Montag, Berlin Alexanderplatz,  14.30 Uhr. Es regnet in Strömen, die Bänke und Tische in blau-weißer Garnitur sind größtenteils unbesetzt. Ringsherum sind kleine Essens- und Getränkebuden aufgebaut, sie sind weiß-blau geschmückt und versprechen Weißwürste, Brezen und Leberkäs, gleich neben der Weltzeituhr. Eine Frau und ein Mann in Dirndl und Lederhose betreten die Bühne und kündigen an, dass der erste Musikwunsch erfüllt wird. Ein Mann sitzt im Rollstuhl allein vor der Bühne. 

Über den verregneten Platz schallt der Refrain des Schlagers „Olivia“ von den Zipfelbuben: Sie reimen „Wüsste“ auf „Brüste“ und „mit jedem in die Kiste“. „Olivia“ ist ein Ballermann-Trinklied, das kurz nach „Layla“ herauskam, das im Sommer auf Volksfesten verboten wurde. „Zu Hause bist du schüchtern, hier bist du niemals nüchtern“, schallt es bis zum Fernsehturm. Die zwei Touristen aus Großbritannien, Mark und Ben, verstehen kein Wort. Sie trinken eine Maß Bier. Warum sie hier sind? „Zufall.“ Was sie über das Oktoberfest wissen? „Man trinkt viel Bier hier.“

Dabei sind sie nicht einmal für das Oktoberfest nach Deutschland gekommen, denn sonst wären sie nach München gefahren. Doch sie sind froh, dass es auch in der Hauptstadt etwas Oktoberfest-Feeling gibt. Auf der offiziellen Seite der Stadt sind sogar elf verschiedene Oktoberfeste aufgelistet, die man dieses Jahr besuchen kann. Das direkt auf dem Alexanderplatz ist Montagmittag noch recht leer. Doch es gibt noch das Hofbräu, die Hauptstadtwiesn an der Spinnerbrücke und Wuidn Wiesn im Café am Neuen See.

Auf der GayWiesn wird auf den Tischen getanzt: „Wir wissen, wie Party geht“

In der Nähe des Ostbahnhofs veranstaltet die Spreewiesn fast täglich eine eigene Wiesn, bei der die Besucher um 21 Uhr auf den Tischen tanzen. Immer montags ist es die GayWiesn, Berlins größtes schwules und lesbisches Oktoberfest. Laut Veranstalter Bork Melms löst sich das Event von Münchner Traditionen, es gehe mehr um Entertainment und weniger um Tradition. Der 44-Jährige kennt das Original, weil er immer wieder dort war. Aber als Berliner weiß er, dass er es hier anpassen muss. 

„Wir feiern das Oktoberfest ein bisschen anders als die Bayern“, sagt er. So werde länger gefeiert als in München: Dort dauert es 17 Tage , in Berlin dauert es bis zu acht Wochen. „Weil wir wissen, wie Party geht.“ Das Zielpublikum mit vielen Berlinern, Brandenburgern und Touristen sei zudem ein anderes als in Bayern. „Wir sind eine Großstadt, und das wollen wir ausleben“, sagt Bork Melms. Deshalb hatte er erst Zweifel, ob es funktioniert. Mittlerweile gibt es die Spreewiesn seit 14 Jahren. Auf der GayWiesn werde besonders ausgelassen gefeiert. „Das ist hier anders als in München“, sagt er, „weil sich niemand verstecken muss.“

Bei der GayWiesn wird auf den Tischen und Bänken getanzt.
Berliner Zeitung/Lenja Stratmann
Bei der GayWiesn wird auf den Tischen und Bänken getanzt.

Aus allen Zwängen fliehen – hier muss man sich nicht zurückhalten

GayWiesn, montags, 21 Uhr: Udo Jürgens wird gespielt, alle grölen mit: „Einmal verrückt sein und aus allen Zwängen fliehen.“ Klassiker wie „Griechischer Wein“ werden aber auch umgedichtet: Aus den „altvertrauten“ werden „altversaute Lieder“, aus „Er gehört zu mir“ wird „Er gehört zu ihm“. Auf der Bühne bewegt die Drag-Queen Mataina Ah Wie Süß synchron ihre Lippen zu jedem Lied. Sie führt außerdem durch den Abend und trägt natürlich Dirndl. Es geht bis Mitternacht. 

