Berlin - Ich hatte es am Morgen schon gesehen, es war noch ein bisschen diesig und deswegen sah es noch bedrohlicher aus. Wie Blut. Die Scheiben, die Tür, das Schild „Apotheke“, alles voll mit roter Farbe.

Über Nacht konnte man plötzlich nicht mehr durchsehen durch die Fenster, hinter denen der Apotheker ständig neu dekoriert, oft in bizarrer Mischung: Es gibt die obligatorischen Eisenbahnen, dazu winzige Skilifte und eine kleine Krippe in der Weihnachtszeit, man sieht Blümchen im Frühling, Schirmchen im Sommer, dazu viel Kirchliches, Hertha BSC, Werbung für Salben.

Dann war alles nur noch rot, eine große Fläche Farbe, die in Schlieren und Spritzern ausfranste, als wäre eine ganze Gruppe Menschen vor der Tür exekutiert worden.

Nicht nur das Kind, das sich immer freut über die Dekorationen, wie alle Kinder, die Stunden ausharren können vor den Fenstern, nicht nur das Kind blickte an jenem Tag mit schreckensweiten Augen auf die schaurige Entstellung eines Hauses, das aussah, als ob es blutete. Viele Erwachsene blieben ebenfalls stehen, zeigten darauf, als könne man es übersehen oder als müssten sie sich selbst vergewissern über etwas, das sie nicht begreifen können.

Der Anschlag ist jetzt ein paar Tage her, doch die blutenden Wände habe ich nicht vergessen. Dabei ist der Blick ja viel gewöhnt in Neukölln, überall ist alles beschmiert und beklebt, Plakate, Parolen, Graffiti, gelegentlich Farbattacken. All das macht mich immer wieder wütend , diese Lizenz zum Zerstörung, die manche zu haben meinen, der blinde Hass, dieses Scheißegal-Gebaren, das mit Botschaften und Diskussionskultur nichts gemein hat. Aber in der Regel verschluckt der Tag die schlechten Gefühle schnell, übermalt die Bilder mit Neuen, die Wörter verlieren sich im Sprachgewimmel des Alltags in einer großen Stadt. Diesmal war es anders. Vielleicht, weil es aussah wie Krieg. Vielleicht, weil das Kind immer noch dorthin zeigt, wo jetzt wieder saubere Türen sind.

Die blutenden Wände waren, so hört man, eine Protestaktion gegen den Apotheker, der sehr katholisch ist und die Pille danach nicht verkaufen will. Darüber kann man sicher diskutieren. Es gibt aber Leute, die meinen, man darf deswegen ein Haus und einen Menschen besudeln und einen ganzen Kiez in Schrecken versetzen.

Wie erbärmlich.