Einige Wochen vor der Abreise fängt es an und wird dann immer stärker. Das Gefühl eines Soges, eine Art umgekehrter Wind, der die Gedanken und Träume verändert. Er mischt Bilder hinein von Grüppchen auf dem Markt, die zwischen Melonengebirgen, Tomatenhügeln und an Drahtbügeln wehenden Flatterklamotten Neuigkeiten austauschen, Bilder sich träge füllender Gassen nach der Mittagshitze.

Berlin wirkt anonym und trist

Ich träume von den ausgeblichen Plastikstühlen in der Bar am Badesee und wie unangenehm es eigentlich sein müsste, mit schwitzenden Beinen darauf zu sitzen. Ist es aber nicht, denn ich trinke den besten Kaffee der Welt, mir wird noch wärmer, die Gedanken strömen aus dem Kopf wie aus einem Loch in der Luftmatratze und zurück bleibt nur das süße Nichts. An der Bar schreit und lacht und plaudert eine Familie kreuz und quer, eine zweite kommt hinzu, man kennt sich. 

Einige Wochen vor der Abreise ruft Umbrien, die geliebte „grüne Mitte“ Italiens, so nennt man sie. Ruft? Singt, und die Sirenen, denen Odysseus nicht widerstehen konnte, sind ein Kinderchor dagegen. Der umbrische Chor kennt die Stimmen der Grillen, den klebrigen Sound italienischer Radiomusik, die nur dort schön klingt, und sogar das Summen der Hitze.

Wenn das losgeht und stärker wird, muss ich aufpassen. Dass ich nicht alles blass und laut und anonym finde in Berlin. Es hilft dann herumzulaufen in dieser Stadt, die natürlich ganz anders ist als die sandfarbenen mittelalterlichen Häuserstapel, aber warum ihr das vorwerfen? Sie ist wie sie ist und darin wundervoll und schrecklich manchmal und soll gar nichts anderes sein.

Auch Berlin ist manchmal ein Urlaubsort im Süden

Es hilft auch, sich irgendwo hinzusetzen, in ein Café am Straßenrand, am besten in ein unscheinbares. In der Nähe des Nollendorfplatzes, wo ich an diesem Tag eine Stunde zu vertrödeln habe, sticht mir ein kleines griechisches Lokal ins Auge, das sich zwischen zwei Imbissen behauptet. Sechs Tische stehen unter der Markise, vier sind besetzt. Das ältere Paar vorne an der Straße ist zu Besuch in der Stadt, ein Reiseführer verrät es. An den anderen drei Tischen sitzen Griechen oder mindestens Griechisch sprechende Berliner, die offenbar alle einander kennen, einschließlich der Inhaberin des Lokals, die sich immer wieder ins Gespräch einmischt.

Da ein paar der Beteiligten zwischendurch ins Deutsche wechseln, kann ich Teile des Gesprächs verstehen. An dem Tisch, der meinem am nächsten steht, wird erörtert, ob jemand die Pflanzen im Innenhof gießen muss oder ob man der Gewittervorhersage trauen solle. Die Markise verwandelt die knalligen Sonnenstrahlen in milchig warmes Licht, ich schwitze auf dem Plastikstuhl, schließe die Augen und denke: An manchen Orten kann auch Berlin eine kleine Stadt im Süden sein. Der Sog macht Pause, die Sirenen auch, aber es wird wieder beginnen, darauf ist Verlass. Und dann kommt schon der Tag der Abreise.