Vandalismus: East Side Gallery schon wieder reif für die Sanierung

Berlin - Eisiger Wind ist eigentlich kein guter Begleiter für den Besuch einer Galerie unter freiem Himmel, aber Kani Alavi ist das Wetter egal. Mit schnellen Schritten geht der 57-jährige die 1,3 Kilometer lange East Side Gallery entlang, dann bleibt er stehen. „Schauen Sie“, sagt der gebürtige Perser und zeigt auf zwei sich küssende Männer.

„Das ist doch respektlos.“ Natürlich ist Alavi nicht über den Kuss verärgert. Der „Bruderkuss“, wie das Bild mit dem küssenden Politikerpaar Erich Honecker und Leonid Breschnew heißt, ist eines der bekanntesten Gemälde von Berlins bekanntester Galerie – und es ist beschmiert. Auch die meisten anderen Mauerbilder sind übersät mit „Ich-war-hier“-Sprüchen, Flüchen und Comics.

Beschmierungen nehmen drastisch zu

Kani Alavi, der so etwas ist wie der Vater der East Side Gallery und dessen Bild „Es geschah im November“ heißt, ist verärgert. Nur drei Jahre nach der Sanierung der weltweit größten Open-Air-Galerie sind einige Gemälde sind schon jetzt nicht mehr zu erkennen. Allein dieses Jahr habe der Verein der East-Side-Künstler mehr als 70 Mal Anzeige gestellt wegen Vandalismus.

Eigentlich schien mit der Sanierung der Galerie auch ihr Schutz gewährleistet: Ein-Euro-Jobber, die die Besucher über die Geschichte der Gemälde aufklärten, sollten auch Schmierereien melden. Diese wurden dann schnell beseitigt, was leicht möglich ist, da die Bilder mit der Sanierung einen Graffiti-Schutz erhielten. Doch die Maßnahme lief 2010 aus, und seitdem haben die Beschmierungen drastisch zugenommen. „Das war absehbar“, sagt Franz Schulz (Grüne), Bezirksbürgermeister von Friedrichshain-Kreuzberg. „Wenn die dauerhafte Reinigung unterbrochen wird, ist das wie eine Einladung.“

Hilferufe ans Abgeordnetenhaus

Schulz hat die Stadtentwicklungsverwaltung als Schuldige ausgemacht, „seit 2001 gehören ihr alle Mauerstücke auf öffentlichem Grund und Boden“. Mehrfach habe der Bezirk den Senat gedrängt, tätig zu werden. Schließlich sei die Galerie mit bis zu 800.000 Besuchern pro Jahr eine touristische Attraktion, aber „keine bezirkliche Angelegenheit“.

Bei der Stadtentwicklungsverwaltung hingegen verweist man auf den Bezirk. „Die Mauer ist in seinem Fachvermögen“, sagt eine Sprecherin, und damit sei er auch für den Erhalt zuständig. Der Bezirk könne im Einzelfall Unterstützung beantragen, habe das seit 2010 aber nicht mehr getan.

Kani Alavi glaubt inzwischen, dass es an politischem Willen fehlt, die Galerie zu schützen. Er hat sich nun an das Abgeordnetenhaus gewandt. Sein Vorschlag: Wenn die Parkplätze an der Mühlenstraße wegfielen, könnte der Fußweg verbreitert werden. Das biete mehr Platz für Passanten, zudem könnten Graffiti-Sprayer besser gesehen werden. Wünschenswert wäre auch eine bessere Beschilderung für Besucher und ein kleiner Zaun, der verhindert, dass Passanten die Bilder anfassen können.

In der CDU hat Alavi schon mal Unterstützung gefunden. „Kein Mensch käme auf die Idee, die Bilder der Nationalgalerie zu bekrakeln“, sagt der Abgeordnete Michael Braun. Alavis Forderungen seien „angemessen“ und eine Lösung des Problems „sehr wichtig“. Voraussichtlich im Januar wird sich der Kulturausschuss mit dem Thema beschäftigen.