Berlin - Am Anfang war die Kohlrübe. Doch niemand wäre in den Hungerzeiten nach 1945 in der sowjetischen Besatzungszone auf die Idee gekommen, die ewige Rübensuppe ohne Fleisch und mit wenigen Fettaugen als vegetarische Speise zu betrachten. Vegetarier gab es gleichwohl: Menschen, die den um die Jahrhundertwende entstandenen Vorstellungen von naturnaher, gesunder Ernährung anhingen. Im Rationierungssystem der Nachkriegszeit hatten sie ein Spezialproblem: Sie wollten statt der zugeteilten Fleischmarken entsprechend der Kalorienmenge Fettmarken für Butter oder Speiseöl.

Wie aber sah die DDR-Mehrheitsgesellschaft die Fleischabstinenzler, als der blanke Hunger überwunden war? Die Idee, statt einer Weihnachtsgans einen Selleriebraten auf die Festtagstafel zu stellen, wäre sicherlich nicht als Kreativität einer Spitzenküche verstanden worden, sondern als Eingeständnis von Mangel. Kein Zweifel: Die DDR-Bevölkerung wollte Fleisch. Zwischen 1955 und 1989 stieg der Verbrauch pro Kopf und Jahr von 45 auf 100,2 Kilo. In dieser Hinsicht hatte es die DDR an die Weltspitze geschafft, nur die USA lagen mit etwa 200 Kilo darüber. Man marschierte ohne Umwege von der Unter- in die Überernährung, die eigentlich eine Fehlernährung ist.

Wie erging es den Vegetariern zwischen den Fleischbergen? Bei einer Spurensuche in den Ausgaben der Berliner Zeitung zwischen 1945 und 1989 fanden sich fünf Bereiche, in denen Vegetarier auftraten.

1. Partnersuche: Regelmäßig finden sich in der Berliner Zeitung Annoncen wie diese vom 5. Juni 1966: „Vegetarier, 42/1.75, gesch., christlich, kinderlieb, geistige Interessen, wünscht Gedankenaustausch mit gleichgesinnter Dame aus Bln. oder nächster Umgebung. Bei gegenseitiger Zuneigung Heirat möglich.“ In der Mehrzahl suchten männliche Pflanzenköstler auf diesem Wege eine Partnerin; es war ihnen wichtig, Streit um die Ernährung auszuschließen.

2. Witzecke: Drei Beispiele charakterisieren Vegetarier als randständig, spaßarm und eifernd. In einem satirischen Lexikon vom 1. September 1974 heißt es unter „Vegetarier“: „Person, die sich ausschließlich von Pflanzenkost ernährt und der als einziger Wurst wirklich wurst ist, während allen anderen Wurst nicht wurst, sondern etwas ist, das sie gegen kein Pa-Radieschen tauschen würden.“ Der typische Vegetarier mache ein Gesicht wie einer, der „dabei ist, sich das Rauchen abzugewöhnen“. In der Ausgabe zum Heiligabend 1972 heißt es fröhlich: „Die Hungerjahre sind vorbei: 1971 haben wir insgesamt 67,8 Kilogramm Fleisch verzehrt, pro Kopf der Bevölkerung – einschließlich Säuglinge und Vegetarier [Achtung Witz!, d. R.]. Dieses Jahr wird die Zahl noch ein beträchtliches Stück höher sein. Überhaupt ist alle Jahre wieder das Weihnachtsfest neben einem Fest des Geschenkemachens, des familiären Beisammenseins auch und vor allem ein Fest des Gaumens und des Magens geworden. Leider ist die Freude des Ersteren oft das Leid des Letzteren.“

Viel Spaß hatten die Redakteure sicherlich, als sie am 11. Februar 1968 diese Meldung aus Paris in die Zeitung setzten: „18 Monate Pause im ,Dienst an der Menschheit‘ verordnete ein Pariser Gericht dem 46-jährigen Vegetarier Jean Muroir, der mehrere Monate lang in verschiedenen Gaststätten als Gesundheitsapostel auftrat: Er riss den Leuten die Fleischgerichte unter der Nase weg, warf sie auf den Boden und zertrampelte sie unter Abhaltung ,aufklärender Reden‘. Der Richter erkannte: Da sieht man, wohin es führt, wenn man nur Gemüse isst wie ein Kaninchen.“

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Versiegte Vitaminquelle 

3. Gesunde Ernährung: Neben den Spöttern kommen in der Berliner Zeitung immer wieder die Aufklärer zu Wort, denn der Wunsch, bekömmlich zu essen, wuchs offenkundig. Als Reaktion auf eine Leserumfrage „Was tun Sie für Ihre Gesundheit?“, schreibt am 31. Mai 1964 der Rentner Gustav Schreiber, 73: „'ne ganze Menge. Ich bin nämlich Vegetarier. Schon mein ganzes Leben lang. Ist mir gut bekommen. Fast jeden Tag fahre ich von Köpenick nach Schmöckwitz auf meine Laubenpiepe. Per Stahlroß natürlich.“ Am 15. Juni 1969 geht ein Bericht über die zahlreichen Hundertjährigen in der Sowjetunion der Frage nach: „Wie gesund alt werden?“ Man habe festgestellt, dass „diese Menschen von schlankem Wuchs, also nicht fettleibig waren. Vegetarier waren in dieser Gruppe nur vereinzelt anzutreffen und genauso wenige, die sich überwiegend mit Fleisch ernährten. Der größte Teil nahm eine mäßige, aber abwechslungsreiche Kost zu sich. Echte Abstinenzler waren kaum darunter.“

