Eins ist klar: Ein Foto von einem fremden Mann, der mit Maschinengewehr oder halbnackt vorm Gummibaum posiert, weckt bei den meisten Frauen eher ein Gefühl des Gruselns als romantisches Interesse. Solche Bilder wurden Jule Müller haufenweise zugeschickt, nachdem sie sich bei einer kommerziellen Singlebörse angemeldet hatte. Nach dieser Erfahrung und einer durchzechten Nacht mit ihrer Freundin hatten die beiden einen Plan. Eine alternative Partnervermittlung im Netz musste her. Eine, die einen liebevolleren und persönlichen Blick auf die Singles wirft. Und sie in Homestorys in ihrer eigenen Wohnung zeigt.

Drei sind schon vergeben

Seit November letzten Jahres betreiben die beiden Berlinerinnen das Onlineportal „Im Gegenteil“. Die 31-jährige Jule Müller fotografiert die Singles, auf dem Sofa, im Lieblingspark oder vor ihrer Sammlung mit Mops-Figuren. Die 30-jährige Annelie Kralisch-Pehlke schreibt die Artikel, in denen man in lockerem Ton das Wichtigste von den Partnersuchenden erfährt. Über ein Kontaktformular kann jeder sie anschreiben. Eine kleine Schärpe über dem Bild verrät die Orientierung: „Sucht Boys“ steht da oder „Sucht Girls“. Bei einigen steht auch „vergeben“, sie wurden bereits erfolgreich vermittelt. Derzeit sind 35 Porträts online, drei sind vergeben. Zwischen fünf und 72 Rückmeldungen hätten ihre Singles bekommen, berichten die Macherinnen.

Zuerst porträtierten sie Freunde, inzwischen bewerben sich Fremde. 600 Bewerbungen sind bereits eingegangen. Rund einen Tag brauchen die beiden Frauen für eines der sorgfältigen Porträts. Um massenhaftes Einpflegen von Singles und ihren Daten über Gewicht, Einkommen oder Hobbys geht es hier nicht, da unterscheidet sich das Portal von den großen Partnerbörsen. Der Name, „Im Gegenteil“, soll auf diesen Unterschied anspielen.

Hier kann man zum Beispiel Sarah eine Nachricht schreiben. Die Studentin und Social Media-Managerin sitzt mit Echtpelz-Bommelmütze in ihrer weiß gehaltenen Wohnung in Prenzlauer Berg. Die meisten Suchenden sind zwischen 20 und 30, viele machen irgendwas mit Design oder Medien und sehen überdurchschnittlich gut aus. Genau wie ihre Wohnungen: Die Seite erinnert an die vielen, schön gestalteten Online-Magazine, in denen erfolgreiche Menschen in perfekt inszenierten Wohnungen fotografiert werden.

Öfter wird die Seite daher als Partnerbörse für Hipster bezeichnet. Gegen derlei Kritik hat Annelie Kralisch-Pehlke mehrere Einwände: „Wenn ich als Single in einen Club gehe, präsentiere ich mich ja auch nicht im Jogginganzug.“ Es sei auf keinen Fall so, dass sich nur schöne Menschen bewerben dürften. Viele sähen es heute einfach als Hobby, ihre Wohnung richtig schön einzurichten. Sie würden auch einen Single mit Messiewohnung zeigen, ist sie überzeugt. „Dass die Wohnungen so hell und freundlich wirken, liegt auch an der Nachbearbeitung der Fotos“, ergänzt Jule Müller. Ecken mit Gerümpel ignoriere sie bei den Shootings, sie trage auch mal große Tüten zur Seite, damit es aufgeräumt aussieht.

Entspannt und selbstbewusst

Schnell wurde die kleine Partnerbörse im Netz bekannt, das Interesse und der Bedarf sind anscheinend vorhanden. „Wir konnten selber kaum glauben, dass niemand vor uns auf die Idee gekommen ist“, erklärt Jule Müller. Bei den großen Online-Börsen meldeten sich die Partnersuchenden eher verschämt an und sogar nach erfolgreicher Verkupplung mögen viele kaum erzählen, wie man sich kennengelernt habe. „Bei diesen Portalen denken viele: Hoffentlich findet mich hier niemand, den ich kenne.“ Bei ihrer Börse passiere das Gegenteil: „Unsere Singles gehen entspannt mit ihrer Situation um und präsentieren sich selbstbewusst bei der Partnersuche.“

In Zukunft wollen die beiden sich ganz der Partnervermittlung widmen. Jule Müller hat dafür ihren Job in einer Agentur geschmissen. Nach Berliner Singles sind bereits die ersten Hamburger online, bald sollen auch München und Köln abgedeckt werden. Demnächst fängt die erste Praktikantin bei „Im Gegenteil“ an. Die Partnersuche bei ihnen soll kostenfrei bleiben: Weder die Singles noch die Interessenten müssen bezahlen. Langfristig soll sich das über Werbung oder Kooperationen rechnen. Jule Müller will es auch noch mal mit der Suche nach einem Partner versuchen. Diesmal auf der eigenen Webseite.

Im Netz:imgegenteil.de