Vattenfall-Stromnetz-Chef: „Mit dem Stromnetz kann man keine Energiepolitik machen“

Berlin - Die kommenden zwei Jahre werden spannend für Helmar Rendez, beim schwedischen Konzern Vattenfall Distribution Europe in Berlin verantwortlich für die Stromnetze in Berlin, Hamburg und Schweden. Denn die lukrative Konzession für den Betrieb des Berliner Stromnetzes wird zum 1. Januar 2015 vom Senat neu vergeben, und in der rot-schwarzen Koalition und gibt es, unterstützt von zwei Bürgerinitiativen, starke Bestrebungen, das Netz wieder in staatliche Hand zu nehmen. Rendez sagt, warum Vattenfall das für falsch hält.

Herr Rendez, bei der aktuellen Debatte um die Neuvergabe der Stromnetzkonzession hat man oft den Eindruck, das Netz sei unattraktiv: hochreguliert, saftige Konzessionsabgaben gehen an den Senat und obendrein müssen Sie jeden Konkurrenten ins Netz lassen. Warum wollen Sie dann unbedingt weiter Netzbetreiber bleiben?

Klare Antwort: Wir können Netze. In Schweden sind wir seit über 100 Jahren Netzbetreiber, in Berlin mit dem Vorgänger Bewag 130 Jahre. Das ist unser Kerngeschäft. Wir haben eine hohe Kompetenz. Wir sind für viele Innovationen verantwortlich, zum Beispiel haben wir im Märkischen Viertel 10000 intelligente Stromzähler (Smart Meter) eingebaut. Wir garantieren eine hohe Versorgungssicherheit. Das wollen wir gern auch in Zukunft tun

Aber auch die Rendite ist staatlich gedeckelt, bei 6-9 Prozent.

In der Realität sind es sogar nur 4,5 – 6 Prozent. Das ist in heutigen Zeiten eine durchaus attraktive Verzinsung. Wenn man die Kosten stärker senkt, als die Regulierungsbehörde sie für jeweils fünf Jahre vorgibt, kann man auch eine höhere Rendite erzielen. Die Ratingagenturen sagen zwar, dass Netz werfe eine relativ magere Rendite ab, sie sagen aber auch, dass dieses Geschäft innerhalb der Vattenfall Gruppe eine stabilisierende Wirkung hat, weil wir dann nicht vollständig vom ständigen Auf und Ab der Strombörsen abhängig sind.

Oder vom Atomausstieg geschockt werden, der nach Fukushima plötzlich über Sie kam.

Es gibt viele so nicht vorhersehbare Entwicklungen im Netz. Die Photovoltaik hat sich so schnell entwickelt, dass der gesamt Kraftwerkspark angepasst werden muss. Früher gab es mittags eine Lastspitze beim Stromverbrauch, die ist jetzt weg, weil die Sonne mittags kräftig scheint und Solarstrom produziert.

Es gibt einen Widerspruch: Berlin soll auf erneuerbare, dezentral erzeugte Energien umgestellt werden. Vattenfall hat aber ein aus historischen Gründen auf große, überwiegend fossile Kraftwerksblöcke ausgerichtetes Netz. Welches Interesse hat Vattenfall, das für viel Geld umzubauen?

Wir tragen zwar Vattenfall in unserem Firmennamen. Aber es ist wichtig zu wissen, dass wir vollständig getrennt vom übrigen Konzern sind und jedem Anbieter, der dezentral Strom erzeugt, diskriminierungsfrei Zugang zum Netz gewähren. Es ist mir kein einziger Fall bekannt, dass einem Anbieter der Zugang zum Netz verwehrt worden ist – egal ob Photovoltaik, Biomasseanlage oder dezentrale Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen. Wir schließen alle ans Netz an! Würden wir das nicht tun, stiege uns sofort die Bundesnetzagentur aufs Dach.

Ihre Gegner in und außerhalb der Koalition sehen trotzdem Interessenverflechtungen in Ihrem Konzern.

