Velotaxi: Gladiator an Bord

Berlin - Jetzt geht’s wieder los: Die Fahrradrikschas starten in die Saison. Einer der Fahrer ist Lars Dassow, Student der Germanistik und Religionswissenschaft. Für den 28-Jährigen aus Schöneberg ist es die dritte Saison bei Velotaxi.

Muss ich ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich bei Ihnen mitfahre? Sie müssen ja ganz schön in die Pedale treten.

Das ist ein häufiges Missverständnis. Die Leute denken, dass sie es dem Fahrer nicht antun können, bei ihm mitzufahren. Aber die Anstrengung hält sich in Grenzen. Ich sage immer: Wenn es rollt, rollt’s. Wir haben auch einen Elektromotor eingebaut, der uns unterstützt. Anderswo, etwa im Restaurant, ist die Anstrengung fürs Personal oft größer. Dennoch hat keiner ein schlechtes Gewissen, den Service in Anspruch zu nehmen.

Wie haben Sie sich über den Winter fit gehalten?

Ich fahre immer Fahrrad, auch im Winter. Einen anderen Sport mache ich nicht. Das hier reicht. Wie heißt es so schön? Als Velotaxi-Fahrer spart man sich das Fitnessstudio und das Solarium.

Wie viel arbeiten Sie?

Während der Saison arbeite ich drei- bis viermal die Woche. Ich miete mir das Fahrzeug tageweise von der Firma und schaue dann, wer mit mir mitfahren will. An Tagen, an denen viele Leute in der Stadt sind, zum Beispiel beim Christopher Street Day oder beim DFB-Pokal, bin ich schon mal den ganzen Tag unterwegs. An anderen weniger.

Wo fahren Sie?

Hauptsächlich zwischen Alexanderplatz und Kurfürstendamm. Es gibt aber auch Kunden, die wollen zum Olympiastadion oder zur Messe.

Wie viele Kilometer legen Sie so zurück?

Mein Spitzenwert war 40 Kilometer am Tag. Für Fahrradfahrer ist das nicht so viel. Aber ich bin ja recht gemütlich unterwegs.

Wer fährt bei Ihnen mit?

Touristen aus aller Welt, Urlauber aus Deutschland, interessierte Berliner. Ich spreche fließend Niederländisch, deshalb kommen besonders viele Niederländer zu mir.

Wie lange dauert eine Fahrt?

Manche Leute machen nur eine kurze Taxifahrt, da sind wir in zehn Minuten am Ziel. Andere buchen Stadtrundfahrten über mehrere Stunden oder den ganzen Tag – mit Pausen natürlich. Es gibt ja viel zu sehen in Berlin. Ich fahre Berliner zur Rhododendronblüte zu besonderen Stellen im Tiergarten und zeige Touristen geschichtsträchtige Orte.

Und wer war Ihr ungewöhnlichster Gast?

Beim Christopher Street Day hatte ich mal einen Fahrgast, der war als Gladiator verkleidet und hat die Fahrt als Wagenrennen ausgelegt. Das war schon schrill.

Worüber unterhalten Sie sich mit Ihren Kunden?

Ich zeige ihnen die Stadt und Sehenswürdigkeiten. Ich habe mich in vieles eingelesen. Und dann gibt es so Klassikerfragen. Viele fragen zum Beispiel: Ist der Job schwer? Aber ich habe einen wunderbaren Job. Man ist an der frischen Luft, hat eine kleine Anstrengung, die aber Spaß macht, und hat mit unglaublich vielen Leuten zu tun. Das sind die schönsten Momente.

Und die schlechten?

Wenn das Wetter schlecht ist und man zu lange auf Gäste warten muss.

Wie kommen Sie durch den Berliner Verkehr?

Velotaxis sind ja langsam. Wir werden gut gesehen, dadurch nehmen die Autofahrer Rücksicht. Wo es geht, nehmen wir die Busspuren und Radwege. Stellen, wo viel Verkehr ist, versuche ich zu meiden und fahre eher durch einen Park als auf der Straße.

Was machen Sie nach Schichtende? Sind Sie dann fix und fertig?

Nein. Nach der Arbeit steige ich auf mein Fahrrad, bin begeistert, wie leicht es sich treten lässt und fahre nach Hause – von Mitte nach Schöneberg. Das sind etwa vier Kilometer.

Interview: Iris Brennberger