Als gegen 13.30 Uhr die Feuerwehr mit zwei großen Fahrzeugen an der East Side Gallery hält, bildet sich sofort eine Menschentraube. Die Passanten, die meisten von ihnen englisch- und spanischsprachig, bleiben stehen. Kameras werden gezückt. Die Menschen starren nicht nur auf die Feuerwehr, sondern auch auf jene Stelle, die hinter einem Gerüst aus Plastikplanen und Holz verborgen ist. Es ist der Mittelteil des Bildes „Vaterland“ am östlichen Ende der bunten Mauer, die vor 25 Jahren von Künstlern zur weltgrößten Open-Air-Galerie gestaltet wurde.

„Vaterland“, das die schwarz-rot-goldene Deutschlandfahne mit einem blauem Davidstern zeigt, ist seit Freitag so verhüllt. Nachdem dort antisemitische Parolen entdeckt wurden, veranlasste die Polizei deren sofortige Abdeckung. Der Staatsschutz ermittelt, heißt es.

Günther Schäfer, der Maler des Mauerbildes „Vaterland“, ist am Sonntag schon zum zweiten Mal zu seinem Bild gekommen. Ganz schnell solle er die Schmierereien übermalen, habe ihm die Polizei am Freitagabend bedeutet. Aber als er zur verabredeten Zeit dort war, kam er nicht ran an die Mauer – das Gerüst versperrte nicht nur die Sicht, sondern ihm auch die Arbeitsmöglichkeit. Am Sonntag erfolgt also der zweite Anlauf. Zügig fährt die Feuerwehr die lange Leiter aus, von der aus zwei Männer mit Helm in 3,50 Metern Höhe die Muttern des Holzgerüstes lösen. Nach 15 Minuten ist das Bild freigelegt. „Free Palestine“, geschrieben mit schwarzem Edding, prangt in dem blauen Davidstern.

Ein weiterer Schriftzug rechts und links des Sterns ist verblasst, man kann ihn kaum entziffern. Günther Schäfer greift zum Pinsel und übermalt beide Parolen. In fünf Minuten ist alles erledigt. Es ist das 51. Mal in 25 Jahren, dass er sein Bild restauriert. „Vaterland“, sagt er, „ist ein Motiv, das an das schönste und an das schlimmste Datum der deutschen Geschichte erinnern soll.“ An den 9. November 1989, als die Mauer fiel und Ost und West wieder vereint waren. Und an den 9. November 1938, als die Nazis und ihre Mitläufer mehr als tausend Synagogen und jüdische Einrichtungen zerstörten.

Günther Schäfer hat von seinem Bild schon Hakenkreuze entfernt, auch Sieg-Heil-Schriftzüge und Pro-Hisbollah-Schmierereien. Bei der Arbeit wurde er tätlich angegriffen, bespuckt und als „Juden-Sau“ beschimpft, einmal erhielt er sogar Morddrohungen. Eine Anzeige erstattet hat er nur ein einziges Mal, als er einen Mann beim Beschmieren erwischte. „Es gab aber kein Verfahren“, sagt der Maler. Inzwischen ist er dazu übergegangen, die Parolen wieder und wieder zu übermalen. Auch deshalb ist er vor 25 Jahren von New York nach Berlin gezogen.

Den Schriftzug „Free Palestine“ empfinde er nicht als so schlimm, sagt Schäfer: „Über das Thema rede ich oft mit meinen jüdischen und palästinensischen Freunden. Wir sind uns einig, dass es ohne Palästina als Staat keinen Frieden in Nahost geben kann.“ Aber weil gerade die jüdischen Makkabi-Spiele in Berlin stattfänden, sei die Polizei dieser Tage besonders aufmerksam. Schäfer: „Das ist gut, aber ich wünschte mir auch an normalen Tagen Aufmerksamkeit in Bezug auf Hassparolen.“ Nach fünf Minuten hat der Maler die Schriftzüge übermalt. Die Feuerwehr rückt ab, die Touristen laufen weiter.