Ich kann Ihnen versichern, dass im Aufsichtsrat von Vattenfall Distribution niemand aus dem wettbewerblichen Bereich von Vattenfall sitzt, also niemand aus dem Bereich Sales oder Fernwärme. Entscheidungen über konkrete Investitionen ins Netz werden ausschließlich von der Geschäftsführung des Netzbereichs getroffen. Und wir diskriminieren niemanden beim Netzzugang, der Erneuerbare Energien einspeisen will. Das ist der beste Beweis, dass wir korrekt handeln.

Sie haben trotzdem als Teil von Vattenfall ein erhebliches Glaubwürdigkeitsproblem: In Brandenburg verfeuert Vattenfall klimaschädliche Kohle, in Berlin hat Vattenfall nur auf öffentlichen Druck den Neubau eines Kohlekraftwerkes gestoppt, im AKW Krümmel brannte ein Trafo und ihr Konzernchef Øystein Løseth will in Schweden die Kernkraftwerke ausbauen –trotz Fukushima.

Wir sind aber auch zweitgrößter Betreiber von Offshore-Windparks auf der Welt. Und wir haben viel beim Thema E-Mobility angeschoben. Vattenfall hat Geschäftsfelder in der Erzeugung, dem Vertrieb und eben dem Transport des Stroms. Richtig ist sicher, dass die Bilder aus dem AKW Krümmel in den Medien zu Ängsten geführt haben. Man muss aber auch sehen, dass wir als zuverlässiger und wirtschaftlicher Netzbetreiber in der Stadt weithin anerkannt sind

Was muss sich am Berliner Stromnetz ändern?

Wir müssen das Netz für die kommenden Herausforderungen der Energiewende weiter umbauen. Wir wollen mehr erneuerbare Energien. Berlin ist umgeben vom Energieland Brandenburg. Wir müssen dafür sorgen, dass wir Windkraft- oder Photovoltaikanlagen im Umland und dezentrale BHKW in der Stadt so intelligent angeschlossen bekommen, dass der Strom jeweils da ankommt, wo er gebraucht wird. Wir wollen eine Million Elektroautos bis 2020 haben, für die Ladestationen eingerichtet werden müssen. Und wir müssen nicht nur den Strom transportieren, sondern auch die Informationen, wann, wo und wie viel davon angeboten und verbraucht wird. Mit unserem Know-How werden wir das schaffen.

Die Erneuerbaren haben sich schneller entwickelt als gedacht. Wie lange werden wir trotzdem große herkömmliche Kraftwerksblöcke brauchen?

Es gibt in der Tat keinen Schalter, den man umlegt und sich dann in der Energiezukunft befindet. Die Energiewende ist ein Transformationsprozess, der noch viele Jahre in Anspruch nehmen wird. Wir wollen ja nicht nur viel Strom im Netz, sondern auch eine Stabile Spannung und Frequenz. Wenn sich eine Wolke vor die Solaranlage schiebt, muss es also auf absehbare Zeit Kraftwerke geben, die die Schwankungen ausgleichen.

Das klingt nach hohen Investitionen, aufwendigen Doppelstrukturen. Wie werden sich die Netzentgelte, die gerade um 3,9 Prozent erhöht worden sind, in Berlin in den nächsten Jahren entwickeln?

Unsere Erhöhungen im Berliner Stromnetz sind hauptsächlich durch die Übertragungsnetze bedingt, die die großen Windstrommengen von der Küste ins Landesinnere transportieren. In Berlin ist die Erhöhung im Übrigen eher niedrig, verglichen mit rund 20% in Brandenburg oder 12 % in München. Die Regulierungsbehörde hat uns als Netzbetreiber einen Kostensenkungspfad vorgegeben, den wir einhalten müssen. Dadurch konnten wir einen Teil der Preissteigerungen aus dem Übertragungsnetz kompensieren. Aber wir hängen als Berliner Netzbetreiber am Höchstspannungs-Netz von 50 Hertz. Die müssen nicht nur die Offshore-Windanlagen in der Ostsee, sondern auch die Windräder in der Fläche anschließen, was zu steigenden Kosten führen wird, die an uns und letztlich die Stromkunden weitergereicht werden.

