Berlin - Der Volkspark Friedrichshain bietet an diesem kalten und tristen Januarmittag keine besonders einladende Kulisse, um über veganes Essen und die damit verbundenen Genüsse zu sprechen. Wobei es im Auge des Betrachters liegen dürfte, wie ausgeprägt dieser Genuss tatsächlich ist. Etwa 1,3 Millionen Menschen in Deutschland ernähren sich derzeit vegan. Besonders breit vertreten ist der Ernährungsstil in der jüngeren Generation, wie eine kürzlich erschienene repräsentative Umfrage für den Fleischatlas 2021 belegt. 2,3 Prozent der über 1000 Befragten zwischen 15 und 29 Jahren leben vegan. Tendenz: steigend.

Dass das Thema vegane Ernährung kontinuierlich im Gespräch bleibt, ist auch ein Verdienst von Ria Rehberg. Die 32-Jährige trägt einen weißen Rollkragenpullover und einen blauen Mantel und erscheint pünktlich zum Spaziergang durch den Volkspark. Rehberg ist Geschäftsführerin von Veganuary, einer Non-Profit-Organisation, die möglichst viele Menschen dazu animieren möchte, sich einen Monat lang vegan zu ernähren – nicht nur in Deutschland, sondern weltweit.

Für dieses Ziel bereitet sie mit ihrem Team das ganze Jahr über eine Kampagne vor, die Menschen auf den sozialen Kanälen sowie über Plakataktionen und Werbung in Supermärkten und Einzelhandelsgeschäften erreichen und zur Teilnahme aufrufen soll. Zusätzlich dienen prominente Botschafter wie Paul McCartney, Alec Baldwin, Ralf Möller oder Kaya Yanar als Motivationshilfe. Wer sich dem Veganuary anschließen möchte, meldet sich kostenlos per E-Mail an und bekommt in der Folge einen Monat lang jeden Tag Ernährungstipps, Einkaufschecklisten oder ein Promi-Kochbuch mit veganen Rezepten von Beyoncé Knowles über Joaquin Phoenix bis zu Madonna an die Hand. 

Der Startschuss für die stets im Januar stattfindende Bewegung fiel im Jahr 2014 – zunächst ausschließlich in Großbritannien. Die beiden Gründer, Jana Land und Matthew Glower, seien zwei sehr engagierte Tierschützer, erzählt Rehberg. Dass der Veganuary in einem Monat stattfindet, in dem es in Europa weniger frisches Obst und Gemüse gibt, begründet Rehberg mit den guten Neujahrsvorsätzen: „Der Januar ist ein symbolischer Startpunkt in etwas Neues. Die Überlegung war, in welcher Zeit wir die meisten Menschen erreichen können.“ Über 500.000 Menschen aus aller Welt haben sich in diesem Jahr bisher registriert.

Maximale Aufmerksamkeit ist das Ziel. Das zeigt sich auch darin, dass Veganuary oft mit großen globalen Supermarktketten zusammenarbeitet, anstatt in der Breite mit regionalen Erzeugern. „Wir haben leider nicht die Möglichkeit, mit jedem Unternehmen mehrmals zu sprechen. Deswegen gibt es unser Business Toolkit, in dem alle wichtigen Infos stehen. Viele Läden nehmen auch unabhängig davon, ob wir mit ihnen gesprochen haben, teil“, sagt Rehberg. Am Ende würden auch die kleinen Läden vom gesteigerten Interesse am Veganismus profitieren, glaubt die Wahl-Berlinerin, die seit April 2019 die internationalen Geschicke leitet und die Kampagne 2020 erstmals nach Deutschland brachte. Wie hat sie das geschafft?

