Am Montagabend ehrt der Verein Berliner Kaufleute und Industrieller (VBKI) im Veranstaltungssaal des Berliner Verlags sechs Nachwuchsforscher aus Berlin und Brandenburg mit dem VBKI-Wissenschaftspreis. Der zwölfköpfigen Jury sitzt der Mathematiker Peter Deuflhard vor. Für ihn ist der Preis auch ein Signal an die politisch Verantwortlichen Berlins, mehr für die Wissenschaft zu tun.

Herr Deuflhard, was bewog Sie, sich für den VBKI-Preis zu engagieren?

Ich war immer schon neugierig, auch jenseits der Grenzen meines Fachs, der angewandten Mathematik. Diese wirkt in viele Bereiche hinein. Der Preis bietet eine weitere Gelegenheit, mal wieder Dissertationen auch anderer Wissensgebiete durchzusehen und zu schauen, was dort Aufregendes passiert.

Nach welchen Kriterien hat die Jury die Arbeiten ausgewählt?

Das ist ganz verschieden. Ein gemeinsamer Kriterienkatalog mit Punkteschema würde der Vielfalt nicht gerecht. Wie will man eine mathematische Theorie mit einer Ingenieursarbeit oder einer psychologischen Studie vergleichen? Wir haben natürlich darauf geschaut, dass die Arbeiten mit „Auszeichnung“ oder „Sehr gut“ bewertet waren. Wir wollten aber insbesondere interessante Inhalte haben. Zugleich spielte eine wichtige Rolle, ob aus den Arbeiten wirtschaftliche Impulse für die Region Berlin-Brandenburg kommen könnten.

Und die sehen Sie bei den ausgewählten Arbeiten?

Ja, bei jeder. Natürlich können Sie den Effekt einer Arbeit aus der Medizinpsychologie nicht quantifizieren. Wenn sie aber zum Beispiel dazu beiträgt, dass Ärzte künftig kritische Fälle früher erkennen und besser begleiten, können alle Betroffenen froh sein, Nutznießer solcher verbesserter Therapien zu sein.

Sollte man dafür sorgen, dass aus den Hochschulen mehr wirtschaftliche Impulse für Berlin kommen?

Wenn man versucht, solche Impulse dirigistisch zu steuern, geht das schief. Ich war am Zuse-Institut ja viele Jahre lang umgeben von jungen Leuten, die ich ermutigt habe, selbst Firmen zu gründen. Und die Erfahrung ist, dass am Anfang immer eine Vermarktungsidee, ein Produkt, eine Hoffnung stehen, verbunden mit dem Willen, auch über schwierige Entwicklungsphasen hinweg durchzuhalten.
So entsteht Wirtschaft. Und solch einen Prozess kann man nur sehr schwer dirigistisch fördern und begleiten, außer, dass man möglichst viel Geduld hat und auf diese jüngeren Leute setzt, die sich durchbeißen. Gewiss braucht man da auch finanzielle Hilfe. Eine ganz wichtige Rolle spielt dabei die Investitionsbank Berlin, die zum Beispiel Venture Capital zur Verfügung stellt. Aber ich würde nicht sagen, dass man durch die Auslobung weiterer Wissenschaftspreise noch mehr Bewegung in den Prozess bringt.

Sie haben einst in München studiert, waren in Köln und Heidelberg, bevor Sie nach Berlin kamen. Kann man da Vergleiche ziehen? Wer tut mehr für die Wissenschaft?

Um mal ganz ehrlich zu sein: Bayern tut natürlich sehr viel mehr für die Wissenschaft. Das liegt vielleicht ein bisschen daran, dass das Land mehr Geld hat – aber eben auch daran, dass im Bewusstsein der dortigen Politiker unabhängig von Sonntagsreden hochkarätige Wissenschaft einen hohen Stellenwert besitzt. Hier in Berlin erlebe ich immer wieder, dass da zwar Lobendes gesagt, hinter vorgehaltener Hand dann aber etwas ganz anderes gemacht wird.

Ein aktuelles Beispiel dafür ist sicher die Einsteinstiftung. Deren Etat soll zwei Jahre lang von 15 auf 2,5 Millionen heruntergefahren werden, obwohl die Mittel bereits fest eingeplant sind. Damit ist auch das Matheon in Gefahr, eine mathematische Spitzen-Institution, die Sie selbst einst mitbegründet haben.

Die DFG-Förderung des Matheons soll im nächsten Mai auslaufen. Danach soll es von der Einsteinstiftung partiell weiter finanziert werden, unter dem Namen EC-Math (Einstein Center Mathematics). Die internationale Begutachtung dafür, an der ich auch beteiligt war, ist hervorragend gelaufen. Der vorgesehene Förderbetrag für EC-Math war 2,5 Millionen – das hieße, das gesamte noch verfügbare Geld der Einsteinstiftung würde dann in die Mathematik fließen, alle anderen Fächer gingen leer aus. Das ist natürlich nicht klug gehandelt von den politisch verantwortlichen Entscheidern.

Berlin gilt als weltweite Hochburg der angewandten Mathematik. Aus dem Zuse-Institut sind bisher 15 Firmen hervorgegangen. Kann man mit Mathe wirklich wirtschaftliche Erfolge erzielen und Umsatz machen?

Aber ganz gewiss. Wenn man zum Beispiel heute irgendetwas googelt, wundert man sich, wie wahnsinnig schnell das Suchergebnis da ist. Dahinter steckt unter anderem ein Algorithmus aus dem Bereich der numerischen Mathematik, meiner Disziplin.

Und mit solchen Fragen hat man sich bei Google vorher theoretisch beschäftigt?

Ja, ich habe das im Detail mitverfolgen können. Noch bevor die Firma gegründet wurde, hat ein enger Mathematiker-Kollege aus Stanford mit einem der beiden Gründer intensiv über die Lösung der damit verbundenen mathematischen Frage diskutiert: Wie muss ich die Informationen anordnen, dass ich alle möglichst schnell bekomme? Als Bezahlung für seine Beratungsleistung erhielt er Aktien der Firma Google. Er ist noch kurz vor seinem Tod steinreich geworden, als Erben hat er die Universität Stanford eingesetzt.

So etwas könnte ja auch aus Berlin kommen, oder?

Sicher. Auch wir sind an großen Projekten beteiligt. Das derzeit augenfälligste ist die deutschlandweite Optimierung von Gasnetzen. Die vom Gesetzgeber in Gesetzesform gegossene Rechtslage ist so kompliziert, dass erst neueste mathematische Methoden da Klarheit schaffen können. Damit beschäftigt sich zu einem Teil ein neuer Forschungscampus, der am Zuse-Institut angesiedelt ist und vor wenigen Tagen die Form einer AG angenommen hat.

Das Gespräch führte Torsten Harmsen.