Rummel, Gras und Messerstechereien: Die Berliner Zeitung wollte hin, wo’s wehtut und erlebte Überraschendes - die Neuköllner Hasenheide ist ein funkelnder Mikrokosmos der Diversität und hat für jeden und jede was zu bieten. Wir haben unsere Erfahrungen und Erlebnisse mit dem Volkspark im Herzen der Stadt zusammengetragen.

Die dumpfen Schläge sind bis ans Paul-Lincke-Ufer zu hören. Es ist 22 Uhr am Samstagabend und das ist das Feuerwerk der Maientage, wie es aus der Hasenheide herüberweht. Es ruft die Speisenden zu sich. Kommt, es muss geachterbahnt, gelost und gegruselt werden. Kommt, rufen die Schläge und das flackernde Leuchten über dem Kaufhof am Hermannplatz. Wirf einen Ball auf eine Dosepyramide! Wir kommen, Maientage.

Doch erstmal ist es nur dunkel. Auf dem Weg an der Hindutempelruine vorbei gibt es keine Laternen, oder sie wurden alle zerschlagen. So oder so, der Bezirk hüllt den Parkzugang in Dunkel. Versprengte Grüppchen mit eingeschalteten Handy-Taschenlampen kommen uns entgegen, auf dem Weg hat jemand ein Lager mitten im Park aufgeschlagen und macht Feuerchen.

Kann das der Weg zu Berlins größtem Rummel sein, der dieses Jahr zum letzten Mal mitten in der Heide stattfinden soll? Wer es nicht weiß, kann es nicht glauben. Kein Schild, kein Hinweis leiten die Gerufenen. Die Schläge sind mittlerweile verstummt, der Schein des Feuerwerks ist verglommen.

Eichhorn
Geht ins Licht!

Doch jene, die aus dem Dunkel kommen, bestätigen auf Nachfrage, dass wir richtig sind, mitten im taufeuchten Nichts des Parks. Dann aber ein Stampfen, erst dumpf, dann klarer, Bässe von Shakiras Superhit der WM 2010 in Südafrika. „Waka, Waka“ klingt es durch das Wäldchen. „This time for Africa“. Und endlich, durch eine Schneise in den Bäumen scharfes Neonlicht in allen Facetten des Farbspektrums.

Schneidende Schreie weht der Wind von über unseren Köpfen hinab. Es muss der 85 Meter hohe Freefall Tower sein. Das Ende der dunklen Allee bildet eine glühendes Lichtloch. Wir treten hindurch und es überströmt uns, das ganze Spiel der Töne und der Gerüche, die ein Rummel birgt.

Das Auge kann sich nicht sattsehen an diesem Überfluss: mannshohe Mauskostümpuppen zwischen Maiskolben-Verkäufern mit Sonnenbrillen, die sogenannten Mais-Guys, Zuckerwatte in Kinderschnauzen, das 30 Meter lange Beast, das Menschen wie ein riesengroßer Tambourstock durch die Luft prügelt. Wo anfangen? Alles verlockt.

Eichhorn
Als wäre man in seine eigene Kindheit zurückgereist

Dann einfach am Anfang, im Gruselkabinett. Furchtbar gruselig ist es nicht, aber es erschreckt, weil immer wieder Irrenhausinsassen-Attrappen durch Flügeltüren stürzen, Monster-Babys aus Bodenklappen springen, Lumpenhaufen in Menschenform auf elektrischen Stühlen in spastischen Krämpfen zucken. Am Ende der Fahrt, Achtung Spoiler, springt plötzlich ein echter Mensch unter Totenmaske mit echter Kettensäge an den Wagen. Von einer wohligen Hysterie sind die Wangen nach der Fahrt gerötet. Die 6 Euro lohnen sich.

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Der Mäuserich und seine Comicversion

Alle Fahrgeschäfte, Fressbuden und Glücksspiele befinden sich zu beiden Seiten eines etwa 200 Meter langen Pfades. An einem Ende, jener riesige Freefall Tower, am anderen Atlantis, eine Wasserachterbahn mit Drehflößen. Sie ist aber an diesem Abend verwaist, es ist etwas kühl. Uns zieht es nun zur größten der Gewinnspielbuden, dem unerhört vanillefarbenen „Glückstempel“.

