Klare Ansage: Der Sänger Herbert Grönemeyer sagte bei der Abschlusskundgebung am Brandenburger Tor: „Ein Land ohne Live-Kultur ist wie ein Gehirn ohne Nahrung.“
Foto: Christian Schulz

BerlinDer Platz vor dem Roten Rathaus ist am Mittwoch rot. Tausende Demonstranten tragen rote T-Shirts mit der Aufschrift: „Stoppt die Pleitewelle“. Aus allen Teilen Deutschlands sind sie angereist zur Großdemo namens „Alarmstufe Rot“. „Laut und lästig“ wollen sie auf den fast totalen Kollaps der Veranstaltungsbranche aufmerksam machen.

Denn seit März stehe alles still, lautet die Klage. Keine Konzerte, keine Messen, keine Kongresse, keine Partys. Millionen haben nichts zu tun. Ist das der Preis dafür, dass die Politik konsequente Schutzmaßnahmen verhängt hat?

Als Symbol für den Protest steht ein dunkler Sarg an der Spitze des Demo-Zuges. Ringsherum liegen auf dem Anhänger Kränze mit Aufschriften wie: „In stillem Gedenken – deine Discjockeys“ oder „Ohne dich wird es leise und dunkel sein – deine Techniker“. Oder: „In stiller Trauer – deine Musiker und Sänger“.

Bei der Kundgebung am Brandenburger Tor.
Foto: Christian Schulz

„In unserer Branche arbeiten 1,5 Millionen direkte Beschäftigte“, sagte Christian Dietzel, der Sprecher der Demo. Dazu kämen noch mal drei Millionen indirekte Beschäftigte. „Seit März haben wir 80 bis 100 Prozent weniger Umsatz“, sagt der 40-Jährige aus Frankfurt am Main, „aber weiter 30 bis 40 Prozent der Kosten.“

Deshalb sei ein staatliches Rettungspaket nötig, sonst gäbe es massenhaft Arbeitslose und bald keine Veranstalter mehr, die irgendwann wieder etwas veranstalten könnten.

Um 12.05 Uhr zieht die Demo los. Aus den Boxen schallt Limp Bizkit. „Berlin, wir kommen“, schallt es aus dem Lautsprecher. Alle sollen sich an die Abstandsregeln halten, damit die Demo ein Erfolg wird und zum Auftakt für Verhandlungen mit der Politik.

Katharina Döring erklärt den minutengenauen Start um 12.05 Uhr. „Es ist nicht mehr fünf vor zwölf, es ist längst fünf nach“, sagt die 27-Jährige. Sie ist aus Basel angereist. Sie arbeitet für einen Eventausstatter, der auch Firmensitze in Deutschland hat. Persönlich ist sie mit dem Schweizer Hilfsprogrammen zufrieden, will aber beim Protest dabei sein: „Ich weiß, wie schlecht es den Kollegen geht.“ Die Zwangspause nage an der Substanz, manche erzählten von Depressionen. „Viele haben den Eindruck, vergessen worden zu sein.“

Ein Teilnehmer der Demonstration „Alarmstufe Rot“.
Foto: imago images/Christian Thiel

Egal, ob Eventbranche, Licht, Technik, Künstler, Angestellte und Selbstständige – meist fallen sie durch die Raster der staatlichen Hilfen. Nur ein Prozent der Fördergelder konnten nach Angaben der Veranstalter überhaupt abgerufen werden, weil die Auflagen so rigide seien. Mal sei ein Betrieb für den einen Zuschuss zu groß, mal für den nächsten zu klein. So geht es den 15 Mitarbeitern eines Karlsbader Betriebes, der Lichttechnik herstellt und verleiht. „Die Umsätze sind komplett eingebrochen, die Finanzierungshilfen greifen bei uns nicht“, erzählt Julian Künzler. Bei der Demo wollen sie zeigen, wie viele unterschiedliche Berufe betroffen sind. „Es wird unterschätzt, wie schlecht es uns geht“, sagt Künzler.

Dirk Wöhler hat die Demo angemeldet, er ist 51 Jahre alt, Diskjockey und Chef des DJ-Bundesverbands. Seine Firma hat vier Angestellte, die nun Kurzarbeitergeld bekommen. Für die laufenden Betriebskosten hat er im Frühjahr 15.000 Euro beantragt. „Bekommen habe ich erst 3000 Euro.“ Er als Chef falle unter kein Hilfsprogramm. „Ich muss Hartz IV beantragen“, sagt er und schüttelt den Kopf. „Ich arbeite seit 26 Jahren in der schönsten Branche der Welt und hatte nie das Gefühl, gearbeitet zu haben, weil es immer Liebe war. Doch nun wurde mir die Liebe meines Lebens genommen. Deshalb demonstrieren wir.“

Auch den Solo-Selbstständigen ist die Existenzgrundlage weggebrochen. Lichttechnikerin Helena Aumeier ist bereits auf Hartz IV. „Damit kommst du zwar über die Runden, aber nur, weil ich meine Rücklagen anzapfe.“ Ab Oktober müsse sie ihre Ersparnisse offenlegen, bekommt dann wohl noch weniger Geld und verliert ihre letzte Sicherheit.

Demo-Sprecher Christian Dietzel sagt, dass all die kleinen Veranstaltungen, die erlaubt seien, finanziell nicht tragfähig sind. Die Kosten wegen der Trennwände oder anderer Schutzmaßnahmen seien sogar höher, die Einnahmen betragen oft nur ein Zehntel. Nun soll auch der nächste Karneval ausfallen. „Das heißt, die Branche steht dann ein Jahr lang still.“ Alle müssten an ihre Ersparnisse. „Das nennt man eine Enteignung“, sagt er. „Aber wenn ein Bauer enteignet wird, bekommt er wenigstens den aktuellen Wert des Bodens. Wir bekommen nichts.“ Deshalb sei ein Rettungspaket nötig, deshalb werde laut demonstriert.

Der Demonstrationszug führte vom Roten Rathaus zum Brandenburger Tor.
Foto: dpa/Britta Pedersen

Und laut ist es dann auch bei der Abschlusskundgebung am Brandenburger Tor. Dort sind es nach Angaben der Polizei  6500 Teilnehmer. Die Trillerpfeifen sind im Dauereinsatz und schweigen nur, wenn die Leute applaudieren. Die Zustimmung ist vor allem dann groß, wenn die Redner eine „unbürokratische und flexible Handhabung“ bei den Hilfen fordern.

Besonders laut sind die Teilnehmer auch, als der Sänger Herbert Grönemeyer die Bühne betritt. Auch er fordert nachdrücklich die Möglichkeit der Kurzarbeit für Selbstständige und ein bundesweites System zur Grundsicherung mit einem niedrigschwelligen Zugang. Sonst sei die „Chance groß, dass die gesamte Branche kollabiert“, sagt Grönemeyer. „Ein Land ohne Live-Kultur ist wie ein Gehirn ohne Nahrung.“ Diese Leerstelle führe zu „Verrohung und Verblödung“.

Dieser Satz bezieht sich auf die Verschwörungserzählungen bei Kundgebungen von Gegnern der Corona-Schutzmaßnahmen, bei denen in den vergangenen Wochen auch viele Rechtsextremisten dabei waren. Mit dieser Anspielung erntet Grönemeyer den wohl lautesten Applaus des Nachmittags.