Kastanienallee, Ecke Oderberger Straße. Ein alter Mann kommt vorbei. Er hält an einem Mülleimer an. Trainiert steckt er seinen Arm in den Abfall, rührt ein paar Mal herum und holt zwei leere Bierflaschen hoch. Die Ernte wird sorgfältig auf einem kleinen Wagen platziert, dann geht der Mann weiter.

Gleicher Ort, einige Minuten später. Eine fast identische Szene. Diesmal aber hat der alte Herr keinen Wagen. Eine große Rewe-Tüte umhüllt seine Beute von diesem Morgen. Doch nun hat er Pech. Der Behälter ist leer.

Wenn ich durch Berlin gehe, sehe ich sie ständig: alte Männer, manchmal auch Frauen, mit eingesunkenen Wangen, fahler Haut und grauen Klamotten, auf der Suche nach Pfandflaschen. Kaum war ich vor vier Wochen frisch aus den Niederlanden am  Hauptbahnhof gelandet, bat mich ein Mann schon um meine fast leere Wasserflasche.

Natürlich, in Amsterdam und Utrecht, den Städten, in denen ich arbeite und wohne, gibt es auch Menschen, die in Mülleimern suchen, ob da Pfandflaschen oder selbst  kalte Pommes zu holen sind. Gebettelt wird auf niederländischen Straßen auch. Ich kann mich aber nicht erinnern, dass ich in Holland mal gesehen habe, dass ein Rentner einen Mülleimer als Fundgrube nutzt. Ohne Ausnahme sind es dort Obdachlose, „zwervers“ auf Niederländisch.  Während meiner Zeit in Berlin ist es fast ein vertrauter Anblick geworden, verarmte Senioren zu sehen, die Pfandflaschen sammeln, weil – so vermute ich – die Rente zu niedrig ist.

In den vier Wochen, die ich in Berlin wohne, habe ich schon viele leere Flaschen gesammelt. Lust, sie wegzubringen, hatte ich bisher nicht. Es  ist vielleicht eine gute Idee, das Pfandgeld einem der alten Männer zu schenken, denen ich so oft auf der Straße begegne.

Gerrit-Jan Kleinjan ist Journalist, zurzeit Gastredakteur bei der Berliner Zeitung und beobachtet Berlin aus holländischer Sicht. Er arbeitet in Amsterdam bei der überregionalen Tageszeitung Trouw.