Abgeschottet: U-Bahn-Passagierin mit Corona-Grundausstattung.
Foto: dpa/Jörg Carstensen

BerlinIch bin verwirrt. Alles ist so verschwommen ... Manchmal genieße ich diesen Zustand sogar. Wenn ich draußen mit Maske, Sonnenbrille und Kopfhörern unterwegs bin, ist das wie Ausgehen und Zu-Hause-Bleiben gleichzeitig. Ich höre meine Musik, ich atme meine eigene Luft, und sehen kann ich durch die beschlagene Brille ohnehin nur schlecht.

Allerdings ist das nicht lange durchzuhalten. Irgendwann bekomme ich keine Luft mehr, und überhaupt: Es ist manchmal ganz schön, seine Mitmenschen (mit Abstand) zu sehen und zu hören. Beim Einkaufen etwa setze ich Brille und Kopfhörer natürlich ab. Schon immer fand ich Menschen unhöflich, die dem Verkaufspersonal die persönliche Ansprache verweigern.

Mit Maske ist es trotzdem anders als sonst. „Brauchen Sie den Beleg?“, fragt mich der Kassierer, aber das verstehe ich erst im dritten Anlauf. Man könnte ja annehmen, dass durch Beschränkung eines Sinnes die anderen Sinne schärfer werden, aber bei mir ist das nicht der Fall. Mit einer Maske vor Mund und Nase höre ich jedenfalls nicht mehr so gut. Ich sehe auch weniger.

Beim Einkaufen im Supermarkt finde ich mit Maske nichts mehr. Wo ist die Butter, wo der Zucker, wo die Remoulade? Während der Sucherei vergesse ich außerdem, was ich sonst noch kaufen wollte. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich unter der Maske in geschlossenen Räumen auf Dauer schlecht Luft bekomme. In den engen Supermarktgängen kämpfe ich meine Panik nieder und versuche, nicht zu hyperventilieren, sondern ruhig und langsam durchzuatmen. Im Prinzip kommt ja genug Luft durch die Maske, ich brauche keine Angst zu haben, aber trotzdem ...

Ich kann nicht anders: Meist reiße ich mir die Maske geradezu vom Gesicht, sobald ich den Supermarkt verlassen habe. Erstmal tief durchatmen.

In Vorbereitung des Schulstarts für die fünften Klassen schickte die Schule einen Elternbrief. Die Kinder sollen in Schule und Schulhof durchgängig Masken tragen, steht darin. Im Unterricht sei es keine Pflicht, aber „empfohlen“. Außerdem könnten Kinder, die sich nicht an Abstandsregeln halten, zum Maskentragen „verpflichtet“ werden. Mir wird seltsam, als ich das lese. Mir ist klar, dass alle alles tun müssen, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen, und dass man den Kindern ermöglichen muss, wieder zur Schule zu gehen. Aber ob es jetzt schon sein muss und mit Maske funktionieren kann, weiß ich nicht.

„Ab Montag musst du wieder zur Schule“, sage ich meiner Tochter und lese ihr den Elternbrief vor. „Aber ich bin doch erst in der vierten Klasse“, sagt sie. Stimmt! Das hatte ich komplett vergessen.

Kann sein, dass die Maske mich davor schützt, das Virus weiterzuverbreiten oder mich anzustecken, aber ... was wollte ich sagen? Ich bin verwirrt.