„Vergnügen mit dem Verstand zu kombinieren, aber nicht mit dem Verstand das Vergnügen zu zerstören“, empfiehlt Professor Dr. Helmut Haenel, Direktor des Zentralinstituts für Ernährung in Potsdam-Rehbrücke, am 31. Januar 1976: „Wer mit irgendwelchen mehr oder weniger begründeten Ernährungswegweisern sich und seine Familie ständig quält (als einseitiger Vegetarier oder Rohköstler, als ausschließlicher Milchtrinker oder Spinatesser, als Wachteleier- oder Punkte-Diät-Fan usw.) oder wer nervös wird vom Rechnen und Wiegen, der schadet sich ebenfalls.“ Guter Mann.

4. Vegetarische Restaurants: Der Wunsch, außer Haus fleischlos zu speisen, tauchte in den Leserbriefen früh auf. Frau Margarete L. aus Berlin schreibt am 3. September 1951: „Warum gibt es für Vegetarier im demokratischen Sektor Berlins kein vegetarisches Restaurant? Könnte nicht die HO im Stadtzentrum ein solches Unternehmen ins Leben rufen? Es gibt viele, die aus gesundheitlichen Gründen lieber vegetarisch essen möchten.“ Ähnliche Briefe erwähnten eine HO-Gaststätte „Vegetarier“ in der Mauerstraße, das Lokal „Behnke“ in der Friedrichstraße/Taubenstraße. Später öffnete die vegetarische HO-Gaststätte „Stalllaterne“ in der Schönhauser Allee.

„Bärchen“, die beliebte Lokalglosse der Zeitung, mischt sich am 18. November 1956 ein und bittet unter der Zeile „Mal ohne Kotelett – ein richtiger Bär lebt gerne vegetarisch“ den Magistrat, an die Vegetarier zu denken. Der Magistrat antwortet freundlich: „Es bestehen Pläne, bei der Schließung der Baulücke Alexanderplatz-Stalinallee an eine vegetarische Gaststätte bzw. eine Gaststättenabteilunq mit vegetarischer Kost zu denken.“

Anfang der 1960er-Jahre griff eine Kampagne der Berliner Zeitung unter dem Motto: „Wer kocht modern?“ den Wunsch nach Vegetarischem auf den Speisekarten auf. Zwar sagten Stammgäste in Restaurants den Reportern, diese Idee sei ein „tot geborenes Kind“, und Leiter von HO-Restaurants fürchteten Umsatzverluste durch die Umstellungen ihrer Speisekarten. Doch die Leserreaktionen auf einen Gaststättenwettbewerb ergaben: „Alle überholten Vorurteile sind unbegründet. Die Bevölkerung will gesünder leben!“ In der „Stalllaterne“ liefen die Geschäfte gut.

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Der Deutschen Fleisch

Fleischkonsum pro Kopf: Seit dem Jahr 2000 schwankt der bundesweite Wert um 60 Kilogramm. Dazu kommen rund 20 Kilogramm, die unter anderem zu Viehfutter verarbeitet werden.

Fleischverzicht: Im Jahr 2020 ordneten sich 6,5 Millionen Menschen als Vegetarier ein. Das ergab eine Allensbach Markt- und Werbeträgeranalyse. Das waren 400.000 mehr als noch vor einem Jahr. 1,13 Millionen ordnen sich als vegan ein. 

Weltweiter Trend: Die Welternährungsorganisation FAO beziffert den weltweiten Durchschnittsverbrauch derzeit auf 40 Kilogramm Fleisch pro Kopf und Jahr. Bis 2050 wird weltweit mit Verdopplung gerechnet.

5. Vegetarier und Kalter Krieg: Im politischen Kommentar der Berliner Zeitung kam die Gleichsetzung des Gegners mit Fleischfressern oft zum Einsatz: Bonner Regierung = Wolf. Selbst wenn die Bestie friedfertig auftrete, werde sie nicht zum Vegetarier. Am 3. Juni 1962 heißt es: „Eher wird ein Geier zum Vegetarier, ehe Leute wie Strauß [Franz Josef, CSU-Vorsitzender und Bundesverteidigungsminister, d. R.] zur Vernunft kommen.“

Doch so einfach lagen die Verhältnisse natürlich nie, seit die Idee des Vegetarismus in der Antike aufkam. Weder war der Vegetarier Adolf Hitler ein Pazifist noch hat Veganismus Attila Hildmann die Aggressivität ausgetrieben. In der DDR war die Ernährung als Ganzes politisch, Vegetarismus spielte keine besondere Rolle. Der V. Parteitag der SED legte 1958 fest: „Es muss erreicht werden, dass der Pro-Kopf-Verbrauch der werktätigen Bevölkerung an allen wichtigen Lebensmitteln und Konsumgütern höher liegt als der Pro-Kopf-Verbrauch der Gesamtbevölkerung in Westdeutschland.“

Obst und Gemüse war nicht „wichtig“ genug im Kampf der Systeme. Gemüse gab es saisonal; wer einen Garten hatte, war schwer im Vorteil. Vegetarier kamen ohne Garten kaum aus. Nur Kohl gab es immer. Noch heute gilt der Rohkostsalat als typisch Osten. Gesund ist er allemal.