Der Boden ist übersät mit abertausenden Nieten und Doubletten. Die lebensgroßen Pastellregenbogenlamas schweben gemeinsam mit allen Stoffbärengattungen „Ursidae flauschige“ über unseren Köpfen fünf Meter hoch, in der Lostüte aber finden sich nur Kleingewinne. Das ist nicht schlimm.

Es macht großen Spaß im Zentrum dieser riesigen Lichtenergieverschwendung einfach Papier auf den Boden zu schmeißen. Überhaupt ist der Besuch auf den Maienetagen wie eine Art Urlaub vom Umweltschutz.

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Die Anbetung von Fortuna während der Mann mit der Gummi-Rolex schreit: GewinneGewinneGewinneGewinne

Jetzt geht's zur wilden Maus. Was harmlos klingt, verursacht Todesängste. Eher wie eine ausgebrochene, irre Ratte aus dem Tierversuchslabor kreischt der Viersitzer um die scharfen Kurven, das es es jeder Intuition fürs Umkippen widerspricht. Wer dabei auf die gegenüberliegende Rummelseite blickt, kriegt einen Geschmack des makabren Schausteller-Humors.

Dort findet sich ein Gemälde von Michael Schumacher, der so aussieht als hätte er eine halbseitige Gesichtslähmung. Er ist vor einer Tankstelle im Aral-Stil mit dem Namen „Ab Normal“ abgebildet. Sie wirbt mit dem Slogan: „Alles gut!“ Wir rasen jetzt auf eine Metallstange zu, die uns gleich köpfen müsste. Sekundenbruchteile vor der Enthauptung sackt der Wagen jedoch ab und die Fahrt endet kurz darauf. Alles gut!

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Abnormal, doch alles ist gut

Zum krönenden Abschluss ist das Riesenrad zu empfehlen. Mit ihm steigt man über den ganzen Rummel hinauf, es wird stiller, am Horizont erscheint alles vom Rathaus Neukölln bis zum Fernsehturm. Zwischen uns und dem Rest der Stadt, Finsternis. Wir schweben im Herz der Helligkeit.

Und jetzt die Politik: Die Maientage müssen raus aus der Hasenheide. Bis nächstes Wochenende rattert, blinkt und raucht es noch im Park, dann ist Schluss. Doch kann's überhaupt weitergehen für Berlins letzten großen Traditionsrummel? Und wenn, wie und wo?

Das Bezirksamt Neukölln als Veranstalter der alljährlichen Sause ist klar: Die Maientage sind ein Volksfest im wahrsten Sinne des Wortes und schon deshalb ein Wert an sich. Jedes Jahr kommen 100.000 Besucher. Prädikat: schützenswert. Doch diese Zukunft, so sagt die Verwaltung, „ist keine lokale Entscheidung, sondern eine gesamtstädtische". So sagt es Bezirksamtssprecher Christian Berg.

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Dem Licht gefolgt, im Himmel angelangt

Die Neuköllner wollen mit dem Fest aufs Tempelhofer Feld, genauer: auf das Vorfeld des früheren Flughafengebäudes. Das ist ihr Plan A. Der Standort sei ideal, sagen sie: groß genug für lange Beaster und freifallende Türme. Es ist ein vollständig betoniertes Areal, bei dem kein Grashalm geknickt werden würde. Noch dazu ist es fast in Neukölln - die Bezirksgrenze verläuft nur ein paar hundert Meter weiter.

Die schwierige Suche nach einem neuen Ort für den Rummel

Doch aus dem Umzug der Maientage aufs Feld dürfte nichts werden. Die Senatswirtschaftsverwaltung hat sich der Suche nach einem Ausweichstandort angenommen und herausgefunden: Das Vorfeld ist für die nächsten Jahre hinaus im Mai ausgebucht. Die weltweite Rennserie Formel-E hat das Gelände für Mai 2023 und Mai 2024 gemietet. Wer wissen möchte, was Formel-E ist? Dieses Wochenende sind die 335-PS-Flitzer mal wieder in Tempelhof, sie schaffen bis zu 240 km/h. Wilde Maus.

Und nun, Bezirksamt Neukölln? Sperrt doch einfach den Columbiadamm oder die Hermannstraße für vier Wochen.