Ist von Veganismus die Rede, denken viele zuerst an Tofu, Seitan oder Soja, kurzum: an Nahrungsmittel, die den Fleisch- und Milchproduktekonsum ersetzen oder imitieren sollen. Tatsächlich aber gehört zu einer ganzheitlichen veganen Lebensführung der vollständige Verzicht auf tierische Produkte – egal, ob in Sachen Ernährung oder zum Beispiel Mode. Wem dies nicht zu dogmatisch ist, der stößt gerade bei der Bekleidung schnell auf Probleme.

„Sarah hat damals nach Schuhen gesucht“, erzählt Paul Pollinger. „Und ich wollte kein minderwertiges Kunstleder – und schick sollten sie sein“, ergänzt Sarah Pollinger. „Gefunden haben wir nichts.“ Das Paar sitzt in einem Café in der Hermannstraße in Neukölln. Sie habe Betriebswirtschaft studiert, und er sei eigentlich Programmierer. Seit Juni 2014 aber vertreiben die Pollingers ihre Schuhmarke Freivon. „Mit unseren veganen Lederschuhen sind wir in eine Nische gestoßen“, sagt der 34-jährige Paul Pollinger.

Kleber oft aus Gelantine

Das klingt merkwürdig. Sind nicht die meisten Schuhe vegan? Ein Adidas-Sportschuh zum Beispiel ist in der Regel nicht aus Leder. Was also soll das alles? Tatsächlich jedoch werden auch tierische Stoffe in Schuhen verarbeitet, die aus Kunststoff sind. Zum Beispiel ist der Kleber oft auf Gelatinebasis – für Veganer nicht hinnehmbar. Und vegane Lederschuhe? Vor Kurzem erst hat Pamela Anderson angekündigt, einen veganen Kunstlederschuh auf den Markt zu bringen. Neu ist die Idee also nicht. „Was unser Produkt besonders macht, ist, dass es vegan ist, nachhaltig und in Deutschland produziert wird“, sagt Pollinger.

Bisher ist unter dem Namen Freivon lediglich ein Unisex-Schuhmodell im Verkauf: Es ist schwarz, klassisch geschnitten, hat einen Absatz. Es erinnert an einen Bowlingschuh. Das Material sieht aus wie Leder, ist jedoch zu einem großen Teil sogenanntes Kunstleder aus nachwachsenden Ressourcen. Eine optische Spielerei sind die bunten Schnürsenkel. Die Idee für das Design stammt von Sarah Pollinger. „Wir sind keine professionellen Designer und wussten anfangs kaum etwas über das Schuhmacherhandwerk, aber wir wissen, was uns gefällt“, sagt die 28-Jährige.

Schuhe aus kommen aus der Pfalz

Gefertigt werden die Schuhe von Schuhmacher Ralf Siebert in Pirmasens. Die Stadt in der Südwestpfalz galt einst als Zentrum der deutschen Schuhindustrie. Das hat sich geändert. Nicht mehr viel ist übrig geblieben von dem Wirtschaftsfaktor, der Pirmasens zu Wohlstand geführt hat.

Es sei nicht einfach gewesen, jemanden zu finden, der einen veganen Kunstlederschuh machen konnte und wollte, sagt Paul Pollinger. Als die Idee gereift war, wandte er sich in Berlin an die Handwerkskammer und den Schuhmacherverband. Dort sagte man Pollinger bloß, dass ein Schuh ohne Leder ekelhaft sei. Warum dies so sein soll, wurde ihm indes nicht mitgeteilt. Witzig fand Paul Pollinger das nicht. Leder steht in der Branche immer noch für Qualität und Stil. „Schließlich wurden wir über die Handelskammer in Pirmasens an Zarini Shoes vermittelt“, sagt Sarah Pollinger. Für Ralf Siebert, der zusammen mit seiner Frau Karin den kleinen Betrieb führt, war die Idee, einen Kunstlederschuh herzustellen, wie die Pollingers ihn sich vorstellten, neu. Nach einigem Hin und Her und viel Arbeit am Schuh selbst, stand die Kooperation. „Wir sind froh, dass wir Ralf gefunden haben“, sagt Sarah Pollinger. Siebert fertigt jeden Schuh in Handarbeit. Das schlägt sich im Preis nieder: 240 Euro kostet das Paar.

Veganismus ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen

In Berlin kommt die Idee an, die vegane Szene in der Stadt ist groß. Veganismus ist kein merkwürdiger, abseitiger Spleen mehr. Der Lebensstil frei von tierischen Produkten ist in der bürgerlichen Mitte angekommen, ist schon lange keine Randerscheinung zum Beispiel der Hardcore-Szene mehr, die sich bis heute in der Straight-Edge-Bewegung Slogans wie „Meat is Murder“ auf die Fahnen schreibt – „Fleisch ist Mord“.

„Wir beschränken uns allerdings nicht nur auf Berlin“, schiebt Paul Pollinger nach. „Wir verkaufen in ganz Deutschland.“ Sogar eine Anfrage aus Finnland hat das junge Label schon erhalten. Es sei schwierig, in der Branche zu bestehen, sagt Paul Pollinger. Aber bisher sei alles gut gelaufen. „Wir müssen dranbleiben und zäh sein“, ergänzt Sarah Pollinger. „Dann schaffen wir es auch, eine Kundschaft anzusprechen, die nicht unbedingt vegan lebt, unsere Schuhe aber trotzdem haben möchte.“

Infos und Shop: www.freivon-schuhe.de