Schon der erste Wettbewerb vor acht Jahren war ein Verfahren der Superlative – die größte Ausschreibung, die es je im deutschen Regionalverkehr gegeben hatte. Für 16 Bahnlinien in Berlin und Brandenburg wurden damals Zugbetreiber gesucht, es ging um 22 Millionen zu fahrende Kilometer pro Jahr und 1,3 Milliarden Euro. Jetzt bereitet der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) ein noch größeres Verfahren vor, bei dem es um 23 Millionen Kilometer pro Jahr geht. Es stößt auf Interesse – auch bei einem britischen Unternehmen, das in Berlin noch keine Züge hat.

„Wir finden dieses Vergabeverfahren sehr interessant und denken ernsthaft über eine Beteiligung nach“, sagt Stefan Krispin von Go Ahead. Go Ahead ist eine Gesellschaft, die in ihrem Heimatland Großbritannien seit ihrer Gründung 1987 zu einem der größten Bus- und Bahnbetreiber herangewachsen ist. Inzwischen hat sich das private Unternehmen, das 2015 einen Umsatz von umgerechnet 3,7 Milliarden Euro erzielte, von der Insel auf das europäische Festland ausgedehnt. 2014 wurde die Go-Ahead-Verkehrsgesellschaft Deutschland gegründet – auch der Brexit kann ihre Expansion nicht stören. Sie hat ihren Sitz in Berlin-Mitte am Neuen Tor. Stefan Krispin, früher unter anderem beim Zughersteller Bombardier tätig, ist der Geschäftsführer.

Mit Wasserstoff unterwegs

Eine Ausschreibung haben er und sein Team bereits gewonnen, 2019 übernimmt Go Ahead Strecken rund um Stuttgart. Nun hat das britische Unternehmen auch ein Auge auf die Hauptstadt geworfen. Denn der VBB hat angekündigt, dass er im November 2017 das Netz Elbe-Spree ausschreibt. Es geht um 20 Strecken. Dazu zählt die am stärksten genutzte Regionalexpresslinie in der Region – die des RE 1, der Magdeburg und Potsdam mit Berlin und Frankfurt (Oder) verbindet. Heute ist dort die Deutsche Bahn (DB) unterwegs. Auch die Linien RE 2 (Cottbus – Berlin- Wismar) und RE 4, die von Stendal nach Berlin und Jüterbog führt, sind wieder dabei – wie schon in der ersten großen Ausschreibung, die 2009 endete. Beide Strecken werden derzeit von der Ostdeutschen Eisenbahn (ODEG) betrieben. Der Airport-Express RE 9 zum BER steht ebenfalls auf der Liste. Neu sind Strecken Richtung Polen. Die Betreiber erhalten Verträge mit einer Laufzeit von 12 bis 15 Jahren. Start ist Ende 2022.

Es geht um große öffentliche Aufträge, denn für jeden gefahrenen Kilometer reichen die Bundesländer Geld vom Bund an die Zugbetreiber weiter. Die Aufträge sollen im Losverfahren vergeben werden, kündigte der Verkehrsverbund an. „Erneut stellt der VBB unter Beweis, dass er einen echten Wettbewerb im Regionalverkehr will“, lobte Krispin. So könnte es wie bei dem großen Verfahren von 2009 erneut eine Loslimitierung geben – „was bedeuten würde, dass ein Unternehmen nicht den gesamten Auftrag bekommen kann, sondern mehrere Anbieter zum Zuge kommen“, sagte der 49-Jährige.

Auch in Sachen Fahrzeugtechnik sei der Verkehrsverbund innovativ. „Wir haben Signale, dass alternative Antriebstechniken eine Rolle spielen könnten – zum Beispiel Wasserstoff-, Elektro-Hybrid- und Diesel-Elektrik-Züge“, so Krispin. Den größten Gewinn hätten im Fall eines Zuschlags für Go Ahead aber die Fahrgäste: „Es werden neue Züge eingesetzt.“ Außerdem würden die Kunden von ihrer Personalphilosophie mit flachen Hierarchien profitieren. „Wir sind sehr interessiert daran, dass unsere Mitarbeiter motiviert sind und Spaß an der Arbeit haben. Die Erfahrung zeigt, dass ein solches Umfeld die Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit erhöht.“