Bei den Vattenfall-Gegnern heißt es, man wolle die Erträge aus dem Netz gern in Berlin behalten. Das Netz ist aber in die Jahre gekommen und erfordert hohe Investitionen. Ist da in naher Zukunft viel zu verdienen?

Es gibt europaweit das Problem, das die Stromnetze in den 60, 70er Jahren gebaut worden sind. Ein Trafo, der 50 Jahre alt ist, nähert sich dem Ende seines Lebenszyklus. Unsere Investitionen ins Netz liegen daher über den Abschreibungen. Das hat mit dem Alter des Netzes zu tun, aber die Berliner fordern auch eine sehr hohe Qualität der Versorgung. Wir wollen unsere durchschnittliche statistische Stromausfallzeit pro Kunde und Jahr von jetzt 12 auf 10 Minuten senken. Außerdem ist Berlin eine wachsende Stadt. An der Heidestraße entsteht ein neues Stadtquartier, das mit Strom versorgt werden muss. Das kostet erstmal Geld. Da bauen wir ein neues Umspannwerk.

Obwohl die Heidestraße ein eigenes BHKW betreiben will?

Aber auch das kann mal ausfallen und man braucht auf jeden Fall einen Anschluss, um Spannung und Netzfrequenz stabil zu halten. An diesem Beispiel sehen Sie auch, dass sich das Stromnetz an der Erzeugung orientiert und durch die Energiewende verändert wird.

Zur Konzession: Das Land bewirbt sich mit Berlin-Energie, um stärkeren Einfluss aufs Netz zu gewinnen. Wie stellt sich das aus Ihrer Sicht dar?

Eines vorweg: Mit Netzen kann man keine Energiepolitik betreiben, jedenfalls nicht mit dem Berliner Netz. Alles, was möglich ist, um eine grünere Stromversorgung zu gewährleisten, haben wir als Vattenfall Distribution umgesetzt und wollen es auch künftig umsetzen. Den energiepolitischen Mehrwert, den man mit Berlin-Energie erzielen will, kann ich momentan nicht erkennen. Jetzt geht es darum, in einem neutralen Verfahren die Konzession für das Stromnetz neu zu vergeben. Und ich glaube, dass wir mit unserer Erfahrung gute Argumente haben, die Stadt auch in den nächsten 20 Jahren zuverlässig mit Strom über unser Netz zu versorgen..

Zwei widerstrebende Interessen, nämlich die neutrale Vergabe der Konzession und die Bewerbung von Berlin-Energie um die Konzession liegen in der Senatsverwaltung für Finanzen. Gefällt Ihnen das?

Ich gehe davon aus, dass der der Senat sich um ein neutrales, rechtssicheres Verfahren bemüht und beides sauber trennt. Beim Senat ist man sich sicher bewusst, dass alle Bewerber um die Konzession genau darauf achten, dass das Verfahren fair und korrekt abläuft.

Senator Nußbaum hat Ihnen vorgeworfen, den Mitbewerbern nicht alle Daten über das Netz zur Verfügung zu stellen.

Wir gehören mit Abstand zu den Netzbetreibern mit der größten Transparenz in Deutschland. Wir haben aber sofort auf seine Äußerung reagiert und dem Senator dargelegt, was wir an Daten bereits offengelegt haben. Dabei haben wir uns an den Leitfaden von Bundesnetzagentur und Kartellamt gehalten sowie darüber hinaus weiter Daten zur Verfügung gestellt. Aber unabhängig davon, dass wir mehr als ausreichend Daten zu Verfügung gestellt haben, ist die Frage nach Information natürlich unendlich. Weil es aber mitunter das Problem gibt, das unsere Daten an unterschiedlichen Stellen im Netz oder in Broschüren einsehbar sind, werden wir im Januar ein Open Data Projekt starten, das alle Daten zusammengefasst und maschinenlesbar herunterzuladen zur Verfügung stellen wird.

Das Interview führte Thomas Rogalla.