Wer am Mittwoch das backsteinerne Verwaltungsgebäude des Kraftwerks Rummelsburg betrat, musste an einer Schubkarre vorbei, gefüllt mit pulvrig-schwarzbraunen Brocken, zwischen denen eine Schaufel steckt. Die Installation symbolisiert die letzte Schaufel Kohle, die in dieser Woche in die Kessel des 1926 in Betrieb genommenen Kraftwerks wanderte.

Seit Mittwoch ist offiziell Schluss mit der Braunkohleverbrennung in dem Vattenfall-Kraftwerk, in dem in den letzten Jahrzehnten vor allem Braunkohle aus der Lausitz für die Produktion von Strom und später Wärme verfeuert wurde. Von Schädigung des Klimas durch das dabei freigesetzte Kohlendioxid  wusste man damals nichts.

Heute schon. Den Abschied von dem klimaschädlichen Brennstoff beging Vattenfall deshalb feierlich in Gegenwart des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller (SPD), der vor zahlreichen Kameras eine weiße Gedenktafel  mit himmelblauen Buchstaben enthüllte: „24. Mai 2017. Für das Berliner Klima: Letzter Braunkohle-Einsatz im Heizkraftwerk Klingenberg“. Georg Klingenberg war der Architekt  des Baus.

„Beginn einer neuen Ära“

In den Ansprachen zu diesem „historischen Tag“ dominierten die ganz großen Begriffe. Von einem „Meilenstein auf dem Weg zur klimaneutralen Stadt“ schwärmte der Regierende, vom Beginn einer „neuen Ära“ der Energieerzeugung in Berlin der Vattenfall Wärme-Vorstand Gunther Müller.

2009 hatte der schwedische Konzern mit dem Senat eine Klimaschutzvereinbarung geschlossen, in der der Braunkohleausstieg beschlossen und nun, mit einem Jahr Verspätung gegenüber dem ursprünglichen Plan, umgesetzt wurde.

Michael Müller entbot Vattenfall deshalb „ein großes Dankeschön“, der Kohleausstieg in Rummelsburg sei  ein „starkes Signal“ der Schweden auf einem gemeinsamen Weg zur klimaneutralen Stadt Berlin, die bis 2050 Realität sein soll. „Heute gehen wir einen großen Schritt in diese Richtung voran“, erklärte Michael Müller.

Erst Proteste brachten das Umdenken

Es blieb dem Lichtenberger Bürgermeister Michael Grunst (Linke) vorbehalten, daran zu erinnern, dass es beim „historischen“ Kohleausstieg mitnichten nur harmonisch zuging. Um 2005 plante Vattenfall am Standort Rummelsburg nämlich noch ein riesiges neues Steinkohlekraftwerk, das mit seinen Schornsteinen und einem 140 Meter hohen Kühlturm den Bezirk optisch weithin dominiert und die CO2-Sparpläne Berlins ruiniert hätte. 

Michael Müller, damals noch SPD-Fraktionsvorsitzender, begrüßte zunächst ebenso wie Klaus Wowereit die Milliardeninvestition. Erst der Protest der Opposition und diverser Umweltinitiativen sowie der nur knapp gescheiterte Volksentscheid für eine Energiewende in Berlin 2013 brachte Vattenfall und Senat zum Umdenken.

CO2-Ausstoß wird halbiert, aber nicht beendet

Jetzt sind alle froh, dass man – anders als in Hamburg mit dem neuen, heftig umstrittenen  Vattenfall-Kohlekraftwerk in Moorburg – in Berlin die Option hat, die Energieversorgung einer Großstadt in der Praxis auf erneuerbare Energien aus  Wind und Sonne umzustellen. Diese Ära der Erneuerbaren hat noch kaum begonnen. Denn in Rummelsburg wird statt Kohle weiter Erdgas verfeuert, was den CO2-Ausstoß halbiert, aber nicht beendet. 

Außerdem steigt die Abhängigkeit Berlins vom überwiegend russischen Gas. Die besonders schwierigen Schritte beim Abschied von fossilen Brennstoffen folgen in den kommenden Jahren. 2030 soll berlinweit keine Kohle mehr verbrannt werden. Vattenfall will gemeinsam mit dem Senat demnächst eine Studie ausarbeiten, wie die noch in Betrieb befindlichen Steinkohlekraftwerke Reuter C, Reuter West und Moabit durch Einsatz erneuerbarer Energien abgelöst werden können.

Windstrom wird in Wärme umgewandelt

Gedacht ist unter anderem an eine riesige „Power to Heat“-Anlage, wie sie Vattenfall in kleinem Maßstab bereits in Neukölln erprobt. Dort erhitzt ein mit überzähligem Windstrom betriebener, überdimensionierter Tauchsieder Wasser, das in isolierten Behältern gespeichert und bei Bedarf zu Heizzwecken verwendet werden kann.

Auch kleine, dezentrale Blockheizkraftwerke und eine bessere Isolierung der Häuser zur Senkung des Wärmebedarfs stehen auf der Agenda. Wenn auch in den Berliner Steinkohlekraftwerken Schubkarren mit den letzten Kohlebrocken aufgestellt werden, ist dann wirklich die „historische“ Energiewende eingeläutet.