Berlin - Mehr als 11.500 Mal wurde in Berlin im vergangenen Jahr in Wohnungen und Einfamilienhäuser eingebrochen. Gerade einmal 7,3 Prozent der Taten werden aufgeklärt. Jetzt hofft die Polizei, dass sie mit einem Computerprogramm die Zahl der Einbrüche senken kann.

Die von einer deutschen Firma entwickelte Software „Precobs“ (Pre Crime Observation System) analysiert statistische Daten. Sie greift auf die Daten vergangener Einbrüche zurück. Mithilfe von Algorithmen sagt die Software dann voraus, in welcher Gegend die Wahrscheinlichkeit für den nächsten Einbruch am höchsten ist. Die Fahnder können sich dort schon vorher auf die Lauer legen.

Die Züricher Polizei setzt das Verbrechens-Orakel bereits seit Juni dieses Jahres ein und ist zufrieden. Auch in Nordrhein-Westfalen soll Anfang des kommenden Jahres ein Testlauf für das Einbruchs-Orakel starten. In den beiden Test-Regionen Duisburg und Köln will die Polizei ebenfalls Einbrüche vorhersagen. Erste Ergebnisse werden dort in der zweiten Jahreshälfte erwartet.

Bayern probiert die Software seit sechs Wochen aus. Ein Stabsbeamter des Berliner Landeskriminalamtes und ein Kriminalpolizist aus einer Berliner Polizeidirektion schauen derzeit ihren Bayerischen Kollegen genau über die Schultern. Sie wollen wissen, ob man die Ergebnisse auch in der 3,5-Millionen-Einwohner-Stadt Berlin anwenden kann.

„Wir warten die Ergebnisse der Kollegen in Bayern ab und bewerten dann, ob sich der hohe finanzielle Aufwand für uns lohnt“, sagt Berlins Polizeisprecher Thomas Neuendorf. Immerhin liegt der Preis für die „Precobs“-Software bei etwa 200.000 Euro. Einen Zeitplan, wann sie in Berlin eingeführt wird, gibt es noch nicht. Bisher wird die Software nur zur Bekämpfung von Wohnungseinbrüchen angewandt. Die Polizei trägt sich aber mit dem Gedanken, sie auch gegen Kfz-Diebstähle einzusetzen.

Serien erkennen

Die Zahl der Wohnungseinbrüche ist in den vergangenen Jahren bundesweit stark angestiegen, was vor allem mit der EU-Erweiterung zusammenhängt. Nach Erkenntnissen der Ermittler werden die meisten Einbrüche als Serientaten von reisenden Gruppierungen begangen, viele davon kommen aus Rumänien oder Bulgarien. Einen Teil der Einbrüche, vor allem in Wohnungen, begehen auch Drogensüchtige, die sich damit ihre Sucht finanzieren. Derartige Beschaffungskriminalität wie auch Zufallstaten, die etwa durch ein offenes Fenster provoziert werden, können per Computer nicht vorhergesagt werden.

„Bei Serientaten aber ist man zuversichtlich, Muster zu erkennen und so Alarmregionen bestimmen und seine Kräfte rechtzeitig hindirigieren zu können“, sagt Thomas Neuendorf. „Früher haben wir rote Nadeln an einen Stadtplan gesteckt und gesagt, es scheint so, dass wir den nächsten Einbruch in Schöneberg haben“, lobt ein Kriminalermittler, der Einbrüche bekämpft. „Künftig machen wir das per Computer. Und wir können uns auf wesentlich mehr Daten stützen, zum Beispiel auf länger zurückliegende Einbruchsserien.“

Michael Böhl vom Bund deutscher Kriminalbeamter warnt dagegen: „Grundsätzlich ist so eine Software sinnvoll, wenn es um reine Erfassung von Straftaten geht und wir weitere somit verhindern können. Aber dies darf kein Vorwand für Personalabbau sein.“

Der Landeschef der Deutschen Polizeigewerkschaft, Bodo Pfalzgraf, ließ sich kürzlich beim einem Polizeikongress in den USA vom Nutzen des „Predictive Policing“ überzeugen. Er hält große Stücke auf diese Art Kriminalitätsbekämpfung. „Das hat eine andere Qualität als das Stecken von Nadeln“, sagt Pfalzgraf. „Aber man muss aufpassen, dass man sich nicht zu schnell auf eine Software festlegt, sondern sollte verschiedene testen.“

Dafür zeigen sich auch die Berliner Grünen offen. „Einen Versuch ist es wert, die neue Software gezielt einzusetzen“, sagt Benedikt Lux, ihr innenpolitischer Sprecher. „Technik kann einen unterstützenden Beitrag leisten. Der Aufwand muss aber im Verhältnis zum Erfolg stehen. Das werden wir im Innenausschuss überprüfen.“

Allmächtiger Algorithmus

Die Einbrecherjagd per Computer stößt jedoch auf Skepsis. „Das Problem ist, dass unglaublich viele Daten von ganz vielen Leuten erfasst werden. Es geraten Leute ins Visier, die nichts damit zu tun haben“, sagt etwa Christopher Lauer von der Piraten-Fraktion im Abgeordnetenhaus. „Wir begeben uns auf einen Weg, dass nur noch ein Algorithmus definiert, was Kriminalität ist und was nicht, und wiegen uns in falscher Sicherheit.“ Laut Polizei werden dagegen nur die Daten ins Programm eingegeben, die unmittelbar mit dem Vorgehen des Täters und der Beute zu tun haben.

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