Letschin - Das Navigationsgerät streikt. Die Kienitzer Oderstraße 51 in Letschin kennt es nicht. Stattdessen bietet der kleine Monitor die Nummer 45 als Alternative an. Erst einmal losfahren. Das Oderbruch ist eben nicht Berlin. Straßen sind hier irgendwie auch Nebensache. Das ist gut so, denn aus diesem Grund flüchten viele gestresste Städter in die Weiten des Landkreises Märkisch-Oderland – um Stille und saftiges Grün zu genießen, um Rad zu fahren, spazieren zu gehen, die Oder zu erkunden.

Nach anderthalb Stunden Fahrt aus Berlins Mitte ist die Nummer 45 passiert und das eigentliche Ziel – der Erlenhof mit der Nummer 51 – sogar ausgeschildert. Ein kleiner Weg führt zum Hof, schon von Weitem hört man die Schafe blöken: das Empfangskomitee, das im Erlenhof den Ton angibt. Denn das Grundstück ist ein wahres Schaf-Paradies: Elf Skudden-Muttertiere und 18 kleine Schäfchen grasen hier auf der Weide, Hund Emmie, ein Schafpudel schiebt Wache. Die Hausherrin vom Erlenhof, Barbara Brunat, spinnt die Wolle der Heidschnucken zu Socken, verkauft Schaffelle und trägt Schlappen mit Schäfchencomic-Aufdruck.

Touristen schlafen in puristischen Karren

Doch der Clou sind die drei Schäferwagen, die auf dem idyllischen Flecken Erde stehen: kleine hölzerne Wohnwagen, die Schäfer damals als Unterkunft nutzten, während ihre Tiere auf den Wiesen den Hunger stillten. Auf dem Erlenhof schlafen jetzt Touristen in den puristischen Karren, in denen es nicht viel mehr gibt als eine Matratze, eine Buchablage, eine Lampe, zwei kleine Fenster, ein Schäfchen-Kuscheltier und einen winzigen Ofen für kalte Tage und Nächte.

„Man kehrt hier einfach zu seinen Wurzeln zurück. Mich reizt das Minimalistische, das Romantische. Ich schraube meine Ansprüche herunter und merke, wie wenig man eigentlich braucht“, sagt Michael Adam beim Frühstück in der Sonne. Er kommt aus Berlin und ist mit seiner Freundin Sabine Greissel zukünftiger Stammgast. Zum zweiten Mal suchen die beiden Zuflucht in der Letschiner Einöde, zwei Kilometer von der Oder entfernt.

Kaum Handy-Empfang

In der Stadt kommt der 54-Jährige nicht so richtig zur Ruhe. Michael Adam arbeitet im Catering-Bereich. „Man hat immer die Nähe zum Job, man muss etwas im Haus erledigen oder das Telefon klingelt.“ Auf dem Erlenhof bleibt das Handy oft ausgeschaltet, der Empfang ist ohnehin schlecht und das Telefon loggt sich meist auch noch automatisch in das polnische Netz ein.

„Telefon und Computer, das brauchen wir hier nicht, wir wollen schließlich unsere Ruhe. Das ist Natur pur, ein bisschen wie Zelten in Jugendzeiten“, findet die 45-jährige Sabine Greissel. Dass sie nachts Socken tragen muss, weil es im Schäferwagen dann doch etwas kalt werden kann, stört sie nicht. Und er fügt hinzu: „Wenn ich im Dunkeln noch mal raus zum Toilettenhäuschen gehe, sehe ich den Sternenhimmel, den ich so in der Stadt noch nie gesehen habe, mal ganz abgesehen von dem Vogelgezwitscher.“

Schafe eigentlich nur zum „Rasenmähen“

Dass die Schäferwagen so begierig von den Touristen angenommen werden, hätten Barbara und Karl-Heinz Brunat selbst nie gedacht. Eigentlich wollten sie nur ein paar Schafe zum „Rasenmähen“ haben. Dann kauften sie sich 2008 einen Schäferwagen, ein Nachbau nach originalem Vorbild. „Zum Ausprobieren, wie die Leute reagieren“, sagt Barbara Brunat. Ein zweiter folgte, und seit zwei Jahren besitzt das Ehepaar auch ein Original-Modell.

100 Jahre ist der historische froschgrüne Wagen alt: ein Erwachsener kann ausgestreckt nur quer in der winzigen Koje liegen. Bevor der alte Wagen sein neues Domizil im Oderbruch fand, stand er in Süddeutschland auf einem Weingut und diente als Weinstübchen.

Die Gäste des Erlenhofs suchen nach dieser Bescheidenheit. Die Brunats können sich vor Anmeldungen kaum retten. Vor allem Radfahrer und Berliner kommen und fragen nach einer Unterkunft. Aber nicht bei jedem ist es Liebe auf den ersten Blick. „Ein Mann war mal ganz zerknirscht, als er hörte, dass nur noch ein Platz im Schäferwagen und nicht im Ferienhaus frei sei. Am Ende blieb er drei Tage und saß mit seinem Buch und einem Glas Rotwein vor seinem Wagen und stellte fest, dass er gar nicht mehr braucht“, erzählt die Hausherrin.

Kein Internet? Die Horrorvision schlechthin

Auch viele Kinder brauchen einige Zeit, um sich mit der Abgeschiedenheit anzufreunden. Kein Internet? Die Horrorvision schlechthin. Für Lena, das blonde Nachbarskind vom Erlenhof, spielt so was kaum eine Rolle. Sie kommt einmal am Tag barfuß zum Hof gelaufen und bringt frische Eier vorbei, um ihr Taschengeld aufzubessern und den Schafpudel Emmie an den neuen Familienzuwachs zu gewöhnen: Ein Kätzchen, das einmal zu den Brunats ziehen soll. Emmie schnüffelt dann neugierig an dem großen Katzenkorb, während im Hintergrund die Schafe blöken.

Hier auf dem Erlenhof scheint die Uhr manchmal für einen Moment still zu stehen.