie im Kleinen um das, was sie im Großen vermissen: Orte der Herzlichkeit und Vernunft – nicht nur in den USA fehlt es oft an beidem.

Einer dieser Orte ist das Independent Media Center (IMC). Im alten Stadtkern Urbanas ragt es bunt aus der grau verwaisten Umgebung. Das Motto des IMC: „Medien + Kunst + Technik für sozialen Wandel!“ Das IMC fördert Medien und Kunst und lässt Menschen zu Wort kommen, deren Stimmen im kommerziellen Medienwahn untergehen. Ob Afroamerikaner:innen, Arme oder Alte. Das Ziel ist „Empowerment“ durch Bildung. In einem Land, in dem Religion, Wirtschaft und Politik die Nachrichten treiben, ist das keine kleine Aufgabe.

Über 1000 Freiwillige machen es möglich. Sie betreiben einen Radiosender, eine Zeitung und eine Bibliothek. Sie organisieren Arbeitsgruppen, kulturelle Projekte und unterstützen Initiativen für soziale Gerechtigkeit. Erst letzte Woche gab es den „Book Sale for Prisoners“ – einen Bücherverkauf, dessen Einnahmen Bildungsprojekte im Gefängnis unterstützen. Kürzlich kam auch die Theatertruppe „Bread and Puppet Theater“ aus Vermont zum Gastspiel. Deren Motto: Kunst für alle, nicht nur für Reiche! Rund 400 Besucher:innen waren dabei. Unter freiem Himmel sahen sie ein prächtiges Schauspiel übergroßer Puppen. An diesem Abend gingen alle Besucher:innen etwas reicher nach Hause – egal ob mit viel oder wenig Geld.

Seit Kurzem hat das IMC auch staatliche Mittel – 700.000 US-Dollar zur Unterstützung gemeinnütziger Organisationen vor Ort. „Es ist wirklich unglaublich, wie viele Menschen versuchen, Dinge zu verbessern“, sagt Miriam Larson. Sie ist die Direktorin des IMC und eine langjährige Freundin. Häufig hätten Menschen, die Non-Profit-Organisationen gründen wollten, aber keinerlei Hilfe, erzählt sie.

Durch Anschubfinanzierung, Beratung und Begleitung helfe ihnen das IMC, sich zu etablieren. Ein Fokus seien Initiativen gegen Waffengewalt – das liefe ziemlich gut, sagt sie. Daneben fördert das IMC seit Jahren soziale Projekte. Die „Black Voices Theater Production“ zum Beispiel – ein Theaterprojekt, das sich für Bewältigungsstrategien rassistischer Gewalt einsetzt. Oder die „Champaign County Bailout Coalition“ – ein Verbund gegen die strukturelle Ausbeutung Armer in US-amerikanischen Gefängnissen. Es gibt viel zu tun in Zeiten wachsender wirtschaftlicher und sozialer Spaltung, auch in Urbana, Illinois.

Mein Mann und ich sind für eine Hochzeit hier. Vier Tage lang treffen wir alte Freunde. Handwerker:innen, Lehrer:innen und Biobauern. Sie spielen Musik, sitzen am Lagerfeuer und feiern – in einer Scheune mitten im Wald. Heute wie damals sind wir sprachlos. Ihr Engagement zeigt uns aufs Neue: Politische und soziale Teilhabe ist mehr, als Nachrichten schauen und wählen gehen. Sie passiert durch die Dinge, für die wir uns täglich einsetzen. All jene, die dagegen nur die Köpfe schütteln, sollten sich besser mal an den Köpfen kratzen.