Sag’ mir, wo du wohnst, und ich sag’ dir, wer du bist: Kaum etwas ist so in der DNA eines jeden Berliners verankert, wie der Bezirk, in dem er lebt. Mehr noch: „Ich wohne in Neukölln, Schillerpromenade. Aber Ecke Leinestraße, im entspannten Teil, nicht bei den Hipstern“  – so oder ähnlich klingen Berliner, die auf die Frage nach ihrem Zuhause antworten. Der Kiez, die Straße, die Plätze ringsherum, alles wird herangezogen, um sich selbst zu verorten. Der Berliner wird zur Summe der ihn umgebenden Spätis, Kneipen und Supermärkte, als würde der Kiez Schlüsse auf die Persönlichkeit zulassen. 

Manchmal beschreibt der Erzähler seinen Wohnort mit Stolz, manchmal nuschelt er entschuldigend in sich hinein, vor ein paar Jahren sei es hier noch nicht so trubelig gewesen. Und das Gegenüber? Der reagiert gleich, unabhängig von Bezirk, Kiez oder Straße: mit Verachtung. Denn egal, wo man in Berlin wohnt, man macht es falsch.

Kürzlich bei einer Lesung, der Autor hatte einen Roman über Wedding geschrieben: Eine junge Zuhörerin tuschelt mit ihrer Freundin.

„Ey, ich glaube, der wohnt gar nicht in Wedding, sondern in Prenzlauer Berg.“
„Echt, bei den Yuppies? Aber dann einen auf Weddinger Gangsterkumpel machen!“  
„Wahrscheinlich hat er in Wahrheit ein Loft in Mitte!“
„Ach, da wohnt doch niemand mehr, Mitte ist wie Disneyland.“
„Stimmt, genau wie der Simon-Dach-Kiez! Wo Friedrichshain früher links war, ist heute rund um die Uhr Happy Hour.“
„Hast recht. Wer bei Verstand ist, ist längst nach Neukölln gezogen.“
„Neee! Neukölln? Da hängen doch nur Spanier mit Lebenskrisen in den Kneipen!“
„Ey, nichts gegen meinen Kiez! Das ist der beste von allen!“

Anderseits – die Neuköllnerin überlegt. „Naja, ein bisschen stimmt das.“ Sie lacht. Über das ganze Gesicht, sodass sich Grübchen bilden. Sie lacht, wie jemand lacht, der über die Schrullen seiner großen Liebe spricht.