Der Grundstein dazu wurde bereits in ihrem Elternhaus in Hannover gelegt. „Ich bin vegetarisch aufgewachsen“, sagt Rehberg. Lediglich bei den Großeltern gab es ab und an mal ein Salamibrötchen, erinnert sie sich. Während ihres Studiums der Interkulturellen Kommunikation in Spanien habe sie dann auch Fleisch gegessen, das letzte Mal vor rund zehn Jahren, sagt Rehberg. Wie es geschmeckt hat? Sie weiß es nicht mehr. Seitdem ist Rehberg überzeugte Veganerin. Ihr Beweggrund sei vor allem der Tierschutz: „Mir ist damals stärker bewusst geworden, dass ich die Zustände in der Massentierhaltung mit meinem eigenen Konsumverhalten nicht mehr unterstützen möchte.“

Rehberg gründete infolgedessen den deutschen Ableger der Tierrechtsorganisation Animal Equality mit, der für ein besseres Verhältnis zwischen Menschen und Tieren kämpft. „Wir wollten das Leid von Tieren sichtbarer machen. Dafür haben wir unzählige Infokampagnen zu den Auswirkungen auf den Umweltschutz oder die Gesundheit der Menschen veröffentlicht. Denn das Tierwohl ist nicht der einzige Grund, am Veganuary teilzunehmen.“

Unter einem Post auf der Instagram-Seite der Bewegung mit der Frage, welche Gründe die Menschen zur Teilnahme bewegen, liest man beispielsweise: „Ich will meinen Beitrag zum Erhalt unseres Planeten liefern.“ Ergebnisse aus dem Fleischatlas 2021 stützen diese Haltung. 75 Prozent der Veganerinnen und Veganer streben ein besseres Klima an. Wiederum eine andere Person nennt als Grund: „Weil es mir gesundheitlich dadurch besser geht.“ Die Corona-Pandemie beschleunige die intrinsische gesundheitliche Motivation, sagt Rehberg. „Aus unseren eigenen Umfragen geht hervor, dass 30 Prozent der Befragten wegen Corona vermehrt vegane Lebensmittel essen.“

Doch kann sich jeder eine rein vegane Ernährung überhaupt leisten? „Es ist auf jeden Fall möglich“, sagt Rehberg. Die Albert-Schweitzer-Stiftung hat bereits vor einigen Jahren einen veganen Tageseinkauf für ein Hartz-IV-Budget beispielhaft berechnet. Danach fallen etwa für 250 Gramm Spaghetti, drei Scheiben Vollkornbrot, eine Banane, 500 Gramm passierte Tomaten und insgesamt elf weitere Produkte mit unterschiedlichen Tagesportionsgrößen 4,32 Euro an. „Es kommt bei allem darauf an, was man isst. Wenn man nur den besonderen veganen Camembert isst, dann ist der wahrscheinlich teurer als der subventionierte Kuhmilch-Camembert. Aber vegane Grundnahrungsmittel wie Gemüse, Obst, Reis, Kartoffeln oder Hülsenfrüchte gehören generell zu den preiswerteren Lebensmitteln“, sagt Rehberg.

Und wenn man wie sie seine Ernährung auf vegan umstellen will? Das Wichtigste sei, dass man es mit Bedacht mache. „Viele Menschen überlegen sich am 31. Dezember, dass sie ab 1. Januar vegan sein wollen. Dann ist aber der Kühlschrank vielleicht noch voller tierischer Produkte oder man hat nicht bedacht, wo man unterwegs vegane Produkte herbekommt. Vorbereitung ist hier der Schlüssel“, sagt Rehberg.

Die einmonatige vegane Challenge ist laut Ernährungsexperten kein Problem, aber: „Wer langfristig seine Ernährungsweise umstellen will, sollte sich informieren, wie man seine Nährstoffe abdeckt“, sagt Brigitte Herbst, Ökotrophologin der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin.

Bleibt die Frage, wie nachhaltig der Veganuary wirklich ist. Was bleibt über den Januar hinaus? „Es ist uns ein Anliegen, dass viele Leute sagen, dass es ihnen etwas gebracht hat, dass sie den Sinn dahinter sehen und dabeibleiben wollen. Das sind ungefähr die Hälfte aller Menschen, die unsere Umfrage im Nachgang ausfüllen“, sagt Rehberg. Das sei die Hauptaufgabe ihrer Arbeit. Eine politische Forderung zur Verbesserung in Sachen Klimaschutz oder Tierwohl wolle man als Organisation nicht stellen, sagt Rehberg. Ansonsten blieben natürlich neue Produkte, die im Januar wegen Veganuary gelauncht werden, auch nach dem Aktionsmonat auf dem Markt. „Früher gab es vieles noch nicht, heute weiß man, wo man im Supermarkt die Pflanzenmilch oder den veganen Aufstrich findet.“