Die vegane Hauptstadt Berlin ist in aller Munde. Nirgendwo sonst in Europa gibt es mehr vegane Restaurants und Geschäfte. „Ich kenne Touristen, die zu einer veganen Fresstour nach Berlin kommen und sich hier mit Lebensmitteln eindecken“, erzählt Jöran Fliege. Der 29-Jährige verzichtet bereits seit neun Jahren auf den Konsum tierischer Produkte und engagiert sich bei der Initiative Berlin-Vegan.

Fliege hat den veganen Boom miterlebt. „Früher waren es vor allem kleine politische Gruppen, die verschiedene Aktionen geplant haben, zum Beispiel gegen den Pelzhandel.“ Heute sei veganes Engagement nicht nur politisch und zudem viel professioneller als früher, sagt Fliege.

Berlin-Vegan organisiert Events wie das vegane Sommerfest Ende August auf dem Alexanderplatz und hat eine App entwickelt, die dem Nutzer die nächsten veganen Läden und Restaurants anzeigt. Inzwischen gibt es auf der App rund 600 Einträge – und längst geht es nicht mehr allein ums Essen. Auch Dienstleistungen werden in der veganen Hauptstadt schon tierleidfrei angeboten:

Vegan trainieren

„Wir sind kein veganes Gym, sondern ein Gym, das vegan ist“, sagt Joni Purmonen. Der gebürtige Finne hat sein Fitnessstudio „Berlin Strength“ vor einem Jahr auf dem RAW-Gelände in Friedrichshain eröffnet. Krafttraining ist dort Programm, Hanteln stemmen und Gewichte heben, während Heavy Metal aus den Lautsprechern dröhnt.

Die komplette Ausstattung in der alten Lagerhalle kommt aber ohne tierische Produkte aus: Es gibt keine Lederbezüge auf der Hantelbank, die Boxsäcke sind aus Kunststoff, die Powerriegel am Tresen aus Weizen- oder Sojaprotein.

Purmonen ist nicht besonders groß, aber kräftig, durchtrainiert. Seit mehr als 20 Jahren ist der 41-jährige Veganer. Das Mitgefühl mit den Tieren sei der Grund gewesen, mit dem Fleisch essen aufzuhören, sagt er. Ein Studio zu besitzen, in dem es tierische Produkte gibt, wäre für ihn deshalb unvorstellbar.

Etwa 160 Mitglieder hat das Fitnessstudio, davon seien nur 15 bis 20 Prozent Veganer, denn es gebe nicht so viele, die sich vegan ernähren und reines Krafttraining machen, sagt Purmonen. Dabei sei es auch ohne Fleisch möglich, viele Muskeln aufzubauen, man müsse sich nur richtig informieren, und das sei schwierig. Normale Fitnesstrainer wüssten meist nur, wie man mit tierischem Eiweiß stark wird.

Berlin Strength, Revaler Str. 99, www.berlinstrength.de

Vegan stechen

Die Tattoos von Carly Kroll zeigen glückliche Tiere und feenhafte Frauengestalten in verspielten Farben. Das Studio der gebürtigen Australierin liegt in der Lichtenberger Türrschmidtstraße nahe des Nöldnerplatzes. Es unterscheidet sich von den oftmals dunklen Tattoo Studios mit Gothik Image durch helle leuchtende Farben und schicke Secondhand-Möbel.

Die 32-jährige Wahlberlinerin sagt, sie sei die erste in der Stadt gewesen, die ein komplett veganes Tattoo Studio eröffnete, aber auch in diesem Sektor stehen alle Zeichen auf Wachstum: In Prenzlauer Berg gibt es seit kurzem ein zweites.

Wie aber geht Körperkunst ohne tierische Inhaltsstoffe? Am schwierigsten sei es, dafür gute schwarze Tinte zu finden, mit der bei jedem Tattoo die Konturen gezogen werden, sagt sie. „Hier wird als Pigment für gewöhnlich Knochenkohle verwendet.“ Andere Farben enthielten Schellack, der aus Schildläusen gemacht wird, in grünen Farben können Schnecken verarbeitet sein. Einige große Firmen, die Tinte herstellen, hätten schon auf die erhöhte Nachfrage reagiert und würden nur noch vegane Farben herstellen, sagt Kroll.

Sie lebt seit zwei Jahren vegan. Und profitiert inzwischen vom anhaltenden veganen Boom in der Hauptstadt. Besonders im letzten halben Jahr sei die Zahl der Kunden noch einmal stark gestiegen, erzählt Kroll. Sie hat einen zweiten Tätowierer eingestellt, ebenfalls ein Veganer. Auffällig sei, dass jede Woche ein bis zwei Touristen unter ihren Kunden seien, die extra wegen der vielen veganen Angebote nach Berlin reisen würden, sagt sie.

Little Bird Tattoo, Türrschmidtstr. 20, www.littlebirdberlin.com

Vegan frisieren

Schon ein einfacher Friseurbesuch halte für Veganer viele Fallen bereit, sagt Anja Reichert. Die 28-jährige Friseurin arbeitet in einem Friseursalon in Prenzlauer Berg, in dem alles vegan ist. „Bei uns sind die Friseurstühle mit Kunstleder bezogen, und die Kämme und Bürsten sind nicht aus Horn oder Schweineborsten gemacht“, sagt Reichert.

Die Berlinerin hat ihren Chef vor zwei Jahren dazu gebracht, in dem Salon ein veganes Konzept zu verwirklichen. „Wir hatten schon vorher nur sehr wenige Pflegeprodukte, die mit Tierversuchen hergestellt wurden“, sagt die Friseurin. Deshalb sei die Umstellung gar nicht so kompliziert gewesen. Pflegeprodukte und Farben seien nun rein pflanzlich. Normalerweise könnten tierische Produkte wie Stutenmilch, Seidenextrakte und Bienenwachs darin sein.

Viele der früheren Kunden, die nicht vegan leben, sind geblieben. „Die meisten neuen Kunden sind aber Veganer“, sagt Anja Reichert. Und davon kämen immer mehr, ihre Samstage seien häufig über Monate hinweg ausgebucht.

Bislang ist sie die einzige in der Stadt, die laut Web den veganen Dienst anbietet. Anja Reichert glaubt, dass es trotz des Trends immer noch viele Menschen abschrecke, wenn ausschließlich mit veganen Produkten geworben wird. „Das hat immer noch ein Ökoimage.“ Dabei ist es für Veganer normalerweise eine komplizierte Sache zum Friseur zu gehen. „Die meisten Kunden erzählen mir, dass sie vorher ihr eigenes Shampoo oder die Farbe mitgenommen haben“, sagt Reichert. Auch den Cappuccino unter der Trockenhaube müssen Veganer meistens ablehnen, Anja Reichert serviert ihn mit aufgeschäumter Sojamilch.

Haarstudio Weinhönig, Kopenhagener Str. 75. www.weinhönig.de