In München gab es im Vorfeld der Wiesn in diesem Jahr Ärger, weil Verhaltenstipps für Schwule und Lesben herausgegeben wurden. Tenor: Die Besucher sollen sich lieber „zurückhalten“, um keinen Ärger zu verursachen. Die Münchner wurden für diese Äußerung deutschlandweit stark kritisiert. Berlin ist bekannt für die Freiräume für jeden. Auf der GayWiesn gibt es zwar auch einen Knigge, aber auch das sind eher Empfehlungen.

„Jeder ist auf jeder unserer Veranstaltungen willkommen“, sagt Melms, „hier kann der Heterosexuelle auch in Frauenklamotten kommen.“ Auch Kleidungsregeln würden hier nicht so streng bewertet wie in Bayern: Es gibt keinen Dirndlzwang. „Dem ehrlichen Bayern würde das wahrscheinlich unfassbar aufstoßen.“ Für die Regeln in München hat Bork Melms, selbst schwul, trotzdem Verständnis: „Ich glaube, die Tipps waren nicht böse gemeint, es war mehr eine Art Aufmerksamkeitshinweis.“ Schließlich sind Anfeindungen zum Teil immer noch Realität für Menschen der queeren Community.

Im Wirtshaus Hofbräu geht es traditioneller zu

Etwas traditioneller geht es im Hofbräu Berlin zu. Achtung: Es heißt nicht Hofbräuhaus, das steht in München. Das Lokal in der Karl-Liebknecht-Straße 30 ist eines von fünf in Berlin und Hamburg. Dort kommt das Unternehmen, das mit der kultigen Münchner Hofbräu-Brauerei kooperiert, auch ursprünglich her. Das blaue Logo HB München prangt leuchtend am Empfang des Lokals. Es gibt sofort zu erkennen: Hier wird so etwas wie ein Theaterstück „Klassisches München“ aufgeführt.

Lars Raubach ist seit sechs Jahren Betriebsleiter hier. „Das Oktoberfest ist hier eigentlich 365 Tage im Jahr“, sagt er. Der größte Unterschied: Im Herbst kommen die Menschen in Trachten. Lederhosen und Dirndl sind an diesem Montagabend jedoch vergleichsweise wenige zu sehen. Laut Lars Raubach liegt das am Wochentag: „Am Samstag zum Anstich waren hier 80 Prozent der Gäste in Trachten unterwegs, freitags und samstags ist das meistens so.“ Den Fassanstich übernahm übrigens Berlins Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD).

Franziska Giffey und Björn Schwarz beim Wiesn-Anstich zur Eröffnung des diesjährigen Oktoberfestes im Hofbräu. 
imago/Baganz
Franziska Giffey und Björn Schwarz beim Wiesn-Anstich zur Eröffnung des diesjährigen Oktoberfestes im Hofbräu. 

Hofbräu, 22 Uhr: Die Bänke sind voll, die Stimmung ist ausgelassen. Auf den Tischen sammeln sich mehrere Maß Bier. Auch Livemusik wird hier täglich gespielt, auf einer Bühne, die wie eine kleine Holzhütte aussieht. Im Vergleich zu den GayWiesn ist es verhaltener, niemand tanzt hier auf Bänken oder Tischen. Dafür wird geschunkelt, zu „Country Roads“ und „Die immer lacht“. Es wirkt fast leise, obwohl alle der 1400 Tische voll besetzt sind.  

Rund 20.000 Liter Bier werden in dieser Woche verkauft. Das sind knapp 5000 Liter mehr als sonst. Das Motto hier lautet ganz klar: „Die typische Münchner Kultur nach Berlin holen“, sagt Lars Raubach. Auch der Restaurantleiter Ricardo Marschall sagt: „Wir versuchen, den Wirtshauscharakter mit der bayrischen Höflichkeit und Gastfreundlichkeit darzustellen.“ Marschall war nie auf der Original-Wiesn, aber das müsse man auch nicht, um das Fest veranstalten zu können. 

Wir orientieren uns an München.

Lars Raubach, Betriebsleiter

Während es zu Corona-Zeiten in München kein Oktoberfest gab, habe man in Berlin stattdessen die Tischwiesn veranstaltet. Die Leute durften nicht tanzen, sondern nur an ihren Tischen schunkeln. In diesem Jahr gelten keine Abstandsregeln mehr. Dafür gibt es aktuell die klassischen Wiesn-Gerichte wie Leberkäse und Schnitzel auch als vegane Varianten. „Sie kommen gut an“, sagt Lars Raubach. „Wir gehen ja auch mit der Zeit.“