Eberswalde - „Ich unterziehe mich selbst der größten Strafe.“ Das sind die letzten Worte, die Günter G. in seinem Leben zu Papier brachte. Dann legte der 64-jährige Familienvater das Schreiben sorgfältig in seinem Auto ab, das er neben den S-Bahn-Gleisen bei Zepernick (Barnim) geparkt hatte und sprang vor einen herannahenden Zug. Das war in der Nacht zum 3. Dezember des vergangenen Jahres. Der Abschiedsbrief ist zugleich auch ein Geständnis. Darin gab er zu, vor 21 Jahren die 15 Jahre alte Andrea Steffen vergewaltigt und ermordet zu haben. „Wir sind überzeugt, dass er der Täter war“, sagte der Chefermittler der 5. Mordkommission, Axel Hetke, am Freitag. Einer der großen ungelösten Kriminalfälle Brandenburgs hat seinen Abschluss gefunden.

Andrea Steffen war im Mai 1991 aus einem Kinderheim in Neubrandenburg abgehauen, sie wollte zu ihrer Schwester nach Berlin trampen. Fünf Tage später wurde ihre nackte Leiche in einem Wald bei Warnitz (Uckermark) an der Autobahn A 11 entdeckt, an einer Stelle, die nur ein Ortskundiger kennen konnte. Es war nicht der Tatort, in dem Wald hatte der Mörder die Leiche nur abgelegt.

Der Druck war zu groß

An der Toten konnten die Fahnder damals auch eine DNA-Spur sichern, die erst Jahre später ausgewertet werden konnte und im vergangenen Jahr zum größten Massengentest in Brandenburg führte. 2 233 Männer zwischen 38 und 85 Jahren, die zum Tatzeitpunkt in der Region lebten, waren aufgerufen, eine Speichelprobe abzugeben. Günter G. war nicht darunter. Er war schon zwei Jahre vor dem Mord aus der Gegend weggezogen – in den Landkreis Barnim.

Günter G. schrieb in seinem Abschiedsbrief, er habe den großen Fahndungsdruck nicht mehr aushalten können und deswegen den Selbstmord gewählt. „Die Erinnerung an die Tat war bei ihm nach all den Jahren eingeschlafen“, sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Gerd Schnittcher. Doch durch das Massenscreening im vorigen Jahr sei sie mit einem Schlag wieder aktiviert worden. „Zwei Tage vor seinem Suizid lief im RBB zudem eine Dokumentation über den Fall“, so Schnittcher. Von da an habe Günter G. wohl angenommen, dass die Polizei jede Stunde vor seiner Tür auftauchen könnte.

In seinem Abschiedsbrief soll sich Günter G. sehr zurückhaltend über den Tatablauf geäußert haben. So schrieb er, es sei in einem Wald zum Sexualkontakt mit dem Mädchen gekommen, dabei sei er von Ekel gepackt worden und er habe sich abgewandt. Den Tod habe er sich nicht erklären können. Andrea Steffen war erwürgt worden.

Bereits der vierte gelöste Altfall

In seinem Abschiedsbrief nannte Günter G. auch den Tatort. Ganz in der Nähe dieser Stelle wurden die Fahnder schließlich fündig. Bodenproben aus einem Waldstück stimmten mit Spuren an der Leiche überein. Ungeklärt bleibt wohl für immer, wo der Mann sein Opfer im Auto mitgenommen hat.

Günter G. wuchs in einem Dorf 20 Kilometer von Warnitz entfernt auf. 1989 zog er von dort weg. Er war als Schafscherer tätig, den lukrativen Job gab er nach Angaben der Ermittler zwei Tage nach dem Mord an Andrea Steffen aber auf. Er verdiente sein Geld dann als Kraftfahrer und lebte völlig unauffällig.

Wie die Ermittler mitteilten, stimmt die DNA-Spur an der Leiche der Schülerin nicht mit der DNA von Günter G. überein. Schnittcher erklärte, die Spur könne durchaus von einem „Berechtigten“ stammen – einem Labormitarbeiter oder Polizisten etwa. „Damals achtete man bei der Spurensicherung noch nicht so sehr auf die hygienischen Verhältnisse“, sagte er.

Der Sexualmord an Andrea Steffen ist der vierte sogenannte Altfall, der in Brandenburg in den vergangenen Jahren gelöst wurde. Seit zwei Monaten gibt es mit den Ermittlern um Axel Hetke eine Mordkommission, die sich nur mit derartigen ungelösten Verbrechen befasst. Derzeit gibt es noch 120 ungeklärte Altfälle – davon 101 Tötungsdelikte und 19 Vermisstenfälle. Der älteste stammt aus dem Jahr 1948.