Verdi-Zentrale besetzt: Asyl für eine Nacht

Würde hat ihren Wert, Arbeit hat ihren Preis – so steht es in großen Lettern an der Glasfassade der Bundeszentrale von Verdi. Die 23 Bulgaren, bis zu ihrer Räumung kurz vor Weihnachten Bewohner der Eisfabrik-Ruine in Mitte knapp hundert Meter neben dem Gewerkschaftshaus, nehmen die Verdi-Botschaft wörtlich. Am Donnerstag gegen 11 Uhr haben die Obdachlosen im Foyer der Verdi-Zentrale am Paula-Thiede-Ufer Zuflucht gesucht.

Wie Verdi-Sprecher Jan Jurczyk am Abend sagt, dürfen die Bulgaren „für eine symbolische Nacht bleiben“. Verdi stellt dafür einen Raum im Konferenzbereich zur Verfügung – der trägt passend zum Thema den Namen Nabucco, in der Oper geht es unter anderem um das Freiheitsstreben des jüdischen Volkes. Indem man jetzt die Bulgaren aufnimmt, will Verdi ein Signal an die Politiker von Senat und Bezirk senden. „Sie können sich nicht länger aus der Verantwortung stehlen und der Zivilgesellschaft das Problem vor die Tür stellen“, sagt Jurczyk.

Die Bulgaren, unterstützt vom Bündnis gegen Zwangsräumungen, sehen die Verdi-Zentrale als „letzte Zuflucht“ an. Am Morgen mussten die 20 Männer und drei Frauen aus einem Hostel in Friedrichshain ausziehen, für das der Bezirk Mitte als „einmalige humanitäre Hilfe“ zehn Tage lang die Kosten bezahlt hatte. Diese Art der Unterbringung wird seit Donnerstag aber nicht weiter finanziert. Stattdessen hat der Bezirk die Bulgaren bei einem Gespräch am Mittwoch lediglich auf die Notunterkünfte in der Stadt verwiesen.

Kein dauerhaftes Asyl bei Verdi

„Unser erster Wunsch ist: Wir wollen einen Platz zum Schlafen. Wir haben keine Arbeit, deshalb können wir keine Wohnung mieten“, sagt Demir Stravkov, einer der Bulgaren. Und ohne Meldeadresse gebe es keine Arbeit. Einige Bulgaren verdienen sich etwas Geld auf Baustellen, sie gehen putzen oder sammeln Flaschen. In die Notunterkünfte wollen sie nicht, weil es nur einzelne freie Plätze gibt, sie aber als Gruppe zusammenbleiben wollen – wie in den vergangenen zwei Jahren in der Eisfabrik. Vom Bezirk fühlt man sich allein gelassen. „Der Bürgermeister hat uns ignoriert, uns nur die Liste der Notunterkünfte gegeben und rausgeschickt“, sagt Vesilin Acnov.

Verdi wurde durch die Aktion der Bulgaren überrascht, man betrachte sie als „Besuch von Nachbarn“, sagt Jurczyk. Den Bulgaren vermitteln die Gewerkschafter aber schnell, dass sie ihnen dauerhaft kein Asyl geben und auch bei der Suche nach Wohnungen nicht helfen können. „Wir wollen die Gruppe so gut es geht unterstützen. Im Bereich der Arbeit können wir helfen“, sagt Bernhard Jirku, Referent beim Bundesvorstand. Und Roland Tremper vom Landesbezirk Berlin sagt, man stehe in solchen Notfällen bereit, einen Runden Tisch zu organisieren und auch zu moderieren.

Die Unterstützer sind mit dieser Entwicklung zufrieden. „Wir wollen nicht, dass das Thema in die Anonymität zurückgleitet“, sagt eine Sprecherin vom Bündnis gegen Zwangsräumung. Die Zuflucht bei Verdi habe man gesucht, weil man sich dort Hilfe bei der Arbeitsvermittlung erhofft. Die Bulgaren und Verdi wissen aber auch: Was der Freitag bringt, ist unklar.