Auf dem Vattenfall-Gelände in Köpenick ist derzeit mehr los als sonst. Auf dem Areal steht ein Heizkraftwerk, das rund 10.000 Haushalte versorgt. Als sogenannter Betrieb ohne Beaufsichtigung wird es ferngesteuert, lediglich alle 72 Stunden kommt jemand zur Kontrolle vorbei. Nun hat der Energiekonzern auf einer Brachfläche des Grundstücks, hinter dem die Dahme fließt, eine Solarthermie-Anlage aufgebaut, die an diesem Dienstag eingeweiht werden soll. Als ein Beitrag zur Energiewende.

Von oben sehen die Solarkollektoren aus wie eine geschlossene, blaue Fläche. Von nahem erkennt man die dicke Schicht Blütenstaub, der angekündigte Regen lässt noch auf sich warten. „Das beeinträchtigt die Funktion nicht“, erklärt Thomas Jänicke-Klingenberg, Wärmemanager bei Vattenfall. Die Oberfläche der Kollektoren reinigt sich per Lotoseffekt: Abperlendes Wasser greift die Schmutzpartikel auf.

Mit 1058 Quadratmetern Kollektorfläche ist hier die größte Solarthermie-Anlage Berlins entstanden. Sie erwärmt Wasser, das ins Netz eingespeist wird. „Es funktioniert wie ein Wasserschlauch, der in der Sonne liegt: Wenn man ihn aufdreht, kommt warmes Wasser raus“, erklärt Jänicke-Klingenberg. In den Sommermonaten könne die Anlage die Hälfte des Warmwasserverbrauchs der angeschlossenen Wohnungen abdecken – Kohlendioxid fei.

Klimaneutrale Stadt bis 2050

„Beim Thema Energiewende denken viele zuerst an Strom“, sagt Gunther Müller, Vorstandssprecher der Vattenfall Wärme Berlin AG. „Strom macht dabei aber nur ein Viertel aus, die Wärmeerzeugung dagegen rund die Hälfte.“ Müller spricht deshalb von einer „lokalen Wärmewende“, die sein Unternehmen einläute. Wärme erzeugen und liefern, ohne dass Treibhausgase entstehen – etwa 63 Tonnen Kohlendioxid soll die Anlage pro Jahr einsparen. „Die Kunden erhalten höhere Qualität, ohne dafür mehr zahlen zu müssen“, sagt Müller.

Längere Zeit galt Deutschland in der Energiewende als Pionier, aber die Erfolge liegen in der Vergangenheit. Die von der Bundesregierung erklärten Ziele zur Emissionssenkung bis 2020 sind nicht mehr zu erreichen. Auch das Land Berlin hat ambitionierte Ziele formuliert: Eine klimaneutrale Stadt bis 2050 sieht das im vergangenen Januar im Abgeordnetenhaus verabschiedete Berliner Energie- und Klimaschutzprogramm 2030 vor, das auf dem Bericht der Enquete-Kommission „Neue Energie für Berlin“ von 2015 fußt.

Neben dem Ausstieg aus der Braunkohle bis 2020 und der Steinkohle bis 2030 zählt auch der Ausbau des Fernwärmenetzes zum Maßnahmenkatalog. Berlin verfügt schon jetzt über das größte Netz in Westeuropa. Vattenfall, größter Energielieferant Berlins, erarbeitet derzeit zusammen mit dem Land eine Machbarkeitsstudie zum Kohleausstieg, die im ersten Halbjahr 2019 vorliegen soll. Die Erfahrungswerte aus der neuen Solarthermie-Anlage sollen darin einfließen. Lange hatten sich die Energieriesen gegen Maßnahmen zur Energiewende gewehrt.

Ist die nun doch leichter umsetzbar, als gedacht? „Sonne, Wind und Fossile ergänzen sich“, sagt Gunther Müller, „von heute auf morgen das eine zu beenden und auf das andere zu setzen, funktioniert nicht.“ Aber der Kohleausstieg schreite voran, betont Müller. In Spandau hat Vattenfall die größte Power-to-heat-Anlage Europas gebaut, die Stromüberschüsse für die Erzeugung von Wärme einsetzt. Künftig soll verstärkt die Abwärme von Industriebetrieben eingespeist werden. „Wärmewende bedeutet nicht nur, Energie zu sparen, sondern auch, sie effizient zu nutzen“, sagt Gunther Müller.

Vorreiter Dänemark

Dass die Energie- und Wärmewende trotzdem noch in den Kinderschuhen steckt, zeigen die Relationen: Während 1000 Quadratmeter in Berlin die größte Solarthermie-Anlage der Stadt ergeben, setzen skandinavische Länder auf Anlagen jenseits von 100.000 Quadratmetern. Knapp drei Viertel aller 2016 in Europa gebauten Solarthermie-Anlagen stehen in Dänemark. „Dafür fehlt in Berlin die Fläche“, sagt Müller, der dennoch zuversichtlich ist: „Wir wollen dazu beitragen, dass die Stadt innerhalb einer Generation CO2-frei sein wird.“